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Film

9. Lateinamerikanische Tage

Das Kino Lateinamerikas ist wahrhaftiger denn je: Auffallend viele Dokumentarfilme sind im Programm der 9. Lateinamerikanischen Tage zu entdecken. Darin geht es um die Diktaturen in Chile und El Salvador, den Drogenkrieg in Mexiko und das heutige Kuba. Daneben laufen aber auch einige erfrischende Genrefilmemacher mit ihren Ideen Amok und die so vielfältige Kinolandschaft Lateinamerikas bleibt einer der spannendsten Schmelztiegel der Welt. (Foto: Quipu - Illamas por justicia)

Film

Girl

Das Auge der Kamera ist fixiert auf Lara, folgt jeder Bewegung, jeder Regung im Gesicht der 14-Jährigen. Wie die Ballerina durch den Raum des Konservatoriums wirbelt, die schmerzverzerrten Züge, wenn sie die Verbände löst, die schüchternen Blicke in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause, die Freude, wenn sie ihren kleinen Bruder umsorgt. Lara ist eine ganz normale Teenagerin, doch sie hat es besonders schwer, denn sie ist als Victor auf die Welt gekommen. Vor ihr liegt ein schmerzvoller, langer Weg in ein neues Leben. Was hinter ihr liegt, darüber schweigt sich der Film von Lukas Dhont bewusst aus. Es spielt auch keine Rolle, wo ihre Mutter ist, denn Lara hat ihren fürsorglichen Vater. Es ist egal, wie sie es ihm und den Verwandten beigebracht hat, dass sie im falschen Körper steckt, denn sie haben es im Hier und Jetzt akzeptiert und respektieren ihren Schritt. Doch da ist trotzdem die Angst des Vaters vor den Operationen, Laras Ungeduld, alles jetzt sofort zu wollen. Sie steckt mitten in der Pubertät, ihr Gefühlschaos wiegt doppelt. Verlieben? Undenkbar, wenn sie sich fremd im eigenen Körper fühlt. Auch im Kreise ihrer Freundinnen an der neuen Schule fühlt sie sich nicht vollends zugehörig. So stürzt sie sich verbissen in ihre Leidenschaft, das Tanzen. Lukas Dhont suchte lange und fand seinen bemerkenswerten Hauptdarsteller schließlich, als er die Tänzer und Tänzerinnen für die anderen Rollen castete. Der junge Victor Polster ist in jeder Einstellung des Films zu sehen und fixiert auch den Blick des Betrachters, wenn Lara strahlt, lacht und leidet. Geschlechtergrenzen verschwimmen und man betrachtet ein junges, lebensstarkes Mädchen auf dem Weg zur Frau. Das erreicht »Girl« auch, weil er von jeglichem Ballast befreit, offen und ehrlich erzählt. Damit dürfte ihm eine Oscar-Nominierung sicher sein.

Lars Tunçay
5 kreuzer
(B/NL 2018, 105 min) R: Lukas Dhont, D: Victor Polster, Arieh Worthalter, Katelijne Damen

Film

Nanouk

»Nanook of the North«, ein Frühwerk des Dokumentarfilms von Robert J. Flaherty, zeigt das Leben eines Inuit und seiner Familie am Polarkreis vor 100 Jahren. Der bulgarische Regisseur Milko Lazarov hat den Namen seines Protagonisten bewusst gewählt, im Originaltitel »Ága« aber eigentlich eine andere Person in den Mittelpunkt gestellt. Nanouk lebt mit seiner Frau Sedna in der menschenleeren Eiswüste des sibirischen Nordens. Ein wunderschöner Ort, der seinen verbliebenen Bewohnern viel abverlangt. Täglich geht Nanouk raus, schlägt Löcher ins ewige Eis, um zu fischen, oder legt Fallen für die wenigen Tiere, die in dieser lebensfeindlichen Umgebung existieren. Einst war er Rentierhirte, davon zeugen aber nur noch die Felle, mit denen die Jurte bespannt ist, die er und Sedna bewohnen. Die Tiere sind lange weg und wenn Nanouk bei seinen Ausfahrten doch mal eines sieht, ist man als Zuschauer nicht sicher, ob es nicht doch eine Luftspiegelung in der weißen Unendlichkeit der Eiswüste ist. Wie Lazarov ohnehin viel dem Auge des Betrachters überlässt. Geredet wird nur das Nötigste, es sei denn, Nanouk erzählt eine seiner Fabeln, dann beginnt das Kopfkino bei seinen Zuhörern. Denn es gibt da noch einen erwachsenen Sohn, der sie besucht, und auch eine Tochter, die weit entfernt in einer Goldmine arbeitet. Mit ihr hat sich Nanouk zerstritten, doch sie ist Mittelpunkt im Herzen des alten Paares - und der Geist der Vergangenheit, der in die Gegenwart reicht: Ága. Was es mit ihr und den schwarzen Flecken auf sich hat, die die Tiere und das Land befallen, enthüllt der Film nicht endgültig. Es ist die Poesie des Erzählens, für die Kameramann Kaloyan Bozhilov atemberaubende Landschaftspanoramen findet, die »Nanouk« zu einem kraftvollen Zeugnis einer verschwindenden Kultur macht.

