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Martina Lisa, Chris Michalski (Hg.): wer hier ist – eine Anthologie Größeres Bild

Martina Lisa, Chris Michalski (Hg.): wer hier ist – eine Anthologie —

Leipzig: hochroth Verlag 2020. 54 S., 8 €

Begonnen hatte es mit einem offenen Aufruf im August dieses Jahres auf diversen Online-Kanälen. Der Hochroth Verlag Leipzig ermutigte Schreibende »mit migrantischem Hintergrund«, ihre Kurztexte einzureichen. Einen Bezug zu Leipzig sollten die Verfasserinnen oder das Geschriebene haben. Das Ergebnis: eine dünne Anthologie, an der neun Autorinnen und Autoren beteiligt sind, untermalt von der melancholischen Analogfotoserie »Freibad«.

Politisch sind die Texte – mal ganz explizit, mal eher im Persönlichen verborgen. Ein eindringliches Gedicht über die zerarbeiteten Väter, die nach Deutschland auswanderten, von Irina Nekrasov/a, der innere »Monolog eines zwanghaften Aufschiebers« von Gyan Zetina oder die Schilderungen kindlicher Erinnerung an die Sommer in Ungarn von Iosif C Holzer. In »Socken stopfen« sinniert Maria Bujanov über Platz: »ohne Loch klingt wie die Negation einer Negation / und doch bleibt eigentlich noch viel weniger übrig als nichts – / vielleicht trotzdem ein Raum zum Füllen«. Gegenstand sind das Hierbleiben, das Dortgewesensein und das weite Spektrum dazwischen.

Die Auswahl zeigt vor allem, wie heterogen migrantische Stimmen und Geschichten sind. Was sie verbindet, verrät der Titel der Sammlung: da sein und sich durch Sprache verlautbar machen. »Ich warte auf dich, bis die Pandemie überstanden ist und wir wieder Tischkicker im Peter K. spielen«, heißt es im Gedicht von Xoşewîst. Der Titel von Kaśka Brylas Beitrag lautet »April«. Ein Monat, der den meisten nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Auch das Virus hat Einzug gehalten in diese Sammlung neuer Literatur und mit ihm seine Begleiterscheinungen: Schlange stehen beim Bäcker, Unverständnis ob der Sorglosigkeit anderer, Stirnrunzeln bei der Phrase »Krise als Chance«.

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