Startseite / Kultur / Die Leipziger Madonna

Die Leipziger Madonna

Ein 20-Jahre altes Graffito des Künstlers Blek le Rat wurde an einer Leipziger Häuserwand wieder entdeckt

poursybille_leipzig_1991-ab Größeres Bild

Eine Leipzigerin hat das vermutlich älteste erhaltene Graffito des französischen Künstlers Blek le Rat entdeckt und mit ihm die Geschichte einer Liebe.

Ein Frau in schwarzem Gewand steht barfuß auf Zehenspitzen und neigt den Kopf zur Seite. In den Armen hält sie ein nacktes Kind. Die Figur erinnert an eine christliche Madonna. Sie befindet sich allerdings nicht in einem Museum, sondern ist an die Wand eines Leipziger Hauses gemalt.

Viele Jahre kam Maxi Kretzschmar auf ihrem Schulweg an dieser Madonnenfigur vorbei. Mit der Zeit wurde die Hauswand mit immer neuen Plakaten zugeklebt. Das Bild verschwand und die 31-Jährige vergaß das Bild wieder. Als sie mit einem Freund im Januar dieses Jahres an ebendiesem Haus vorbeigeht, hängen einige Poster zerfetzt herunter. Hinter den Überresten erkennt sie den Kopf der Madonnenfigur.

Ein anderer hätte das Graffito vermutlich übersehen, doch die Kulturmanagerin beschäftigt sich seit über fünf Jahren auch beruflich mit Kunst, organisiert zum Beispiel Ibug, ein internationales Urban-Art-Festival. Als sie vom Plakat noch ein paar Stücke abreißt, wird ihr schnell klar, dass sich dahinter nicht einfach nur eine »Schmiererei« verbirgt.

Sie recherchiert im Internet und tatsächlich handelt es sich bei dem Graffito um »Die Frau mit Kind« des französischen Künstlers Xavier Prou, alias Blek le Rat. Er gilt als Begründer des Stenciling. Beim Stenciling werden – anders als bei Graffiti – die Kunstwerke nicht freihändig auf die Wände gesprüht, sondern mithilfe einer Schablone. Daher kommt auch der Name Schablonengraffiti.

»Damals wurden Graffiti noch nicht kriminalisiert«

Maxi Ketzschmar überlegt, was sie mit ihrer Entdeckung anfangen soll. Nach drei Tagen schreibt sie dem Künstler Blek le Rat eine E-Mail. »Ich habe so lange gewartet, weil ich vor dem Urvater der Schablonengraffiti großen Respekt hatte«, sagt sie, »schließlich wollte ich nicht wie ein Groupie erscheinen.« Le Rat ist alles andere als genervt und schreibt prompt zurück. Denn das Kunstwerk hat eine ganz besondere Geschichte: Anfang der Neunziger wurde Blek le Rat von der Universität Leipzig eingeladen, um die Stadt mit seinen Graffiti zu verschönern. »Das war eine Zeit, in der Graffiti noch nicht kriminalisiert wurden«, erinnert er sich. Le Rat, damals Ende 30, folgte der Einladung und die Madonna, die er auf der Hauswand hinterließ, ist nicht irgendwer, sondern das Abbild einer ganz bestimmten Frau: Sybille. Die aus Liebertwolkwitz stammende Frau und der französische Künstler lernten sich in Leipzig kennen und aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine Liebesgeschichte, die bis heute andauert. Sybille ist seit 20 Jahren mit Xavier Prou verheiratet, zusammen haben sie einen 19-jährigen Sohn. »Es wäre schön, wenn wir das Graffito an diesem Platz erhalten könnten, denn es bedeutet eine Menge für Sybille und mich«, sagt der Künstler. Nirgendwo auf der ganzen Welt gebe es ältere Spuren seiner Kunst. Kein Zweifel: Die Madonnenfigur ist ein einzigartiges Kulturgut. Auch in der Graffiti-Szene selbst. Denn obwohl politische Stencils eine lange Tradition haben – ein bekanntes Bild von le Rat ist ein Ire, der britische Soldaten beschimpft –, konzentriert sich der heute 60-Jährige vor allem auf unpolitische Motive: 1981 beginnt er Ratten auf Wände zu sprühen, lange bevor der britische Undercover-Künstler Banksy mit seinen ersten Ratten-Stencils berühmt wird. Le Rats Figuren sind für ihn Kommunikationswerkzeuge: »Wann immer ich sie auf die Wände malte, hatte ich das Gefühl, einen Teil von mir selbst in den Städten, die ich besuchte, zu hinterlassen.« Nun ist ein Teil von ihm in Leipzig geblieben.

