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Kristen Roupenian: Milkwishes Größeres Bild

Kristen Roupenian: Milkwishes —

Aus dem Amerikanischen von Nella Beljan. Berlin: Aufbau Verlag 2020. 80 S., 12 €

Ryan, der längst ein erwachsener Mann ist, wird die Bilder seiner Kindheit nicht los. Erinnerungen treffen ihn plötzlich wie Nadelstiche – ihr Gesicht hat er genau vor Augen, das blonde Haar der Freundin schimmerte goldweiß, die Augen waren hellblau und in ihrem Gesicht stach eine Narbe hervor. Doch an ihren richtigen Namen kann sich Ryan nicht erinnern. Weil sie Löwenzahnblätter ständig »Milkwishes« nannte und andere ihr das nachmachten, hieß das Mädchen für alle nur noch Milkwishes. Es ertrank in einem Brunnen.

In ihrem Erzählband legt Roupenian erneut Schauergeschichten vor. Schon in ihrem gefeierten Debütband »Cat Person«, dessen Titelstory im Zuge der Metoo-Debatte millionenfach im Netz geteilt wurde, flirtete sie mit dem Horror-Genre und untersuchte Kipppunkte in Beziehungen. Der Schrecken zwischenmenschlicher Beziehungen steht auch in ihrem neuen Erzählband im Fokus. Das schmale Bändchen erzählt vor allem von Familien: Einmal wollen Kinder in einem abstrusen Spiel ihre Eltern dazu bringen, eine Qualle zu essen, ein anderes Mal muss ein Mann mitansehen, wie seine Frau nach dem Tod der gemeinsamen Tochter zusehends den eigenen Wahnvorstellungen verfällt. Und schließlich geht es auch um Ryan, den der Tod der Freundin aus Kindheitstagen verfolgt. Überhaupt spielt der Tod eine große Rolle in den Geschichten. Mal als Kinderstreich, mal als Erlösung, aber immer auch als traumatische Erfahrung.

Jede der Erzählungen überzeugt durch einen klaren Stil und einen melancholischen Ton. Kristen Roupenian erzählt von Verlust, aber auch von dunklen Fantasien und Einbildungen. Genau hier liegt die psychologische Präzision der Erzählungen. Denn alle Figuren müssen für sich entscheiden, wie viel Raum sie dem Schrecken und dem Tod in ihren Gedanken einräumen.

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