Lars Tunçay
4 kreuzer
(BUL/D/F 2018, 96 min) R: Milko Lazarov, D: Mikhail Aprosimov, Feodosia Ivanova, Sergei Egorov

Film

The Guilty

Wie Spannungsgroßmeister Stephen King treffend feststellte: Guter Thrill generiert sich oft gerade aus dem, was nicht gezeigt wird und sich im Kopf des Rezipienten konstruiert. Von diesem Wissen macht das Debüt des dänischen Regisseurs Gustav Möller geschickt Gebrauch. Sein beklemmender Echtzeit-Entführungsthriller hat nur einen einzigen Schauplatz: das karge Büro einer Kopenhagener Notrufzentrale. Hier lernen wir den zentralen Protagonisten dieses Kammerspiels kennen: Cop Asger, der aus zunächst unbekannten Gründen zum Telefondienst abkommandiert wurde. An jenem Tag erhält er einen Anruf, der seinen gebeutelten Polizistenehrgeiz weckt: Eine junge Frau wurde von ihrem Ex entführt. Er sitzt neben ihr im Wagen, sie muss also so tun, als spräche sie mit ihrer kleinen Tochter. Doch der Entführer durchschaut den Trick, die Verbindung wird getrennt. In den nächsten Stunden setzt Asger alles daran, die Frau zu finden - ein Wettlauf gegen die Zeit. Atemlos folgen wir an der Seite von Asger dem mit jedem Telefonklingeln die Richtung ändernden Plot, der uns immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht, und sind anderthalb Stunden lang ganz Ohr. Die Identifikation mit dem Mann am Headset ist für diese Erzählweise essenziell und gelingt nicht zuletzt dank Jakob Cedergrens glaubwürdiger Performance. Wir beobachten hier keinen Helden, sondern einen Menschen in einer Extremsituation - einen Menschen, der trotz aller Erfahrung Fehler macht. Die uralte moralische Frage, was Schuld bedeutet und wie wir zu Schuldigen werden, wird dabei mit jedem Twist neu verhandelt. Beim Sundance Film Festival wurde Möllers minimalistisches Erzählexperiment mit dem Publikumspreis belohnt - entgegen allen Trends ein schönes Zeichen dafür, dass modernes Spannungskino sich nicht mit oberflächlichen Effekten aufpumpen muss, um zu gefallen.

Karin Jirsak
4 kreuzer
(DK 2018, 85 min) R: Gustav Möller, D: Jakob Cedergren, Jessica Dinnage, Omar Shargawi

Film

Dogman

Ein trostloser Küstenort in der Nähe von Neapel, der sich selbst überlassen wurde. Ein verfallener Häuserkomplex mit Spielhallen und Wettbüros. In der Mitte ein Spielplatz, auf dem ein paar Kinder die Schaukeln zum Quietschen bringen. Das ist die Nachbarschaft von Marcello. Hier hat er seinen Hundeladen. Hier hegt und pflegt er die Tiere der Bewohner des Viertels, gemeinsam mit seiner Tochter Alida. Die Nachbarn mögen und respektieren ihn. Dem kleinen, freundlichen Mann bedeutet das viel. Deshalb lässt er selbst den unangenehmen Ex-Boxer Simone in seinen Laden, wenn er mal wieder auf ein Tütchen Koks bei Marcello antanzt. Simone nutzt die Gutmütigkeit Marcellos aus und verwickelt ihn in seine Diebeszüge, ohne ihm einen Teil der Beute abzugeben. Für den Ladenbesitzer und die Menschen in seinem Viertel wird der tumbe Hüne immer mehr zu einer Gefahr und sie machen sich Gedanken, wie sie ihn loswerden. Nur Marcello macht da nicht mit und es bedarf einer endlosen Serie von Erniedrigungen, bis auch er seiner Sanftmut entkommt. Matteo Garrone, der mit »Gomorra« eine groß angelegte Studie des Verbrechens in seiner Heimat vorlegte, konzentriert sich hier auf eine kleine Gemeinschaft. Er schickt seinen sympathischen Helden auf eine Tour de Force mit sicherem unheilvollem Ausgang. 102 Minuten lang quält er ihn und Hauptdarsteller Marcello Fonte verwandelt jede Erniedrigung in stillen Schmerz. Eine schauspielerische Meisterleistung, die in Cannes mit dem Darstellerpreis belohnt wurde. Für den Zuschauer gibt es allerdings keine Belohnung in diesem düsteren Thrillerdrama. Allenfalls die mächtigen Bilder der trostlosen Küstenregion, die der dänische Kameramann Nicolai Brüel in kontrastreichen Panoramen auf die Leinwand wirft. Eine schmerzhafte Kinoerfahrung, aus der man erschöpft ans Tageslicht tritt.

Lars Tunçay
3 kreuzer
(I 2018, 102 min) R: Matteo Garrone, D: Marcello Fonte, Edoardo Pesce, Nunzia Schiano

Literatur

20 Jahre Lyrikbibliothek

Zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen hat die Leipziger Lyrikbibliothek die Crème de la Crème der Leipziger Dichterszene versammelt. Es lesen: Thomas Böhme, Róza Domascyna, Ina Gille, Peter Gosse, Ralph Grüneberger, Kerstin Hensel und Angela Krauß. Für den zweiten Teil des Abends ist eine Überraschung angekündigt.