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Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung Größeres Bild

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung —

Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 285 S., 22 €

»›Wie durch ein Gefängnis gehe ich durch meiner selbst‹, murmelte er leise.« Er – das ist der Protagonist des Romans »Blauwal der Erinnerung«, in dem Tanja Maljartschuk jene Intellektuellen aus der Versenkung der Geschichte holt, die um 1900 bis Mitte des 20. Jahrhunderts von einer eigenständigen Ukraine träumten. Diese heterogene Boheme zerwirft sich allerdings zwischen Kiew, Krakau und Wien im Disput um den Weg zum Ziel.

Die 1983 in der Ukraine geborene Maljartschuk baut dazu zwei Zeitebenen auf: die der historischen Abläufe um den ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyi und die einer leidenden jungen Frau der Jetztzeit, die in der Ich-Form erzählt und namenlos bleibt. Psychisch gestört, verlässt die Literatin monatelang kaum ihre Wohnung. Als sie bei Recherchen auf Lypynskyi stößt, reißt dessen bewegte Biografie als Historiker, Politiker und Hypochonder sie aus ihrer Lethargie.

Der 2019 ins Deutsche übersetzte Roman vermittelt ein intensives Bild der zerrissenen ukrainischen Geschichte zwischen den Nachbarn Polen und dem Zarentum Russland. Gerade das macht es dem Leser zumindest am Anfang nicht leicht, die vielen Fakten und Namen der Akteure im Lesefluss zu halten. Spannung ergibt sich vor allem aus dem Wissen um den Ausgang der Geschichte, die Zwangsaufnahme der bäuerlich geprägten Ukraine in den riesigen Staatenbund Sowjetunion, und aus dem Ende der beiden Hauptfiguren, die einander nie begegnet sind.

Die 285 Seiten sind trotz des Personenverzeichnisses keine leichte Kost: Sie zu lesen lohnt trotzdem, denn der »gigantische Blauwal des Vergessens« hat sein Maul kurz geöffnet und Helden von damals wieder ausgespuckt.

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