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Olivia Golde: Karstadt waren wir Größeres Bild

Olivia Golde: Karstadt waren wir —

Chronik einer angekündigten Leerstelle. Mit Fotografien der Autorin und von Wolfgang Swietek. No 10 der Reihe Skizzenbücher. Leipzig: Trottoir Noir 2020. 171 S., 9 €

»Ich könnte einen neuen Badeanzug gebrauchen.« Was für ein hübscher kleiner Satz! Unauffällig und unverfänglich – und doch dürften sich so manche ertappt fühlen, wenn sie ihn jetzt in Olivia Goldes Buch »Karstadt waren wir« lesen.

Golde hat keinen Badeanzug gekauft, sie hat ein Buch geschrieben über das ehemalige Karstadt-Kaufhaus, also auch über das Centrum-Warenhaus. Immer wieder ist die 1992 geborene Leipzigerin in den letzten Wochen vor der Schließung dort gewesen, fuhr Rolltreppe, aß im Restaurant und schaute ganz genau hin: nicht nur, wenn der Springbrunnen zur vollen Stunde musikalisch untermalt bis zur Decke sprudelte, sondern auch ein paar Minuten später, als jemand kam, um den Beckenrand trocken zu wischen. Und sie hat gesehen, dass äquivalent zu den Regalen und Etagen die Blicke der Verkäuferinnen und Kassiererinnen immer leerer wurden. Für sie, aber auch von ihnen erzählt »Karstadt waren wir«. Denn Golde interessiert sich vor allem für diejenigen, die jahre- und jahrzehntelang zusammen hier arbeiteten. »Meine Verbindung war Frauenarbeit und DDR-Geschichte, wie sie in die Gegenwart reicht. Die Verbindung war nicht: Innenstadt und Kaufhaus. Ich bin fokussiert auf Fabriken und Industrie, mache da Praktika, um darüber zu schreiben.«

Im Kapitel »Nachweise« versuche sie deshalb, ihre Arbeit an Fragen des Bitterfelder Weges anzudocken. Aus feministischer Perspektive widmet sie sich dem Verhältnis von Literatur- beziehungsweise Kunstbetrieb und Werktätigen, will Geschichten erzählen von denen, die ihre Geschichten vielleicht gar nicht erzählenswert finden. Ausgangspunkt ist dabei der Satz: »Ich wollte mir von einem Menschen ein Bild machen, weil er keins wollte« aus Irmtraud Morgners Montageroman »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« von 1974, der Golde seit der ersten Lektüre im Leseklub der Bibliothek Monaliesa nicht loslässt; mit seiner Montageform, seinen realistischen Alltagsbeschreibungen und fantastischen Elementen darf er als Vorbild von »Karstadt waren wir« gelten. Übrigens schreibt Golde den Titel ihres Buches in Großbuchstaben – um eine Doppeldeutigkeit zu markieren vom Dreierslogan »Karstadt, Waren, Wir« und dem Satz »Karstadt waren wir«. Und so lesen wir nun Goldes Beobachtungsprotokolle aus dem Karstadt, aber auch acht »fristlose« Porträts, die sie dort gesehenen Frauen zugeschrieben hat, sowie von zwei Verkäuferinnen, die selbst zu Wort kommen. Eine davon meldete sich bei der Autorin auf folgende Kontaktanzeige im kreuzer: »Ehemalige Angestellte (w) der Leipziger Karstadtfiliale gesucht, die bereit wären, mit ihren Erfahrungen an einem historisch-literarischen Buchprojekt mitzuwirken. Bitte anrufen: Olivia Golde, 01 57/xx xx xx xx«.

»Es braucht beide Ebenen, die Dokumentation und den magischen Realismus«, sagt Golde, die in ihrer Textmontage immer wieder auch das Hadern mit dem Erzählen, ihre Quellen und ihr Vorgehen beim Schreiben thematisiert. Da ist nicht eine lineare Geschichte, die in einem Kaufhaus spielt, da sind verschiedene Ebenen und Elemente zwischen und in den Menschen und den Zeiten. Denn diese »Chronik einer angekündigten Leerstelle« verknüpft die Karstadt-Schließung 2019 mit der drohenden Schließung des damaligen Centrum-Warenhauses im Jahr 1989 – und das auch visuell. Für Golde, die sich viel mit Buchkunst und Zines beschäftigt, war von Anfang an klar, dass dieses Buch nicht nur Textmaterial enthalten würde: »Ich wusste, ich muss überall suchen, was es alles dazu gibt. Und dann war es ein unglaublicher Glücksfall, dass ich im Staatsarchiv Leipzig Wolfgang Swieteks wunderschöne Aufnahmen aus den achtziger Jahren gefunden habe und dass er mir nun erlaubt hat, sie zu nutzen.«

Bevor Golde »Karstadt waren wir« anging, hat sie als Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut ein Schreibe- und Reflexionstagebuch darüber geschrieben, »wie ich versuche über das Karstadt zu schreiben und scheitere. Das Buch jetzt ist hoffentlich die Widerlegung dieses Scheiterns.« Das ist es zweifelsohne, dieses kleine Sammelsurium, das einen Ort durch die Geschichten seiner Bewohnerinnen (nichts anderes sind die Angestellten des Kaufhauses hier) auferstehen lässt – und das Sie also sehr gut gebrauchen könnten!

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