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Film

Tully

Mit »Juno« porträtierten Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Jason Reitman vor zehn Jahren eine junge Frau auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. »Young Adult« handelte drei Jahre später von einer Frau, die nicht erwachsen werden wollte. Für Marlo, die Protagonistin ihrer dritten Zusammenarbeit, gibt es keinen Ausweg mehr. Ein Reihenhaus, zwei Kinder, eins auf dem Weg - man sieht der Mittvierzigerin an, dass sie sich von einem glamouröseren Lebensentwurf längst verabschiedet hat. Marlo ist konstant übermüdet, gestresst und latent frustriert. Trotzdem jongliert sie die Kinder und den Haushalt, stellt sich der Direktorin der Schule, wenn der Jüngste mal wieder einen seiner Anfälle hat, und versackt abends bei Reality-Shows, während ihr liebenswerter, aber weitgehend unbeteiligter Mann oben Ego-Shooter zockt. Als das Kind zur Welt kommt, wird schließlich alles zu viel. Widerwillig nimmt Marlo das Angebot ihres wohlhabenden Bruders an und stellt die Night-Nanny Tully an, die sich über Nacht um das Baby kümmert. Nicht nur der Schlaf und die aufgeräumte Wohnung tun Marlo sichtlich gut, es sind auch die Gespräche mit der jungen Tully. In den Nächten wird sich Marlo der verpassten Chancen bewusst, lernt aber auch ihr heutiges Leben schätzen. Bis eine nächtliche Sauftour der Beziehung eine unerwartete Wendung gibt. Bereits in »Young Adult« bewies Charlize Theron absolutes Vertrauen in Codys Charaktere und Reitmans Regie, gab ihre Figur bei allen Eskapaden aber nie der Lächerlichkeit preis. Auch Marlo ist eine starke Figur, facettenreich geschrieben und nuanciert gespielt. Die Folgen von Mutterschaft und Schlafentzug sind Theron in die tiefen Augenringe geschrieben. Aber auch die psychologischen Konsequenzen behandelt »Tully« bis zu seinem überraschenden Finale überzeugend.

Lars Tunçay
4 kreuzer
(USA 2018, 95 min) R: Jason Reitman, D: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston

Film

Die Frau, die vorausgeht

In den USA des Jahres 1889 begibt sich die verwitwete Malerin Catherine Weldon vom großstädtischen New York ins karge North Dakota, um den legendären Lakota-Häuptling Sitting Bull zu porträtieren. Ihr Vorhaben stößt bei den Menschen dort auf wenig Gegenliebe: Die quasi besiegten Ureinwohner wissen nicht, was sie von dieser Frau zu halten haben, und die weißen Eroberer hassen ganz unverhohlen Weldons liberale Ideen. Zumindest zu den Indianern findet die Idealistin irgendwann Zugang und freundet sich mit Sitting Bull und seiner Familie an. Angesichts der bevorstehenden Landenteignung, zu der der Kongress die Urbevölkerung der sogenannten »Neuen Welt« zwingen wird, bringt sie das jedoch in höchste Gefahr. Die Lebensgeschichte der echten Mrs. Weldon, die eigentlich Caroline hieß, geschieden und nicht verwitwet war und noch ein ganzes Stück emanzipierter als ihre Filmversion, spiegelt »Die Frau, die vorausgeht« nur in Grundzügen. Das Drehbuch nimmt sich massive Freiheiten, obwohl eine noch streitbarere und gleichzeitig historisch korrektere Hauptfigur dem Westerndrama keineswegs geschadet hätte. Trotzdem überzeugt der Film, der in Teilen wie ein Komplementärwerk zum etwas stärkeren »Feinde - Hostiles« wirkt, der Ende Mai in die Kinos kam, durch seine Ruhe und die heute unmissverständliche Versöhnungsbotschaft. Jessica Chastain verleiht ihrer unangepassten »Frau, die vorausgeht« - so der indianische Name Weldons - Würde und Konturen, während Michael Greyeyes in der Rolle des Sitting Bull jene Erhabenheit ausstrahlt, die die Armeeoffiziere und landraubenden Kapitalisten trotz all ihrer waffenstarrenden Überlegenheit niemals besessen haben. Stoisch bleibt der Häuptling auf seinem Weg, dessen unabwendbare, schmerzhafte Konsequenzen bis heute in den wenigen verbliebenen Indianerreservaten Amerikas nachhallen.

Peter Hoch
3 kreuzer
(USA 2018, 102 min) R: Susanna White, D: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell

Film

Augenblicke: Gesichter einer Reise

Die 89-jährige Regie-Ikone Agnès Varda und der 33-jährige Streetart-Künstler JR machen sich mit ihrem einzigartigen Fotomobil auf, um Frankreichs Menschen und ihre Geschichten zu entdecken und zu verewigen: in überlebensgroßen Porträts an Fassaden, Zügen und Schiffscontainern.
(F 2016, Dok, 93 min) R: Agnès Varda