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David Mellem: Die Erfindung des Countdowns Größeres Bild

David Mellem: Die Erfindung des Countdowns —

München: dtv 2020. 288 S., 23 €

Für Hermann dreht sich alles um die Rakete. Angesteckt von Jules Verne kennt er schon als Jugendlicher im siebenbürgischen Schäßburg nur ein Ziel: den bemannten Flug zum Mond. Alles andere bleibt Nebensache: die Liebe, Kinder, zwei Weltkriege.

David Mellem verfolgt in »Die Erfindung des Countdowns« den Lebensweg des Weltraumvisionärs Hermann Oberth. Nachdem seine Raketenidee als Dissertation nicht angenommen wurde, weil eine Reise zum Mond in der Zwischenkriegszeit noch nicht auf der Agenda stand, biederte er sich bei den Nazis an, um wenigstens eine Raketenwaffe entwickeln zu können. Er glaubt, seine Waffe könne den Krieg beenden, und blendet die katastrophalen Folgen ihrer Nutzung völlig aus – Oberth sieht nur das Entwicklungspotenzial der Maschine. Auch auf die menschlichen Kosten einer solchen Vision fokussiert Mellem. Er zeigt Oberths Frau, die folgt, wohin die Wissenschaft ruft, die eine Familie gründet, immer wieder ein Heim schafft und schließlich ins Zweifeln darüber gerät, für wen sie das alles tut. In ihrem Mann erkennt sie einen Fanatiker, der fruchtlosen Träumen folgt, der sie und seine Kinder nicht wahrnimmt. Eindrücklich stellt Mellem dar, wie es Oberth nur für kürzeste Zeitspannen gelingt, seine Konzentration auf etwas zu richten, das jenseits seiner Forschung liegt. Er versteht seine Mitmenschen oft nicht, weil sie sich nicht mithilfe physikalischer Gesetzmäßigkeiten erschließen lassen.

Dass Mellem einen Physiker in den Mittelpunkt seines Romans stellt, kommt nicht von ungefähr. Bevor er am Deutschen Literaturinstitut an seinem Erstling feilte, promovierte er selbst in Physik. In »Die Erfindung des Countdowns« verbindet er beides fachgerecht. Protagonist Oberth beeindruckt als Figur der Technikgeschichte und als tragische Figur des Romans.

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