DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Zerrissene Familien

»Village of Women« zeigt ein armenisches Dorf, in dem die Frauen das Sagen haben.

Eine Gruppe Frauen sitzt an einem Tisch. Im Hintergrund sieht man eine dürftig verputzte Hauswand und blauen Himmel. Billige Sektgläser und Teller mit Essen steht vor der kleinen Gemeinschaft. Plötzlich beginnt eine von ihnen zu singen. Die anderen stimmen für wenige Takte mit ein und verstummen wieder. Als die Weise endet hat die Sängerin Tränen in den Augen.

Die Verbundenheit zur Heimat und die Sehnsucht spielen eine große Rolle in »Village of Women«. In den armenischen Geschichten und Liedern schlägt sie sich nieder. Denn das Land ist arm. Es gibt keine Industrie, keinen nennenswerten Handel und deshalb auch keine Arbeitsplätze. »Wir sind Sklaven des russischen Volkes« sagt einer der alten Männer, die zusammensitzen und Wodka trinken. Was er meint ist, dass die jungen Männer, um Arbeit zu finden, nach Russland gehen müssen. Neun Monate oder länger bleiben sie dort. Nur im Winter kehren sie zurück in die Gemeinschaft. Bis dahin verrichten die Frauen die Arbeit. Sie sind es die die Traditionen am Leben erhalten und die Felder bestellen.

Über zwei Jahre hat die Regisseurin Tamara Stepanyan die Dörflerinnen in ihrem Alltag begleitet. Die Zeit, die sie sich genommen hat, zahlt sich aus. So gelingt es ihr das karge Leben unaufgeregt zu porträtieren. Sie begleitet die Frauen bei der Kartoffelernte, beim Backen von Fladenbrot oder beim Bügeln auf dem Boden. Und manchmal lässt sie sie erzählen. Von ihren Männern. Von dem Moment, als die Eltern ihre Ehen arrangierten.

»Früher in der Sowjetunion ging es uns besser«, sagt einer der Alten. Er erinnert sich an eine Zeit, in der es für jedes Dorf kostenfreie Elektrizität und Gas gab. Ob es früher wirklich besser war lässt die Dokumentation offen. Dass das Leben im Heute ein schweres und armes ist, zeigt sie deutlich. »Das ist kein Leben«, sagt einer der Männer als er zu Weihnachten zurück in die Heimat kommt. Für eine kurze Zeit sind da die Paare wieder vereint. Ein flüchtiges Glück, von dem sie das restliche Jahr über zehren. Die Kinder lernen unterdessen in einem baufälligen Haus das Boxen, tanzen zu Songs aus dem Radio oder machen ihre Hausaufgaben, ehe sie sich alle im großen Bett zusammenkuscheln und einschlafen.

»Village of Women« ist eine Dokumentation über starke Frauen, die ein ganzes Dorf am Laufen halten. Sie ist so gesehen, wie vielerorts beschrieben, durchaus feministisch. Darüber hinaus erzählt sie von einem Land, in dem die Not so groß ist, dass ganze Generationen von Familien zerrissen werden. Und findet dafür starke, äußerst originelle Bilder.

JOSEF BRAUN

Village of Women

Frankreich/Armenien, 2019, 92 min., Tamara Stepanyan

Passage Astoria / 02.11.2019 / 13:00

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