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Gabriele Tergit: Effingers Größeres Bild

Gabriele Tergit: Effingers —

Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2019. 904 S., 28 €

Es gibt Bücher, die schiebt man als Rezensent vor sich her. Man ahnt, sie sind gut. Aber: 900 Seiten! Beflügelt vom nahenden Redaktionsschluss macht man sich an die Lektüre von Gabriele Tergits epischem Familienroman »Effingers« – und wird sofort reingezogen. Hin zu den sehr unterschiedlichen, von Tergit lebendig gezeichneten Charakteren. Rein in die verschiedenen Milieus, die sie so leichthändig entwirft: Die Menschen im süddeutschen Kragsheim, wo ein Zweig der Familie zu Hause ist, leben und reden anders als die Verwandten im aufstrebenden Berlin der Kaiserzeit. Später, in den harten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, zerfällt die Sprache, verroht das Miteinander. Der Erzählrhythmus passt sich dem getriebenen Lebenstempo an. Und ständig weitet sich der Blick vom Einzelschicksal zur Lage des Landes, Europas, der Welt.

Da die Familie aus Unternehmern, Kaufleuten und Bankiers besteht, rücken wirtschaftliche und soziale Fragen in den Fokus. Tradierte Lebensentwürfe werden über die Jahrzehnte variiert, abgelegt, neu erfunden. Eng verknüpft ist das Leben der Effingers mit Wirtschaftskrisen, Kriegen, Verelendung, Wohnungsnot, politischer Radikalisierung.

Das Ende steht von Anfang an fest, denn die Effingers sind nicht nur eine deutsche Familie, sondern auch eine jüdische. Tergit (1894–1982, selbst aus einer jüdischen Familie stammend) schildert kurz und nüchtern, was ihren Protagonisten zwischen 1933 und 1945 widerfährt; was ihnen Menschen antun, mit denen sie über Jahrzehnte vertrauensvoll gearbeitet und gelebt haben.

Der Februar ist doch eh ein langweiliger Monat. Kaufen Sie sich »Effingers« und verbringen Sie ihn lesend.

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