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Josef Haslinger: Mein Fall Größeres Bild

Josef Haslinger: Mein Fall —

Frankfurt am Main: S. Fischer 2020. 140 S., 20 €

»Ich wende mich an Sie als Mitglied der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft. Nach langem Zögern habe ich mich nun entschlossen, über den sexuellen Missbrauch, der mir in jungen Jahren als Sängerknabe im Zisterzienserkloster Stift Zwettl widerfahren ist, auszusagen.« So beginnt die E-Mail Josef Haslingers, mit der er nach Jahrzehnten sein Schweigen bricht. Dreimal muss er seine Geschichte erzählen, bis er schließlich gebeten wird, seinen Fall selbst aufzuschreiben: »Sie sind doch ein Schriftsteller. Sie können das ja alles viel besser formulieren, als ich das kann.«

Was zunächst als simple Rekonstruktion seiner Erinnerungen anfängt, wächst sich zu einer ausufernden Rekapitulation und Überprüfung vergangener Ereignisse aus. »Ich war zehn Jahre alt, als Pater Gottfried Eder sich für meinen kleinen Penis zu interessieren begann und dabei ganz offensichtlich in Erregung geriet.« Etliche Vorfälle über mehrere Jahre hinweg folgen. Sie alle versucht Haslinger nun, Jahrzehnte später, genau zu dokumentieren. Bis zur oben erwähnten E-Mail hatte Haslinger seinen Fall im Freundeskreis scheinbar leichthin abgetan: »Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen – bei mir waren es halt Zisterziensermönche.« Doch der Missbrauch hinterlässt Spuren. »Mein Bruder Stefan drückte es drastischer aus. Er sagte: Du fährst eine Strategie der Verharmlosung. Das nützt nur den Tätern.«

Als er zufällig erfährt, dass die Patres verstorben sind, entschließt er sich zur Aussage. »Ich wollte, dass mein Fall von einer offiziellen Institution dokumentiert wird.« Der Schriftsteller, der seine Geschichte nicht länger nur selbst bezeugen will. Dass der Autor sich einerseits in sein Erleben als Kind zurückzuversetzen vermag und gleichsam seinen jahrzehntelangen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Missbrauch schildert, macht dieses Buch zu einem Psychogramm missbrauchter Schutzbefohlener. »Der Vorstellung gegenüber, sexuell missbraucht worden zu sein, war die Vorstellung, Mitspieler gewesen zu sein und dadurch der Situation nicht ganz ausgeliefert, gewiss die erträglichere.« Es bleibt der aufrichtige Wunsch, dass Josef Haslinger mit seiner Falldokumentation das »Gefecht gegen die Geister« für sich entscheiden kann.

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