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Film

Cobain

»Was für eine bescheuerte Idee, seinem Kind den Namen von einem Typen zu geben, der sich erschossen hat.« Cobain ist 15 und hat ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Mutter. Kein Wunder, meistens ist Mia weggetreten vom Heroin oder sturzbetrunken. Dennoch will er sie nicht aufgeben, was sonst jeder tut, der Mia kennt. Dabei hat sich Cobain über die Jahre an das Leben im Heim gewöhnt und auch eine liebenswerte Pflegefamilie in Aussicht. Aber er begreift bald, dass er dort nicht hingehört. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Mutter und Sohn. Mia ist wieder schwanger und richtet sich selbst und ihr ungeborenes Kind zugrunde. Schließlich erträgt Cobain ihre Selbstzerstörung und die ständigen Demütigungen seines Umfelds nicht mehr. Es ist Zeit, das Schicksal bei den Eiern zu packen. Das Kameraauge von Frank van den Eeden (»Fliegende Herzen«) beobachtet den Teenager dabei ganz genau. Lange Einstellungen ruhen auf seinem Gesicht. Im Gegenlicht des Sommers durchstreift er seine Welt. Der junge Bas Keizer ist dabei eine echte Entdeckung. Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold und ihre langjährige Produzentin Stienette Bosklopper, die mit »Cobain« ihr Drehbuchdebüt gibt, unterstreichen das, indem sie ihm ihren Film auf die Schultern legen. Kein leichtes Gepäck: »Cobain« erschließt sich nur widerwillig. Viele Szenen kommen ohne Dialoge aus, nicht alle Handlungen der Akteure sind gleich verständlich, es fällt kaum Licht auf die Figuren, die sich in ihrem eigenen Elend eingerichtet haben. Nanouk Leopold (»Brownian Movement«), die mit ihren schroffen Charakterdramen Dauergast der Berlinale ist, traut ihrem Hauptdarsteller und auch dem Zuschauer viel zu und belohnt ihn mit einem berührenden Drama abseits durchdeklinierter Coming-of-Age-Standards.

Lars Tunçay
4 kreuzer
(NL/B/D 2018, auch OmU, 94 min) R: Nanouk Leopold, D: Bas Keizer, Naomi Velissariou, Wim Opbrouck

Film

Shut Up And Play The Piano

Wer ist Chilly Gonzales und - wie viele? Punk und Pianist, Provokateur und Popstar: An »Gonzo« scheiden sich die Geister. Und das ist absolutes Kalkül, wie er gleich zu Beginn der dokumentarischen Biografie von Philipp Jedicke proklamiert. Chilly will gleichermaßen geliebt und gehasst werden, und das gelingt ihm seit fast zwei Jahrzehnten mit großem Erfolg. Mit »Shut Up and Play the Piano« wirft nun erstmals ein Dokumentarfilm einen Blick in die Vita des musikalischen Genies. Aufgewachsen als Sohn eines erfolgreichen kanadischen Baumagnaten lernte Jason Charles Beck, so sein bürgerlicher Name, bereits mit drei Jahren das Klavierspielen von seinem Großvater. Genau wie sein Bruder Christophe, heute angesehener Filmkomponist (aktuell mit »Ant-Man and the Wasp« im Kino), mit dem er immer in gesunder Konkurrenz stand. Im Gegensatz zu seinem Bruder lehnte es Jason ab, als konventioneller Komponist Karriere zu machen. Er wollte lieber Kunst schaffen und Underground bleiben. Dazu bot sich ihm Ende der neunziger Jahre in Berlin die perfekte Bühne. Mit Peaches machte er die Clubs der Hauptstadt unsicher und entdeckte seine Liebe zum Rap. Mit Leslie Feist kehrte er zur klassischen Komposition zurück und begeisterte auch Musikkenner, die von seiner expressiven Art abgeschreckt waren, mit seinen Alben »Solo Piano I und II«. Ein so versatiler Künstler ist schwer in einen konventionellen Kinofilm zu packen. Deshalb ist auch der Film eine wilde Mischung aus Interviews, meist im Gespräch mit Schriftstellerin Sibylle Berg, Bühnenshows aus allen Richtungswechseln und Performances, die mal funktionieren, mal nach hinten losgehen. Regisseur Jedicke findet einen ehrlichen Zugang zum musikalischen Genie, denn: Man mag vom Auftreten Chilly Gonzales' halten, was man will - wenn er einmal am Piano sitzt, ist er an Kreativität kaum zu überbieten.

Lars Tunçay
3 kreuzer
(D/F/GB 2018, Dok, 82 min) R: Philipp Jedicke

Umland

Revolution!

Ausstellungseröffnungen in Altenburg und Jena: Die Novemberrevolution von 1918 wird in diesem Jahr groß gefeiert. Los geht es in einigen Museen schon im September. Das Lindenau-Museum verbindet 1918 und 1968 von Grosz über die Wiener Aktionisten bis zu Joseph Beuys in der Ausstellung »Die einzig revolutionäre Kraft«. Jena schaut auf die sozialen Bewegungen in der Stadt seit dem ersten Besuch von August Bebel bis zum November 1918: »Der Weg in die Revolution« - Eine Schau zur Blüte des Kapitalismus und was die SPD und Gewerkschaften davon hielten. (Foto: Conrad Felixmüller, Aufruf (Es lebe die Weltrevolution), 1920, Holzschnitt, VG Bild-Kunst, Bonn 2018)