DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Wunden

»Spuren« lässt Hinterbliebene der NSU-Morde zu Wort kommen

»Spuren«? Man müsste gleichnamige Doku besser »Wunden« nennen. Denn es sind Verletzungen, denen Aysun Bademsoy nachgeht. Es sind die Wunden, die seelischen Verletzungen der Verbliebenen der NSU-Ermordeten, die sie wiedergibt. Zehn Menschen haben die nationalsozialistischen Täter umgebracht. Der fünf Jahre dauernde Prozess hat wenig bis keine Aufklärung gebracht. Die Rolle, das Versagen und die mutmaßliche Involviertheit des Verfassungsschutzes wurden nie geklärt. Das umfängliche Unterstützernetzwerks der Terroristen blieb weitestgehend unangetastet, man spricht bis heute von einem Trio.

Bademsoy porträtiert die Hinterbliebenen einiger Opfer. Sie erzählen, wie sie Jahre lang kriminalisiert wurden, weil die Polizei nur in die Richtung »kriminelle Ausländer« ermittelte. Diese erfahrenen Demütigungen lassen sie genauso wenig los wie sie den Verlust des geliebten Vaters, Ehemannes, Bruders nicht verwinden können. Im Sprechen über ihre ermordeten Verwandten treten natürlich viele triviale Aussagen zu tage, etwa modische Vorlieben oder cineastische Leidenschaften. Vor dem Hintergrund aber, dass diese Menschen einfach aus dieser Welt gerissen wurden, weil Nazis tun, was Nazis tun, wenn man Nazis tun lässt, erhöht gerade diese Trivialität die Bedeutung dieser Aussagen.

Leider ist der Film im Zugriff sehr selektiv, weiß man nicht, warum gerade diese Familien porträtiert werden. Manchmal wirkt er unkonzentriert, so als ob einige Personen mal nebenbei abgepasst wurden. Damit verschenkt die Doku einige Wirkung. Das die schwächt die Schilderungen des Verlusts nicht ab. Weil aber der konkrete Zugriff nicht klar wird, bleibt ein Eindruck der Beliebigkeit zurück.

TOBIAS PRÜWER

Spuren, Deutschland 2019, 81 min., R.: Aysun Bademsoy

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