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kreuzer_01_2015

"Verständlichmachen durch Ausprobieren": Der Leipziger Filmschule droht das Aus; Auf dem Boden der Realität: Das Cinebrasil bringt aktuelles brasilianisches Kino nach Leipzig

Film 029 0115 Termine 072 Kunst 060 Literatur 056 Theater 046 Musik 036 Spiel 034 Als ich im Haus meiner Mutter oben im Dop- pelstockbett lag und der Regen auf mein Gesicht tropfte, wusste ich, dass ich wieder in der Realität angekommen war.« Nicht nur für Alexandre Rodrigues, der als Buscapé die Men- schen weltweit in die Geschichten der »City of God« hineinzog, bedeutete der Erfolg des Films von Fernando Meirelles einen gehörigen Kul- turschock. Der Regisseur hatte seine Darsteller damals aus den Straßen der Favelas gecastet und ihnen damit Chancen eröffnet. Cavi Borges und Luciano Vidigal zeichnen die Wege der Pro- tagonisten in »Cidade de Deus 10 Anos Depois« nach. Einige von ihnen leben ihren Traum, andere sind nicht so weit gekommen. Von gelebten und geplatzten Träumen erzählen viele Filme des diesjährigen Cinebrasil, das in seinem zehnten Jahrgang auch wieder in Leipzig Station macht und zeitgenössisches Kino aus dem pulsierenden Herzen Lateinamerikas auf die Leinwände bringt. Der Independentfilm »Amor, Plástico e Barulho« spiegelt die harte Rea- lität im Showbiz, hier anhand zweier Frauen- schicksale. Shelly träumt von einer Karriere als Sängerin. Jacqueline hat diese bereits hinter sich und kämpft gegen das Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Die bildende Künstlerin Renata Pinheiro zeigt in ihrem preisgekrönten Langfilmdebüt die hässliche Fratze des Musik- geschäfts, das geprägt ist von Neid und Eitel- keiten. Die Musik ist immer wieder die treibende Kraft im Kino Brasiliens. »Um Filme de Dança« von Carmen Luz legt den Fokus auf afrobrasilianische Tänzerinnen und Tänzer. Der Dokumentarfilm zeigt einige der prominentesten Körperkünstler Brasiliens, die mit ihren Bewegungen den Erfahrungen als Schwarze in der Gesellschaft ihrer Heimat Ausdruck verleihen. Die Regis- seurin arbeitet selbst als Choreografin und Tän- zerin und schuf einen kunstvollen Blick auf die Sprache des Tanzes. Insgesamt werden acht aktuelle Produktionen in der Schaubühne Lindenfels und im Cineding zu sehen sein. Darunter auch »Praia do Futuro« von Karim Aïnouz, der in diesem Jahr im Wett- bewerb der Berlinale seine Premiere feierte. Das brasilianische Kino hebt sich mit seinem direkten, oft radikalen Zugang zu seinen Themen immer wieder ab vom Kino Lateinamerikas. Daher lohnt der Einblick, den der Leipziger Ver- ein Sudaca in Zusammenarbeit mit der Berliner Initiative »cinema negro« mit dem Cinebrasil offenbart. LARS TUNÇAY ▶26.–31.1., Schaubühne Lindenfelds, Cineding ▶www.cinebrasil.info Die Filmschule Leipzig arbeitet bereits seit 1988 als medienpädagogische Einrichtung. Eleonore Sladeck und Simone Bauer vermitteln dort mit zahlreichen ehrenamtlichen Helfern Kindern und Jugendlichen den Umgang mit dem Medium Film. Nun sollen die Fördermittel gestrichen werden. kreuzer: Was machen Sie in der Filmschule? ELEONORE SLADECK: Allgemein betrachtet die kreativ-rezeptive Arbeit mit Film. Genauer gesagt … SIMONE BAUER: … eine sehr anschauliche Betrachtung von anspruchsvollen Filmen, Kurz- filme, historische Arbeiten. Wir wollen darüber hinaus auch hinter die Kulissen des Films steigen, nicht nur das Thema, sondern auch die Ästhe- tik des Films vermitteln. kreuzer: An wen richtet sich Ihr Angebot? SLADECK: Vor allem an Kinder, denn wir denken, dass die Auseinandersetzung mit Medien in frühesten Jahren beginnen sollte, statt die Kinder einfach nur vor den Fernseher zu setzen. BAUER: Sehr wichtig ist uns auch die Arbeit mit geistig oder körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen, die aus Fördereinrichtungen kommen. Wir kooperieren mit Schulen, haben aber auch Nachmittagsangebote für Filmclubs. Seit 1993 arbeiten wir mit dem DOK Leipzig zusammen und begleiten die Jugendjury. Daraus ist die AG Film entstanden, weil die Jugend- lichen gesagt haben, wir wollen uns darüber hinaus mit anspruchsvollen Dokumentarfil- men befassen. kreuzer: Wie vermitteln Sie Medienkompetenz? SLADECK: Unser Grundsatz lautet, Verständlich- machen durch Ausprobieren mit einfachsten Mitteln. Wir sind zwar auch digitalisiert, aber unser Prinzip ist es, zu den Anfängen zurück- zugehen, Filmgeschichte zu vermitteln, etwa mit den Scherenschnittfilmen von Lotte Reiniger. Vorbild ist die Erfurter Filmschule, die bereits in der DDR die Initialzündung setzte, mit den eigenen Mitteln des Films Film verstehen zu lernen. kreuzer: Wie trägt sich die Filmschule? SLADECK: Mit ein bisschen Verrücktheit und viel Eigenengagement. Wir sind über die Jahre von unterschiedlichen Stiftungen und Förde- rungen unterstützt worden, darunter das Kultur- amt der Stadt Leipzig, die DEFA-Stiftung und viele andere. BAUER: Das sind aber immer nur kleine Bau- steine, der größte ist die Jugendhilfe der Stadt Leipzig. Wenn die wegbricht, können wir die Filmschule nicht über Wasser halten. SLADECK: Nun haben wir inoffiziell erfahren, dass wir auf der Streichungsliste für das kom- mende Jahr stehen. Das ist nicht das erste Mal und wir sind nicht die Einzigen auf dieser Liste, aber die Situation in Leipzig wird nicht besser. Wenn der Etat nicht erhöht wird, wird das wohl immer so weitergehen. kreuzer: Welche Möglichkeiten sehen Sie, der Schließung entgegenzuwirken? SLADECK: Mit uns wurde bislang nicht geredet. So etwas muss man dann immer über drei Ecken erfahren. Wir sind organisiert in einem Arbeitskreis Medienpädagogik der Stadt Leip- zig. Der hat einen Brief verfasst an die Stadträte und den Jugendhilfeausschuss. An diesem Bürgereinwand zum Haushalt können sich alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen und for- dern, den Etat zu erhöhen. LARS TUNÇAY ▶www.filmschule-leipzig.de Film zum Anfassen: Kinder beim Scherenschnitt (Bild links), Filmschule-Macherinnen Bauer (l.) und Sladeck Wenn die Kamera aus ist, bricht die Realität herein DanielaWiedner(2) cinemanegro(FilmproduktionGmbHBerlin) »Verständlichmachen durch Ausprobieren« Auf dem Boden der Realität Die Leipziger Filmschule vermittelt seit 26 Jahren Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz. Nun droht ihr das Aus Das Cinebrasil bringt aktuelles brasilianisches Kino nach Leipzig

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