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Logbuch_2016

MAGAZIN | www.kreuzer-leipzig.de 25 chen Ort verpasst hat. Zu Hause geht man ja zu so was doch nie hin. Vor dem Wachsfigurenkabinett steht Marilyn Monroe und hält sich den Rock fest, während sich ein paar Japaner mit Mundschutz mit ihr fotografieren und skandinavische Männer an den Aushängen des Restaurants nebenan die günstigen Bierpreise bestaunen. Erholung von den Eindrücken verspre- chen die vielen Thai-Massage-Studios. Aber es geht auch poetisch zu. Ein langhaariger Herumtreiber macht mit großen Schlaufen Riesenseifenbla- sen, die Kinder sind begeistert, ihre Eltern fotografieren sie mit dem iPad. Sie wollen den flüchtigen Moment festhalten, als ihre Kinder noch nicht so abgestumpft waren wie sie. Als eine Ampel piept, gucken alle vorwurfsvoll auf die Japaner, ob sie vielleicht radio­aktiv sind (Fukushima!). Wenn man Deutsche reden hört, verstummt man sofort. Lieber würde man im Aus- land für einen Robbenjäger gehalten werden, als von Landsleuten erkannt. Immer wieder rollen Kolonnen von Segway-Fahrern heran, Touristen, die einen pfiffigen Ausflug durchs historische Prag gebucht haben. Der Stadtführer hält den Griff lässig mit einer Hand fest und raucht mit der an- deren eine Zigarette. Zum Hradschin hoch gibt es auch Touren mit dem ­E-Bike. Etwas langsamer geht es mit einem riesigen, blumengeschmückten Hare-Krishna-Wagen vorwärts, der zum Wenzelsplatz geschoben wird. Auf der Karlsbrücke bittet ein ambitionierter Hobbyfotograf einen am Boden hockenden jugendlichen Bettler, für ein Foto noch einmal in seinen Apfel zu beißen. Alle wundern sich, warum die Brücke nicht umbenannt wurde und immer noch nach Karl Marx heißt. Straßenkünstler fertigen Schnellzeichnungen an. Etwas peinlich, weil ein Kind Down-Syndrom hat. Wie soll man es karikieren? Größere Gruppen tragen Basecaps in einheit­ lichen Farben und folgen Frauen, die zur Erkennung Regenschirme hoch- halten und rasend schnell in Headsets sprechen. Je älter die Männer sind, umso länger sind ihre Objektive. Auf der Moldau schwimmen viele Ruder- boote, weil man im Urlaub ja mal rudern möchte. Allerdings wird das schnell langweilig. Der Mann muss dann den Rest der Zeit alleine weiter­ rudern. Für frisch Verliebte gibt es ein Tretboot in Gestalt eines Schwans. In vielen Städten befindet sich eine Skulptur oder ein Stück von einem Gebäude, das man anfassen oder küssen muss, weil das Glück bringt. In Berlin sollte man auf der Gertraudenbrücke einen Mäuserücken streicheln. In Irland muss man auf Blarney-Castle den Blarney-Stone küssen, um die Gabe der Eloquenz zu erlangen. In Istanbul steckt man in der Hagia Sophia seinen Finger in ein Loch im Marmor und dreht die Hand. In Rom besteht sogar die Möglichkeit, seine ganze Hand in die Bocca della verità zu stecken und zu hoffen, dass sie nicht abgebissen wird. In Budapest muss man den Stift der Anonymus-Skulptur berühren, um seine Schreibkünste zu verbes- sern. In Moskau streichelt man auf der Station Ploschtschad Rewoljuzii die Schnauze von einem Bronzehund, um den Tag über Glück zu haben. Hier in Prag muss man auf dem Hradschin den Schniedel einer Jungsskulptur be- rühren, der davon schon ganz golden poliert ist. Die Frauen einer spani- schen Reisegruppe gackern begeistert. Weil sie so klein sind, werden sie von ihren Männern hochgehoben. Jede hat eine andere Technik, das Ding anzufassen. Zwei täuschen in scherzhafter Absicht einen Blowjob an. Die Asiatinnen zeigen nur mit dem Finger auf den Schniedel und halten sich dabei verschämt die Augen zu. Auffällig viele spanische Reisegruppen gibt es, sind die denn nicht pleite? Oder kommen sie her, um Geld zu sparen? Später geht es in eines der vielen Restaurants, die »Zum Schwejk« heißen, wo original tschechische Knödel und tschechisches Bier serviert werden. Ein Akkordeonspieler spielt dazu »Bésame mucho«. Man kann auch »Don Giovanni« sehen, das ja in Prag Premiere hatte und in der Oper jeden Abend gespielt wird, aber natürlich nicht so schön klingt wie Vivaldi. Und was hat mich in Prag begeistert? Das Kotva-Kaufhaus, dessen kühne, moderne Architektur heute ihre Gegner hat. In der Kinderabteilung kaufe ich Igrácˇek-Figuren, ein tschechisches Playmobil-Plagiat von 1976, das wie- der produziert wird, jetzt allerdings mit Nasen! (Und die dazugehörige ­unterirdische Kaufhalle verlasse ich, wie 1987 bis 1989, mit »pomazánkové máslo«, Hörnchen, Tubensahne, Brausepulverbonbons, Slavia-Kakaobon- bons und Knetradiergummi. Das Tisch-Eishockeyspiel verkneife ich mir.) Eine Bücherkiste auf der Straße, mit aussortierten, tschechischen Stalin- und Lenin-Ausgaben. Die gürteltierartige Glasziegelfassade der Neuen Szene des Nationaltheaters. Ein Keller-Antiquariat mit Schul-Schautafeln vom Urzeitbilder-Maler Zdeneˇk Burian. In Žižkov lässt uns der Küster in die frisch renovierte Bethlehem-Kapelle mit spektakulärer kubistischer Wand- bemalung. Im Nationaldenkmal am Vítkov-Berg eine Ausstellung über Mu- sik und Politik mit einem selbst gebauten Gerät zum illegalen Pressen von Schallplatten aus den Fünfzigern und einem Schaukasten mit originalen Tramper-Klamotten aus den Siebzigern. Am Fernsehturm gibt es einen La- den mit nachproduzierten Botas-66-Turnschuhen in den tschechischen Farben, wie sie in den Sechzigern weit verbreitet waren. Die retro-futuris- tisch gestalteten U-Bahnhöfe, die höflichen Zugansagen vom Band. Hinter der Kunstakademie ein Spielplatz mit Betonelementen wie von Miró. Ein Made-in-GDR-Gullydeckel auf dem Hradschin. Eine schwangere Barbie mit aufklappbarem Bauch im Spielzeugmuseum. Die Xylothek (Holzsortenbi- bliothek) im Kloster Strahov. Ein Murmel-Turnier am Fuß des Petrˇín, dem Prager Miniatur-Nachbau des Eiffelturms. Der Schreibtisch mit Briefschlitz im Arbeitszimmer und die Farben im Kinderzimmer in der Villa Müller von Adolf Loos. Die kubistischen Holzspielzeugtiere in der Sezessions-Aus- stellung im Obecní du°m. Als Jugendlicher war es für mich eine große Erkenntnis, die ich von älte- ren, erfahrenen Reisenden übernommen hatte, dass man in jeder Stadt nach der Altstadt suchen musste, denn spätere urbane Entwicklungspha- sen kannte man ja schon von zu Hause. Damals war das Spazieren durch die Prager Altstadt gleichzeitig ein Protestmarsch gegen die sozialistische Stadtplanung. Mit einem »párek v rohlíku« in der Hand, einem von einem Dutzend, die man täglich aß, saß man auf den Stufen einer der vielen Kir- chen und genoss es, wie alt alles war und wie jung man selbst. Inzwischen ist in der Prager Altstadt offenbar fast jedes Haus in ein Hostel umgewan- delt worden. Bis spät in die Nacht halten sich deren Gäste auf dem Bürger- steig vor den Gebäuden auf und tauschen sich in gebrochenem Englisch über die Erlebnisse ihrer gestrigen Sauftour aus. Bier wird aus dem Lebens­ mittelladen gegenüber geholt, der, wie alle Lebensmittelläden hier, von Asiaten betrieben wird. Tschechisches Bier, denn im Urlaub will man seine Routine durchbrechen und lokale Spezialitäten genießen. Das Spermium ist inzwischen besoffen und kotzt in eine Kleiner-Maulwurf-Tüte. Ein paar Engländer haben sich golden angemalte Schwänze umgebunden und for- dern spanische Touristinnen auf, sie anzufassen. Albert Einstein prügelt sich mit einem Affen, weil ihn sein Keyboardspiel beim Stillstehen stört. Erst lange nach Mitternacht kehrt für kurze Zeit etwas Ruhe ein. Nur ab und zu hallt durch die Gassen der Gesang der deutschen Freunde des Sper- miums, die immer wieder den Gaucho-Tanz machen. Ein japanischer Seg- way-Fahrer, der seine Gruppe verloren hat und nicht weiß, wie er das Gerät stoppen kann, rollt bis zum Mor- gengrauen durch die Straßen und ruft leise auf Tschechisch um Hilfe: »Pomoc! Pomoc!« Aber es gibt hier nie- manden mehr, der diese Sprache versteht. JOCHEN SCHMIDT, geboren 1970, lebt als Journalist und Schriftsteller in ­Berlin. Er war Mitbegründer der Berliner Lesebühne »Chaussee der ­Enthusiasten« und schreibt Kolumnen für verschiedene Zeitungen. ­Zuletzt erschien von ihm 2015 beim Verlag C. H. Beck der Erzählband ­»Der Wächter von Pankow« und bei Piper »Gebrauchsanweisung für ­Ostdeutschland«. Bringt Glück: Der Schniedel von Prag JÖRGSTEINMETZ

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