Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Logbuch_2016 - Comic

Chris Dingess et al.: Manifest Destiny; Hamed Eshrat: Venustransit; Lukas Kummer: Die Verwerfung

www.kreuzer-leipzig.de | COMICS 54 Die USA haben einen göttli­ chen Auftrag zur Expan­ sion. Was nicht wenige US­Bür­ ger und noch mehr Menschen weltweit bis heute glauben re­ spektive unterstellen, war im 19. Jahrhundert eine Doktrin, die sich allerdings im Ursprung auf die Kolonisierung des gesamten nordamerika­ nischen Kontinents, nun ja, beschränkte. Man nannte sie »Manifest Destiny«, zu Deutsch etwa: »unabwendbare Bestimmung«. Unter diesem Ti­ tel erscheint nun eine wunderbar überzogene Pulp­Comic­Serie, deren erster Band Lust auf mehr macht. Wobei einzuräumen ist: Der »Schund«­ Begriff bezieht sich nur auf die witzig überdrehte Mystik­Horror­Handlung, nicht auf die schnieke Aufmachung des gebundenen Hardcoveralbums. Die Story behauptet, dass hinter der berühm­ ten Expedition von Captain Meriwether Lewis und William Clark im Jahr 1804 eine Geheimmission steckt. Statt lediglich von Missouri aus einen Weg zur Westküste zu finden, sollten die Entdecker diese Terra incognita in Wirklichkeit von unbe­ kannter wie lebensgefährlicher Flora und Fauna bereinigen. Denn in der Wildnis toben Killing Ma­ chines. Tatsächlich tut sich schon kurz nach der Reise für die Crew von drei Dutzend Männern ein Bestiarium auf. Da die Horde Klingen schwingen­ der Vierbeiner – ein Mix aus Zentaur und Mino­ taurus – für eine Überdosis Angstmacher nicht reicht, gibt es noch eine Seuche obendrauf, die Menschen in Pflanzenzombies verwandelt. Untergang oder Tod: Diesem Schicksal scheint die Truppe ausgesetzt zu sein, wenn auf den letz­ ten Seiten nicht doch noch ein Hoffnungsfünk­ chen erglimmen würde. Ein Indianermädchen scheint sich todsicher mit der Beseitigung aller Monstrositäten auszukennen. Wird sie die Ge­ schichte zum glücklichen Ausgang bringen? Man kann es ahnen, aber mit diesem Cliffhanger en­ det der erste Band einer wahrlich schrecklich schö­ nen Serie. Brachialität im Detail tropft aus den Zeichnungen. Mit viel Gerede hält sich die Ge­ schichte nicht auf, es zählt die blutige Tat. Zu dieser sind die Cowboys auf dem Horrortrip all­ zeit bereit – ist halt Schicksal und so. TOBIAS PRÜWER ▶ Chris Dingess u.a.: Manifest Destiny. Ludwigsburg: Cross Kult .  S.,  € Kein Gerede – blutige Tat! »Manifest Destiny« schickt Cowboys auf einen Horrortrip Langweiliger Job, Beziehungskrise, Weltfrust. Immerhin kann sich Ben im Kiez­Späti am Stehtisch ausheulen. Das Leben meint es mit dem Programmierer, der viel lieber Comics zeichnet, gerade nicht ganz so gut, da fetzt das Dasein in Berliner Kulisse auch nicht rein. Ein Indienurlaub soll es zunächst retten, dann eine Medienkunst­ attacke, um fürs eigene Media­Design­Büro zu werben und den Karriereschub zu besorgen. Drei Tränen später erfüllt sich der Traum. Nebenbei wird Ben Vater. »Venustransit« bezeichnet ein astronomisches Phänomen, nämlich das Vorüberziehen des Pla­ neten an der Sonne. Hier ist das Vorbeiziehen der Liebe gemeint, wohl inspiriert von der letzten Venuspassage 2012 – die nächste findet 2117 statt. Hamed Eshrats Aneinanderreihung biografischer Episoden