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Arise: A Simple Story

Entwickler: Piccolo, Publisher: Techland, Plattform: PC, PS4, Xbox One, Preis: 20 €

Gefühle sind normal. Die meisten Menschen haben welche. Nur bedingt galt das bisher im Medium Videospiel. »Gamer« werden immer noch gern als pubertierende Jungs gesehen, die sich keine Gefühle wünschen, sondern Sex, Gewalt und dichteres Körperhaar. Hartnäckig erscheinen Spiele für diesen Teil des Publikums. Aber was machen Spielefans, wenn sie das Durchschnittsalter von 36,4 Jahren erreichen? Sie haben das erste von ihren 1,59 Kindern schon bekommen, sie steuern auf den Lebensmittelpunkt zu, und vielleicht ist die Verteilung linkssteil; vielleicht haben sie ihren Zenit schon überschritten. Sie entdecken die Melancholie. Auch dieser Teil des Publikums wird inzwischen bedient: mit traurigen Spazier-, Erkundungs- und Erinnerungsspielen.

In der Nische zwischen tiefer Trauer und ehrlichem Kitsch wohnen moderne Klassiker wie »Dear Esther« und »Journey«. Sie sind kurz, sie ignorieren vieles von dem, was traditionell zu einem Spiel gehört, und werden dafür oft angegriffen. Sie füllen aber auch eine echte Lücke und beweisen beim Spielen die besondere Macht des Mediums. Den Weg zur Erinnerung freilegen in »Old Man’s Journey« oder Farben suchen als Trauerarbeit in »Gris«, das funktioniert. Auch platte Metaphern können beim Durchspielen an Bedeutung gewinnen. Das neue Spiel »Arise: A Simple Story« zehrt von dieser Erkenntnis. Es geht in die Vollen. Es ist Emotion pur.

Ein alter Mann erwacht nach seinem Tod in einer magisch zugeschneiten Landschaft. Von hier aus kann er chronologisch Kapitel seiner Erinnerung bereisen. Der Clou: Er ist träge und hat Stoppelbeine, aber dafür kann er die Zeit ein bisschen hin und her drehen. Aus dieser Idee werden unzählige Fortbewegungsarten entwickelt, die alle kein Rätsel sind und keine echte Herausforderung bieten. Aber sie werden immer und immer wieder wiederholt. Erinnert sich der Mann, wie er mal an einer Hummel hängend von Blatt zu Blatt getragen wurde, dann muss er sich garantiert noch an 15 weitere Hummeln erinnern, die dasselbe getan haben.

Jedes Kapitel findet eine neue, clevere Interaktion, mit der Wege geöffnet werden. Dann wiederholt sich die Interaktion so lange, bis Spieler erleichtert sind, auch dieses Kapitel endlich hinter sich zu bringen. Vielleicht ist ja dieses Gefühl der zunehmenden Bedientheit, des herbeigesehnten Endes im Alter die eigentliche Metapher, mit der uns »Arise: A Simple Story« das Sterben schmackhaft machen will. Etwas weniger zynisch ist es einfach eine spielbare Schlagerplatte: ganz viel Gefühl in Dauerschleife.

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