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Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus Größeres Bild

Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus —

Tagebuch eines Voyeurs. Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Larissa Bender. Bonn: Weidle Verlag 2019. 312 S., 23 €

Hafez al-Assad, der Vater von Baschar al-Assad, putschte sich 1970 an die Macht in Syrien. In den folgenden Jahren festigte er seine Herrschaft, indem er zahlreiche Oppositionelle wegsperren und foltern ließ. Unter ihnen auch den Juristen Mustafa Khalifa, der sich wiederholt gegen das Regime engagiert hatte. Ohne Anklage inhaftierten die Machthaber ihn zwischen 1982 und 1994 in verschiedenen syrischen Gefängnissen, die meiste Zeit in Tadmor. Der Wüstenknast ist auch der Schauplatz von Khalifas Roman. Darin verwebt er seine eigenen Erfahrungen mit denen anderer Häftlinge. Es ist ein Bericht direkt aus der menschengemachten Hölle. 

Ein junger christlicher Filmregisseur kehrt nach dem Studium in Paris nach Syrien zurück. Noch am Flughafen wird er verhaftet. Die Anschuldigungen gegen ihn sind undurchsichtig. Doch einmal in der Gewalt der Folterknechte spielt das keine Rolle. Erst kommen die Verhöre, dann die Verlegung nach Tadmor. Hier landet der junge Mann in einer Zelle mit Mitgliedern der Muslimbrüder, die in ihm schnell einen Ungläubigen wähnen. So lebt er doppelt isoliert: Die Wächter foltern und demütigen ihn, die Insassen meiden und bedrohen ihn. Um zu überleben zieht er sich zurück, existiert in seinem eigenen Schneckenhaus, von dem aus er alles beobachtet. »Das Schneckenhaus« erinnert an Lagerromane wie sie Solschenizyn oder Hertha Müller geschrieben haben. Nur dass es im syrischen Gefängnis keine Arbeit gibt. Stattdessen vergeht die Zeit mit Warten. Auf die nächste Grausamkeit der Militärs oder die nächste Hinrichtung. Oft ist das schon beim Lesen kaum auszuhalten. Doch Khalifa ist ein Autor, der sein Handwerk versteht. Eindrucksvoll legt er Zeugnis ab von einer Wirklichkeit, in der weltweit so manche politische Gefangenen noch heute leben müssen. Ihnen hat er seinen Roman gewidmet.

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