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Reginald Dwayne Betts: Felon Größeres Bild

Reginald Dwayne Betts: Felon —

New York: W.W. Norton, 2019. 95 S., 23,95 €

Das Unkenntlichmachen der eigenen Vergangenheit sei ein Dialekt, angeeignet nach Erfahrungen im Gefängnis. Zumindest behauptet dies der afroamerikanische Lyriker Reginald Dwayne Betts im ersten Gedicht seiner vierten, auf Englisch erschienenen Anthologie »Felon« [Verbrecher]. In dieser Sammlung schreibt er gegen das Verstecken seiner persönlichen Geschichte an: Mit 16 verurteilte ihn ein Gericht in Virginia zu acht Jahren Haft für einen Autodiebstahl, versuchten Raub und den Besitz einer Handfeuerwaffe. Nach seiner Zeit hinter Gittern studierte er Recht an namhaften Universitäten und bewarb sich 2017 als Staatsanwalt in Connecticut. Doch ein Richterkomitee stellte Betts’ moralischen Kompass in Frage und wollte seine Tauglichkeit gesondert prüfen.

Vor diesem Hintergrund fragt Betts treffend in »Felon« nach den Chancen eines ehemaligen Sträflings beim Wiedereintritt in die Gesellschaft: Kann er oder sie je mehr sein als das Verbrechen und die abgesessene Strafe? Die durchweg männlichen Sprecher seiner Gedichte spielen auf der Suche nach einer Antwort beeindruckend viele Rollen durch: Sohn, Vater, Krimineller, Angeklagter, Verurteilter, Insasse, Entlassener. Alle suchen sie gemeinsam nach einem Weg, der eigenen Familie von ihren Erfahrungen zu erzählen. Einige reformerische Impulse gibt Betts in Form von geschwärzten Gerichtsdokumenten: Er zeigt Fälle, in denen Angeklagten die Zahlung einer festgelegten Kaution nicht möglich war, und verdeutlicht eindringlich, wie das amerikanische Justizsystem auch Armut kriminalisiert. Betts macht aus dem visualisierten Verschweigen eine laute Stimme, die dabei noch so unverschämt rhythmisch ist, dass einem die gelesenen Bekenntnisse lang im Kopf bleiben dürften.

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