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Eduard Engel: Deutsche Stilkunst Größeres Bild

Eduard Engel: Deutsche Stilkunst — Sprachmeister ohne Zeigefinger

Nach der 31. Auflage von 1931. Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann. Zwei Bände. Berlin: Die Andere Bibliothek 2016. 976 S., 78 €

»Unter allen schreibenden Bildungsvölkern sind die Deutschen das Volk mit der schlechtesten Prosa«, behauptet Eduard Engel (1851–1938) gleich am Anfang seiner »Deutschen Stilkunst«. Starker Tobak. Aber der Mann wusste, wovon er sprach: Der Philologe kannte sich nicht nur in einem halben Dutzend Literaturen aus, er arbeitete als Stenograf beim Reichstag; die deutsche Sprache war sein tägliches Brot. Und er sah sich dazu berufen, die Deutschen zu einer guten, jedenfalls lesbaren Prosa zu erziehen. Jetzt hat die Andere Bibliothek Engels »Deutsche Stilkunst« in zwei wunderschön gestalteten Bänden neu herausgegeben.

Zugegeben: Engels unerbittliche Urteile, seine patriotische Ablehnung von Fremdwörtern, seine Verachtung deutscher Professoren, all seine Idiosynkrasien und Marotten sind für uns heutige Leser oft befremdlich, manchmal auch ermüdend – aber fast immer amüsant. Denn die »Stilkunst« erschöpft sich keineswegs in Sprachkritik. Engel verficht das Ideal eines natürlichen, klaren, eleganten Stils; seine Vorbilder heißen Lessing, Schopenhauer und – vor allem – Goethe. Und weil er sich an seine eigenen Regeln und Vorbilder hält, erweist sich seine »Stilkunst« als erstaunlich kurzweilig. Die beiden Bände strotzen vor witzigen Anekdoten, abschreckend schaurigen Beispielen, originellen Zitaten, launigen Sottisen. Engel ist ein Sprachmeister mit scharfer Zunge, aber ohne Zeigefinger. Und bei aller Leidenschaft ist ihm auch Selbstironie nicht fremd.

Wie konnte die »Deutsche Stilkunst«, ein Buch, das 1931 in der 31. Auflage (!) erschienen ist, derartig in Vergessenheit geraten? Engel war jüdischer Herkunft, und die Nazis sorgten dafür, dass sein Lebenswerk in der Versenkung verschwand. Das heißt, nicht ganz: Ein gewisser Ludwig Reiners hat es schamlos für seine eigene »Deutsche Stilkunst« ausgeplündert. Sein Machwerk gilt als Klassiker und erscheint bis heute in einem angesehenen deutschen Verlag. Aber wer sich stattdessen Engels »Stilkunde« zulegt, lässt nicht nur dem wahren Klassiker Gerechtigkeit widerfahren – er schafft sich auch das bessere Buch an.

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