Deswegen schreibt Maxi Kretzschmar nicht nur E-Mails mit le Rat, sie telefoniert abwechselnd mit dem Hausbesitzer und dem Kulturamt der Stadt Leipzig. Obwohl die Sprühkunst oft als Verschandelung der Umwelt angesehen wird, sind sich in diesem Fall alle einig: Das Bild soll konserviert werden. »Sobald es wärmer wird, schneidet eine Firma das Graffito heraus und sichert es«, sagt Hausbesitzer Horst Schulze*. Die Kosten dafür trägt er selbst. »Es ist ein Stück Leipziger Kultur, die erhalten werden muss«, meint er. Bis es so weit ist, bleibt geheim, wo sich das bemalte Haus befindet. Die Angst vor Vandalismus ist groß. Das ist ganz im Sinne von Ansgar Scholz vom Kulturamt Leipzig. Auch Scholz will das Graffito erhalten. »Am liebsten sogar an Ort und Stelle«, sagt er, »damit es öffentlich zugänglich bleibt.« Das entspräche dem Charakter von Street Art und sei Denkmalpflege im besten Sinne.

Maxi Kretzschmar hingegen spricht auch mit dem Museum der bildenden Künste. Eine andere Möglichkeit sei, das Bild mitsamt Untergrund im Museum auszustellen. Doch ob Streetart im Museum gut aufgehoben ist, bleibt fraglich. Blek le Rat selbst freut sich zwar über die Initiative der Entdeckerin. Aber auch für ihn ist Graffito temporäre Kunst. Was auch immer mit seiner »Frau mit Kind« passiert: »C’est la vie, es ist Graffiti«, schreibt er Maxi Kretzschmar.

* Name von der Redaktion geändert

Kommentieren

Dein Kommentar

8 Kommentare

  1. Maxi | 2. Mai 2012 | um 12:35 Uhr

    Schöne Geschichte und sauberer Abschluss im Denkmalschutz, da letztes erhaltenes Graffiti der Wendezeit in Südvorstadt und ältestes weltweit erhaltenen Pochoir von Belek le Rat laut seiner Aussage.
    An die Kritiker: Es hätte Eure Story sein können, wenn Ihr sie erzählt hättet und ja es macht Arbeit mit allen Beteiligten zu kommunizieren auf dem Weg zur besten aller möglichen Lösungen und nein, nicht jede diskutierte Lösung ist der Weisheit letzter Schluss. Ende gut, alles gut: Das Grafftiti bleibt an Ort und Stelle – die beste aller möglichen Lösungen!

  2. Jurij Riammer | 30. März 2012 | um 10:23 Uhr

    Ich empfinde den Ort des Kunstwerkes dieser Art ebenfalls als Teil dessen. Ohne die genaue Vorgeschichte zu kennen, mutmaße ich, dass dessen Wegbewegung eine partielle Zerstörung der Kernidee und Aussage wäre. Vandalismus ist aber ein Problem, was sehr oft durch Unwissenheit verursacht wird. Wie wär’s denn mit einem goldenen Rahmen und einem QR-Code (oder Beschreibung, oder Link…) zu einer Website, wo der wissensdurstige Verunstalter erstmal die Geschichte der Madonna sich anschauen kann? In der Regel haben die Sprayer Respekt vor den „Großen“ der Szene.

  3. nicht rausschneiden! | 21. März 2012 | um 01:56 Uhr

    Street Art rausschneiden und in einen musealen Kontext zu rücken, dass kann doch keine Kunstwissenschaftlerin ernsthaft meinen. Wie man aber hört, ist das Pic bereits unter Denkmalschutz gestellt und wird an seinem Ort – wenn auch abgedeckt – verbleiben. Die bessere Lösung, denke ich.

  4. Juliane Streich | 19. März 2012 | um 17:21 Uhr

    Stimmt! Danke. Wir haben es sofort verbessert. In der gedruckten Version steht es auch richtig geschrieben.