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Logbuch_2016

Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn: Die Essensvernichter; Sabine Kranz: Sonntags um halb vier

ESSEN UND TRINKEN | www.kreuzer-leipzig.de 51 Eiserne Kalori­ enzähler kön­ nen schon an dieser Stelle ihre Lektüre beenden, denn Sa­ bine Kranz’»Sonn­ tags um halb vier … Von Buttercreme und Zuckerguss« richtet sich an Le­ ser, die bereit sind für richtige Butter und geschlagene Sahne. Im Vorwort beschreibt die Frankfurter Illustratorin und Designerin Erinnerungen an üppige sonn­ tägliche Kaffeetafeln ihrer Familie, als sie noch bei der Vorbereitung auf dem Küchenstuhl kni­ end den Duft von Hefe und Mandeln in der Nase und die Stimme ihrer Oma im Ohr hatte, die, einen Schlager trällernd, den Teig knetete. Bis der Kuchenduft aus dem Ofen kam, spielten dann beide »Mensch ärgere dich nicht«. Die heraufbeschworene (heile) Welt muss lange vor der Erfindung von Crème fraîche und dem Einzug von Magerquark existiert haben. Die Re­ zepte tragen nahezu in Vergessenheit geratene Namen wie »Apfel­Gitterkuchen«, »Mohnstollen« oder »Frankfurter Kranz«. »Reine de Saba«, »Tarte Tatin« und »Apple Pie« wirken in dieser Runde schon wie Exoten. Bei Kranz wird noch mit Sah­ nesteif und Hirschhornsalz gebacken, und beim Teig für den Marmorkuchen darf ein gestrichener Teelöffel Natron nicht fehlen. Genau dieser Mar­ morkuchen wurde immer als »Reservekuchen« gebacken, wenn Oma Ilse befürchtete, dass die bereits geplanten Blech­ und Rührkuchen, Torten und Cremerollen nicht reichen könnten, um alle Gäste satt zu machen. Fast wünscht man sich beim Lesen, einer davon gewesen zu sein, denn bei der Verabschiedung bekamen alle noch ein ordentliches Kuchenpaket mit auf den Weg. Die einst auf Zetteln oder nur mündlich gesam­ melten Rezepte sind im Inhaltverzeichnis wohl geordnet. Dort stehen auch zusätzliche Tipps für unerfahrene Hobbybäcker, die nicht vergessen sollten, die Bleche vor dem Belegen gut einzufet­ ten und beim Rührkuchen stets Eier, Butter und Zucker zu verquirlen, ehe man das Mehl dazu gibt. Übrigens kommt das Buch, dessen Cover robust und durchaus küchentauglich ist (Hardcover mit wattiertem Umschlag und partieller UV­Lackie­ rung), ganz ohne Hochglanzfotos aus. Die eigenen Zeichnungen der Autorin unterhalten allemal. Und wer die Beschreibung liest, weiß auch so, wie ein Spiegeleierkuchen aussehen sollte. PETRA MEWES ▶ Sabine Kranz: Sonntags um halb vier … Von Buttercreme und Zuckerguss. Mannheim: Kunstanstifter Verlag .  S.,  € Das Thema ist nicht neu und doch brandaktu­ ell. Leider, möchte man sagen, denn noch immer landet die Hälfte aller produzierten Lebens­ mittel auf ihrem Weg vom Acker zum Verbrau­ cher im Müll. Bis zu 20 Millionen Tonnen sollen das allein in Deutschland sein. Der Filmemacher Valentin Thurn hat das in seiner Dokumentation »Taste the Waste« ins Bewusstsein gerufen. Zahl­ reiche Verbraucherinitiativen halten dagegen, aber angesichts der Übermacht von global agie­ renden Food­Industriebetrieben und riesiger Su­ permarktketten scheint der Kampf gegen die Vernichtung wertvoller Lebensmittel ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Doch sind die »Rie­ sen« allein schuld? Mit der Vorstellung, jede Traube, jede Kartoffel und jeder Wurstzipfel müsse perfekt aussehen oder Brot und Brötchen seien nur frisch aus dem Ofen genießbar, entsorgen selbst Bauern – die Schere im Kopf – ihre eigenen Ackerfrüchte nach der Ernte, weil sie meinen, der Handel nehme sie ihnen nicht ab. Gemeinsam mit Stefan Kreutzberger, Mitglied des Beirats der Deutschen Umweltstiftung und Autor des Buches »Die Ökolüge – Wie Sie den grü­ nen Etikettenschwindel durchschauen«, hat Thurn seine Recherchen in Druckform und als E­Book herausgegeben, da der Film in den deutschen Ki­ nos kaum mehr läuft. Thurn und Kreutzberger decken auf, wer für die ganze Verschwendung verantwortlich ist, warum Fische aussterben, krumme Gurken im Abfall landen und Menschen selbst im Schlaraffenland hungern müssen. In Ländern wie Österreich und Großbritannien war die Verschwendung von Lebensmitteln schon früher ein Thema, in Deutschland setzte erst in den vergangenen Jah­ ren das öffentliche Bewusstsein dafür ein. Ver­ lässliche Zahlen gibt es deshalb nur wenige, aber angesichts von 660.000 Eiern, 1,1 Millionen Kartoffeln oder 1,2 Millionen Würstchen, die be­ reits im Jahr 2000 täglich in Großbritanniens Haushaltsmülleimern landeten, ist doch unwahr­ scheinlich, dass es sich in Deutschland sehr viel anders verhalten sollte. Lösungen sind gefragt. Nun ist es nicht jedem ge­ geben, über drei Meter hohe Stahltore zu klettern, um in den Containern eines Supermarktes nach einwandfreier weggeworfener Ware zu »tauchen«. Und weil Veränderung zuerst im Kopf stattfindet, geht es vor allem um bessere Aufklärung und richtige Informationen. Dabei stehen Schulen und Eltern genauso in der Verantwortung wie Produ­ zenten und Händler. Die Autoren fordern zudem, dass die Politik eingreifen muss, um die Herstel­ ler zum Beispiel zu vernünftigen Verbrauchsanga­ ben sowie effizienteren Mitteln bei Lagerung, Ver­ brauch und Transport zu zwingen. Als Faustregel sollte das Motto »Reduzieren, umverteilen, wieder­ aufarbeiten« gelten. Dann könnten die Verluste durch Verschwendung nach Meinung der Autoren realistisch gesehen in den nächsten 15 Jahren um die Hälfte sinken. Nein, »Die Essensvernichter« sind kein Lesever­ gnügen. Aber das Buch ist all jenen ein unverzicht­ barer Wegweiser, denen es mit der gesunden Er­ nährung wirklich ernst ist. PETRA MEWES ▶ Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn: Die Essensvernichter. Taste the Waste – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist. . Auflage. TB. Köln: Kiepenheuer & Witsch . 3 S., , € Nichts für Kalorienzähler »Sonntags um halb vier …«: Sabine Kranz empfiehlt Buttercreme und Zuckerguss Mülltauchen gegen die Verschwendung Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn entlarven »Die Essensvernichter«

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