liest sich als gezeichnetes Bio­Pic flott weg, so wirklich berührt sie aber nicht. Ähnlich egal sieht sich der grafische Stil, meist weiches Bleistiftgrau in 3B, an. Es ist ein ums eigene Leben kreisender Comic, halt ein typischer Vertreter des Selbstbespiegelungsgenres. Eines reißt das Buch dann doch heraus aus dem gerade grassierenden Ich­Geschichtchen­Main­ stream: Eshrat hebt zuweilen in höchst abstrakte Gefilde ab. Auf einer Techno­Party verschmilzt die Masse zum Linienwirrwarr und zur schwarz­ weißen Druckkammer, die sich schließlich in Pünktchen und Strichen zu der Traumwelt auf­ löst, die wie Flecken vorm vom Alkohol ge­ trübten Auge vorbei­ schwimmen. Auch das eingefügte Skizzenbuch der Indienreise besticht in grafischer Hinsicht. Da finden sich hingekrit­ zelte Dekors, experimentelle Formenarrange­ ments, entfaltet sich ein freier Geist in Schön­ heit. In den schicken Studien, Figurenproben, losen Strukturen taucht auch mal eine Ente à la Trond­ heim auf, Falten werfende Gebilde eines Moebius. Diese Passagen machen »Venustransit« zum Le­ segenuss. TOBIAS PRÜWER ▶ Hamed Eshrat: Venustransit. Berlin: Avant-Verlag .  S., , € Winter 1646. Der Dreißig­ jährige Krieg ist fast überstanden. Aber was nützt das Johanna und Jakob Krai­ ner, die noch mittendrin le­ ben, leiden, überleben? Viele Herrscher haben ihre Armeen auf dem Schlachtfeld Deutsch­ land aufeinander losgelassen. Marodierende Söldner und andere Diebe, Hun­ ger, Kälte und die Pest stellen weitere Gefahren dar. Johanna und Jakob versuchen, sich nach Westen durchzuschlagen, nachdem ihr Vater als Soldat gefallen ist. Die beiden Kinder sind dabei selbst nicht zimperlich. Dass man in einer gnaden­ losen Zeit selbst gnadenlos sein muss, ist die Lehre, die sie in ihrer jungen Sozialisation erhal­ ten haben. Ihr Leben besteht aus einem ständi­ gen Nehmen und Nehmen. Düster liest sich diese Geschwistergeschichte über die allseitige Verrohung in einer konkreten historischen Situation. Im Comic »Die Verwerfung« hat Lukas Kummer auf jedes heroische Beiwerk verzichtet. Es gibt weder große Schlachtpanoramen noch mutige Duellanten, nur Blut bringenden Überlebenswillen auf allen Seiten, in jedem Panel. Bittere Szenen hat Kummer in finsteren Bildern eingefangen. Es regiert das Schwarz, flächige Grau­ schattierungen bewirken ein wenig Kontrast. Selbst die oft expressiv­explodierenden Gesichts­ ausdrücke sind zumeist mit wenigen Strichen mar­ kiert. Detailarbeit findet nur reduziert statt, wie bei einem Säbelgriff oder einer Schmerzensfrau, die an ihren erfrorenen Zehen kaut. Kummer bleibt allein bei der Opferperspektive, aber hier sind Opfer immer auch Täter. Leicht ab­ gefedert wird die unmenschliche Tristesse durch poetische Sätze des delirierenden Jakob, der mit Blick auf die Gestirne den Weltuntergang erahnt, fast herbeisehnt. »Gut und Böse – das gibt es so­ wieso nicht. (…) Nichts weiter als ein Ausbrennen und Erkalten.« TOBIAS PRÜWER ▶ Lukas Kummer: Die Verwerfung. Stuttgart: Zwerchfell Verlag .  S.,  € Bleistiftgrau in B Das gezeichnete Bio-Pic »Venustransit« besticht durch abstrakte Formübungen Blut bringender Überlebenswille Krieg als Elends-Comic-Panorama: Lukas Kummers »Die Verwerfung«

Seitenübersicht