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Edna O’Brien: Das Mädchen Größeres Bild

Edna O’Brien: Das Mädchen —

Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hamburg: Hoffmann und Campe 2020. 253 S., 24 €

O’Brien schrieb ihre ersten Romane über die Probleme irischer Mädchen im katholischen Irland der 1960er Jahre und wurde von der Zensur auf den Index gesetzt. Nun hat sie sich an ein aktuelles und noch schwierigeres Thema gewagt: Im April 2014 wurden in Nigeria die sogenannten Chibok Girls von Dschihadisten entführt.

Eines der Mädchen, Maryam, berichtet in ihren eigenen Worten über traumatische Erniedrigungen durch die Islamisten. Zusammen mit ihrem Baby und einer Leidensgenossin gelingt ihr die Flucht während eines Angriffs der nigerianischen Luftwaffe. Aber sie ist nirgends ­willkommen: Ihre Familie und ihr Dorf sehen in ihr die Gefahr, dass die Islamisten zurückkommen und Rache nehmen. Der Präsident des Landes nutzt sie und einige andere Schulmädchen für eine patriotische Ansprache und ein Eigenlob seiner Regierung. Die Verwandtschaft nimmt ihr das Kind weg, denn es trägt das Stigma, von Dschihadisten gezeugt worden zu sein. Maryam fällt in eine totale Verzweiflung. Aber sie gibt nicht auf, kann ihr Kind aus der Hand eines Menschenhändlers befreien und ist wieder auf der Flucht. 

Zum Schluss kommt in O’Brien die irische Patriotin durch: Maryam und ihr Kind werden von Franziskanerinnen, darunter viele irische Nonnen, aufgenommen. Sie erhält ihre Würde zurück und einen Job als Hilfslehrerin in
Sicherheit für sie und ihr Kind. Das Licht ist in ihre Welt zurückgekehrt.

Das Buch ist eine auf der Realität fundierende romanhafte Anklage an eine Welt, die aus Mangel an Empathie mit den an Leib und Seele Geschundenen nicht bereit ist, die Opfer wieder in ihrer Mitte aufzunehmen.

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