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Nora Zeale Hurston: Barracoon Größeres Bild

Nora Zeale Hurston: Barracoon —

Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. München: Penguin 2020. 224 S., 20 €

Die afro-amerikanische Anthropologin und Schriftstellerin nahm 1927 den Zug von New York in den Süden, bis nach ­Alabama. Ihr Ziel: einen der letzten Überlebenden des Sklavenhandels zu interviewen. Oluale Kossola, der in den USA den Namen Cudjo Lewis annahm, war 86 Jahre alt, als Hurston ihn aufsuchte. Viele Jahre zuvor war er mit dem Schiff »Clotilde« in den amerikanischen Süden geschmuggelt worden. Der Sklavenhandel war da schon verboten. Fünf Jahre arbeitete Lewis als Sklave. Dann befreiten ihn die Truppen der Nordstaaten.

Wie Hurston in ihrem Vorwort schreibt, wollte sie die Geschichte der Sklaverei aus der Perspektive derer hören, die sie erlitten hatten, und sie nahm sich Zeit dafür. Mehrere Monate lang traf sie sich mit Lewis. In ihren Mitschriften versuchte sie, seiner Art zu sprechen gerecht zu werden. »Barracoon« imitiert diese Mündlichkeit, erzählt schlicht und knapp Lewis’ Leben, von der Geburt in Afrika über die Verschleppung und den Verkauf durch den Stammeskönig bis zur Zeit während und auch nach der Sklaverei. Das Leid hörte auch dann nicht auf für den ehemaligen Sklaven: Als Neale Hurston ihn besuchte, waren seine Frau und ihre gemeinsamen sechs Kinder bereits tot, allesamt auf die ein oder andere Art Opfer von Rassismus.

»Barracoon« ist ein seltenes Dokument aus einer Zeit, in der Geschichte beinahe ausschließlich von Weißen geschrieben wurde. Kritisch anzumerken bleibt nur, wie der Penguin-Verlag die deutsche Ausgabe aufgeplustert hat: Allein drei Vorworte gibt es, dazu ein Nachwort und ein Glossar. Bevor man zu Lewis’ Geschichte gelangt, wird sie schon eingeordnet. Für ein unverfälschtes Leseerlebnis empfiehlt es sich, direkt mit Zora Neale Hurstons Bericht zu beginnen. Dort findet sich die ganze Geschichte in Lewis’ eigenen Worten.

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