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kreuzer_01_2015

"Es verheilt langsam": Anna Keil über eine blutige Premiere; Russischer Faust: "Der Meister und Margarita" in den Cammerspielen; Logik kleiner Schritte: "Zeiten des Aufruhrs" konsequent trostlos

052 Theater 0115 Film 028 Spiel 034 Musik 036 Literatur 056 Kunst 060 Termine 072 Lebe in den Vorstädten. Heim – Garten – Son- nenschein«: Riesengroß dominiert das Werbeschild die allzeit gähnend leere Bühne. Als hohles Versprechen stellt Enrico Lübbe diese Botschaft in »Zeiten des Aufruhrs« mit aller Kon- sequenz heraus. Seine Uraufführung von Richard Yates’ Roman fängt die Tristesse des Mit- telschichtentraums als überlange Kleinbürger- hölle bis zur Ermüdung ein. Der Titel legt eine falsche Fährte. Als »Das Jahr der leeren Träume« erschien der Roman tref- fender erstmals auf Deutsch. Denn niemand lehnt sich hier auf. Connecticut 1955: Die Mittelschich- tenfamilie Wheeler hängt in der ereignisarmen Suburb-Idylle fest und leidet an sich selbst, den Nachbarn und nie gelebten Träumen. Der Vor- lage treu folgend, gestaltet Lübbe das Drama oberflächlich und emotionsarm, mit abgedämpf- tem Spiel zwischen Naturalismus und durch- regierten Standsprechtheaterformationen. In jeweils verschiedenen Gruppierungen treten auch die Darsteller auf und geben abwechselnd eine durch die Handlung führende Sprecherpo- sition. Szenen werden oft nur angedeutet, nicht ausgespielt. Das funktioniert anfangs ganz gut, gerät aber insgesamt als zu monotones Mittel, auch, weil die Regie den Darstellern neben Satzaufsagen kaum Spielraum lässt. Lübbes Konzept ist stringent, Trostlosigkeit und Konformität der Romanatmosphäre liegen über jeder Szene. Wie ein von Sicherheitsbeden- ken geprägter Karriereplan folgt die Inszenierung der Logik kleiner Schritte. Überraschungen will der Handlungspendler ebenso wenig erleben wie der Abend bieten. Überfordert werden Stadt- theaterbesucher höchstens durch die Länge von dreieinhalb Stunden. TOBIAS PRÜWER ▶ »Zeiten des Aufruhrs«, 18.1., 19.30 Uhr, Schauspielhaus Kann der Teufel sich noch einmal in einer Dichtung unserer Epoche verselbständi- gen?«, fragt Anna Seghers. »Nicht entmachtet, entteufelt …, sondern im Vollbesitz seiner Macht … Kann er noch einmal ... glaubhaft dargestellt werden, als Widerspiegelung eines grauenhaft verlockenden Zweifels, der heute Menschen verwirrt?« Ja, man kann, wie »Der Meister und Margarita« beweist – das Seghers-Zitat entstammt dem Klappentext der Erstausgabe. Michail Bulgakows Roman über das Moskau der zwanzi- ger Jahre ist Abenteuerstory und Liebesgeschichte zugleich, Philosophiestück über die Grenzen von Gut und Böse, Eulenspiegelei über die Ohn- machtsfantasien der Kunst und Groteske auf die Bürokratie. Einige Interpreten haben das Werk »russischer Faust« genannt. Da ist einiges dran. Bulgakow war Kult in der DDR, konnte man seine Teufeleien doch als plastische Systemkritik verstehen. In postsozialistischen Zeiten hatte das Buch ein kleines Revival. Warum Mathilde Lehmann es anno 2015 in den Cammerspielen inszeniert, erklärt die Regisseurin als »Zufalls- bekanntschaft«. »Ich war auf der Suche nach einem neuen Stoff, um mein Thema Träume und Räusche weiter zu verfolgen. Da stieß ich auf das Buch, das es mir mit seiner merkwürdigen Grauzone gleich angetan hat. Was ist hier Reali- tät? Das war perfekt für ein Drogen-Macht-Alb- traumtheater.« Die Dialoge hat sie Bulgakows Werk entnommen, erzählte Episoden in Bewe- gungen übersetzt. Wie im Buch die Welt in viele Wirklichkeiten gespalten wird, so löst Lehmann die Raumteilung in den Cammerspielen auf. Der ganze Saal ist Bühne für diesen halluzinogenen Sprech- und Tanztheater-Angstraum. TOBIAS PRÜWER ▶ »Der Meister und Margarita«, Premiere: 15.1., 20 Uhr, 16./17.1., 20 Uhr, 18.1., 18 Uhr, Cammerspiele Hat sie oder hat sie sich nicht verletzt? Das Publikum rätselte, als Anna Keil bei der Pre- miere von »Komödie im Dunkeln« im Schau- spielhaus eine Blutspur zog. Ihr gehe es gut, sagt die Schauspielerin auf kreuzer-Nachfrage. kreuzer: Ihr Bein zeigte eine Blutspur, war die Verletzung echt? ANNA KEIL: Ja. Ich habe mich dummerweise gleich am Anfang der Premiere ins Bein geschnit- ten. Das war aber im Grunde schon alles. kreuzer: Das sah sehr blutig aus. KEIL: Es war schon eine fette Schnittwunde. Weil ich nur einmal ganz kurz von der Bühne ab- gehe, konnte ich sie nicht groß versorgen. Durchs Adrenalin habe ich das erst gar nicht gemerkt und später aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass der Boden voll Blut war. Wir spielen ja, dass wir nichts sehen. kreuzer: Wie spielt man das? KEIL: Das ist die Herausforderung. Man muss ja trotzdem Sachen wahrnehmen, auch von Kolle- gen, aber darf als Figur nicht sehen. Sich zu sto- ßen und zu wissen, wo man gegenläuft, und so zu tun, als ob man sich verletzt, ist nicht ein- fach. Wir haben zu Beginn auch mal mit geschlos- senen Augen ausprobiert, wie man sich im Raum bewegt. Aber das ist noch nicht komisch, weil man sich vorsichtiger bewegt. kreuzer: Das ist Ihnen realistisch gelungen. Ihre Kollegin Ellen Hellwig hat es auch erwischt? KEIL: Sie ist von der Bühnenkante ins Leere getreten. Aber uns geht es gut, es verheilt alles langsam! INTERVIEW: TOBIAS PRÜWER ▶ »Komödie im Dunkeln«: 30.1., 20 Uhr, Schauspielhaus Teuflisch: Kater Behemoth schleicht auch noch rum Trotz viehisch viel Blut weitergespielt: Anna Keil Überleben im Hamsterrad? Schönes Schlussbild Mit »Der Meister und Margarita« ersteht ein Drogen-Macht-Albtraumtheater auf Anna Keil über ihre blutige Premiere im Dunkeln Russischer Faust »Es verheilt langsam« MathiasSchäferRolfArnoldRolfArnold Konsequent trostlos gestaltet Enrico Lübbe seine »Zeiten des Aufruhrs« Logik kleiner Schritte | Rezension |

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