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Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich Größeres Bild

Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich —

Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. München: Hanser 2021. 304 S., 24 €

Gisberta ist schon fast am Ende, als der Junge Rafa sie in einer Bauruine entdeckt. Die brasilianische trans Frau war als Zwanzigjährige nach Porto gekommen, wurde drogenabhängig, arbeitete in Shows und als Prostituierte. Mit HIV infiziert, wartet sie nun, mit 45, an diesem unwirtlichen Ort zwischen Pfützen, Müll und alten Spritzen auf den Tod. Rafa lebt im Heim, seine Mutter ging anschaffen, der Vater war gewalttätig; eine normale Biografie in der Jugendhilfeeinrichtung. Die älteren unter den Zöglingen schikanieren die jüngeren, das pädagogische Personal agiert im besten Fall hilflos, und Zusammenhalt ist ein rares Gut.

Rafa und Gisberta freunden sich an – wenn man es so nennen kann. Denn Rafas Gefühle der älteren Frau gegenüber sind komplex: Er will ihr helfen und wertet sich zugleich über ihr Leid auf. Aggressiv reagiert er auf jede eigenständige Handlung von ihr. Lieber würde er Gisberta vernichten, als zu erleben, dass ihr selbst etwas gelingt. Wütend und eifersüchtig verfolgt er, wie sein Freund Samuel unabhängig von ihm eine Beziehung zu ihr aufbaut.

»Aber wir lieben dich« von Afonso Reis Cabral erzählt von Lebensbedingungen, in denen es immer jemanden gibt, der noch tiefer in der Scheiße steckt und auf den man spucken kann. Gewalt gebiert Gewalt – eine abgedroschene Erkenntnis, doch der junge portugiesische Autor schildert sie noch einmal neu, in einer rohen, unmittelbaren Sprache. Zusätzlich beklommen macht die Lektüre, weil es Gisberta Salce Júnior wirklich gab. Reis Cabral spürt in seinem Roman ihrem Schicksal am äußersten Rand der Gesellschaft nach, ohne viel zu erklären. Das Nachdenken darüber überlässt er dankenswerterweise dem Leser.

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