Startseite / Rezensionen / Bücher / Tanya Tagaq: Eisfuchs

Tanya Tagaq: Eisfuchs Größeres Bild

Tanya Tagaq: Eisfuchs —

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Illustrationen von Jaime Hernandez. München: Verlag Antje Kunstmann 2020. 196 S., 20 €

Cambridge Bay heißt in der Sprache der Inuit Iqaluktuu iaq. Der Ort liegt im Südteil der Victoria-Insel an der Nordwestpassage in Nunavut im Norden Kanadas. Permafrostboden, Tundra, Mitternachtssonne im Sommer, Polarlichter und wochenlange Dunkelheit im Winter. Wie sieht eine Kindheit an so einem Ort aus?

Die Heldin dieses surrealen Entwicklungsromans wächst hier Ende der siebziger Jahre in einer indigenen Gemeinschaft auf. »Meine Mutter war ein Kind der großen Veränderungen; von der Regierung veranlasste Umsiedlungen, der Übergang zum Kapitalismus und die Häutung der Schamanen führten zur Generation der Christlichen Gebote, des Blinden Glaubens und der Scham.« Verstreute, autobiografisch angelehnte Momente rahmen die Geschichte der Heldin. Sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Die Erwachsenen sind oft betrunken und unberechenbar.

In einem Wechsel von Prosa und lyrischen Passagen löst sich der Realitätsbezug zunehmend auf. In Visionen von Tiergestalten entsteht eine eigene Mythologie. Seinen jähen, magisch-realistischen Höhepunkt erreicht das Buch, als die Heldin von Nordlichtern vergewaltigt wird. Die Autorin widmet ihr Werk den Überlebenden der Residential Schools sowie allen »verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas«.

»Eisfuchs« ist nicht weniger als der literarische Versuch einer Selbstverortung Generationen nach dem kulturellen Völkermord. Tagaq ist bislang vor allem als Musikerin in Erscheinung getreten: Ihre neunminütige Kehlkopfperformance auf Youtube bildet eine Brücke zum Verständnis der Stimmen in diesem Roman.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare