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Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben Größeres Bild

Ghodsee, Kristen R.: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben —

Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit. Berlin: Suhrkamp 2019. 160 S., 18 €

Wenn schon Die Zeit freidreht und unter dem Titel »Geht’s noch?« (51/2019) die etwas nach links rückende SPD abstraft, ist klar, dass die Sozialismuspanik auch in Deutschland ihre Spuren hinterlassen hat. Kristen R. Ghodsee, Osteuropaexpertin, Mauerfall-Zeitzeugin und gelegentliche Kolumnistin, reagierte auf populistische Sozialismusschelte in den USA im August 2017 mit einem Gastkommentar in der New York Times. Darin erklärte sie, »Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex hatten«. Der Clickbait-lastige Titel zog eine Onlinekontroverse nach sich, die groß genug war, dass der amerikanische Verlag Nation Books an Ghodsee herantrat und ihr die Chance zum Nachlegen gab. Dabei erfuhr dann das Tempus im Titel eine Revision. Dieser entspricht nun in etwa dem Viralitätsfaktor und der Aufmerksamkeitsspanne des Hashtagfeminismus – heutzutage ein Garant für Umsatzzahlen.

Der Suhrkamp-Verlag hat in Zusammenarbeit mit Yanis-Varoufakis-Übersetzerin Ursel Schäfer und dem einstigen Zygmunt-Bauman-Übersetzer Richard Barth eine solide deutsche Fassung vorgelegt. Eine kritisch annotierte Ausgabe wäre wünschenswert gewesen, denn die häufigen Ausblendungen Ghodsees grenzen an Sozialismusrevisionismus. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Das Buch feiert das 1917 gegebene gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen in der Sowjetunion, vergisst aber zu erwähnen, dass beide nur eine Partei wählen konnten. Ähnlich auch beim Thema Mutter-Kind-Wohnheime für alleinerziehende Studierende mit Babys, die hier als frühe Errungenschaft der DDR-Führung angepriesen werden. Unerwähnt bleibt, dass Studieren in der DDR ein seltenes Privileg war – und die Uni außerdem, wie der Sammelband »Zwischen Humor und Repression« (Mitteldeutscher Verlag, 2017) zeigt, ein Ort strenger ideologischer Indoktrination.

Zwischen persönlichen Anekdoten, dem Herunterbeten von Orgasmusstatistiken und historischer Herbeizitierung von Ostblockpropagandaheldinnen hat das Buch im Kern doch immerhin eine versöhnliche Agenda: Es klagt die Folgen staatlich unregulierter Märkte an, da sie diejenigen, die Betreuungsarbeit in jeglichem Sinne leisten, statistisch gesehen immer diskriminieren – und dies betrifft vor allem Frauen. Wer dennoch ernsthaftes Interesse am Leben von Frauen im Osten hat, dem sei Anna Kaminskys »Frauen in der DDR« (Ch. Links Verlag, 2016) empfohlen.

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