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kreuzer_01_2015 - Musik

Dialog ist besser: Vom Trend des Selbermachens profitieren auch die Leipziger Booker "Eine Welt aus Hack"

036 Musik 0115 Film 028 Spiel 034 Theater 046 Literatur 056 Kunst 060 Termine 072 FranZiSkaBarth Leipzigs unsanierte Altbauten bieten mehr als nur Wohnraum. Der große Keller einer ver- winkelten Villa in Connewitz wird alle paar Wochen zum geheimen Konzertparkett. In Neu- schönefeld schallt französischer Hardcore und Grunge live aus den Geschossen. Immer mehr Bands und Booker greifen die Idee vom spon- tanen und halbillegalen Auftritt aus der DJ-domi- nierten Szene auf. Christian »Kirmes« Kühr ist mitverantwortlich für diese Entwicklung. Er profitiert von Leipzigs formlosem Stadtbild, das ein DIY-Revival erst ermöglichte, und hilft mit seiner Booking-Agentur »Eine Welt aus Hack« auch Bands, die es auf keine etablierte Bühne schaffen. Fast noch als Teenager gründet Kirmes mit zwei Freunden die Agentur. Mit 22 schmeißt er in Erfurt die Schule, wohnt seit letztem Jahr, 24-jährig, in Leipzig. Und bucht mittlerweile hauptberuflich Acts ins UT, Conne Island, Goldhorn. Jetzt probt er die Annäherung an die andere, elektronische Sphäre. Erstmals setzte »Eine Welt aus Hack«, die ja eigentlich für puristischen Garagenrock steht, ein Programm völlig ohne Instrumente an. »This is a Hack premiere«, jubelte ihr Blog, »our first electronic party«. Ist das eine Neuigkeit, auch über den Hacktellerrand hinaus? »Ja, es gibt zwei Szenen in Leipzig«, ist Kirmes überzeugt, »aber beide stehen auf Hand- gemachtes.« Im Optimalfall sieht er digital und analog im Dialog. Auch, weil ihm eine Seite allein nie genügt. »Ins IfZ gehe ich auch gerne, aber da fällt es mir schwer, lockerzulassen – und im Goldhorn kannst du immer ausrasten.« Dem IfZ und dessen Veranstaltungen unter- stellt Kirmes auch DIY-Attitüden. Andererseits findet er sich selbst – »einen Popsong zu schrei- ben ist immer noch die größere Leistung«, sagt er – nur in Gitarrenmusik wieder. Kirmes gehört zu den wenigen Personen, die einen Lebensstil verkaufen, den sie auch selbst leben. Obwohl die Überschneidung von Brotjob und persönlichem Vergnügen auch ihre Haken hat. »Ich höre fast nur noch Bands, die mir jemand geschickt hat, weil er will, dass ich die buche«, gibt Kirmes zu. Zuletzt eben eine elektronische IDM-Platte. Andererseits darf er unter dem Deckmantel der Professionalität kühne Träume realisieren. Zum Beispiel, wenn er Bands samt schwerem Equipment aus Amerika ins Goldhorn lockt, wo dann vielleicht nur zwanzig Zuschauer warten. DIY meint eben nicht nur ein besonders rot- ziges Klangbild. Sondern ist übergreifend auch der Konter einer von Mangel inspirierten Gene- ration, die mittlerweile im genauen Gegenteil, dem materiellen Überfluss nämlich, einen Grund zur selbstauferlegten Eigenständigkeit findet. Dazu gehört für Kirmes auch, die Sensi- bilität von Orten wie dem Goldhorn zu beschüt- zen. Und das Geschäft nicht aus Geldgier zu überdehnen. »Es gibt eine Menge fieser Typen in meiner Branche«, sagt Kirmes und erinnert sich an »englische Wirtschaftsstudenten, die manipulativ arbeiten, über die Köpfe von Bands hinweg«. Trotzdem kooperiert Kirmes mit englischen Agenten. »Die bieten dir vielleicht nicht ihre Freundschaft, aber dafür wirklich gute Bands.« Schlimmer findet er Versuche, mit DIY wirklich alle Lebensbereiche auszuhöhlen. »Die Kehrseite von DIY« hat Kirmes nämlich auch schon gese- hen. Und versucht sie zu vermeiden. »Erst kurz vor der Show Essen servieren, den Zeitplan nicht einhalten, die Gage neu verhandeln, das gibt es bei uns nicht«, sagt Kirmes. »Bei ›Eine Welt aus Hack‹ stehen Räume und Umstände für DIY.« Und im Leipziger Osten sieht er den ulti- mativen Spielplatz für alles selbst erdachte Selbst- gemachte, für noch lange Zeit. »So schnieke wie Plagwitz wird es hier nie werden, da die Leute kommen und gehen, aber nie bleiben.« Kommen und gehen, auch das ist DIY. Und Kir- mes erscheint das derzeitige Revival nur logisch, in einer Gesellschaft, die »nur dann zur Hoch- leistung aufläuft, wenn es darum geht, unser Leben schneller zu machen«, wie er sagt. Irgendwann spricht Kirmes über Kassetten, die ultimative Grundzutat im DIY-Band-Merchan- dise. Und sagt den schönsten Satz des Tages, der vielleicht alles beantwortet. »Wenn man verliebt ist, macht man seiner Freundin eine Kassette.« JOSA MANIA-SCHLEGEL ▶ www.eineweltaushack.com Dialog ist besser »Es gibt eine Menge fieser Typen in meiner Branche«: Booker Kirmes gehört eher nicht dazu DIY, also Selbermachen, hat in Leipzig Aufwind. Davon profitieren auch die Booker »Eine Welt aus Hack« DIY meint nicht nur ein besonders rotziges Klangbild

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