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»Als Weißer kommt man überall hinein, als Schwarzer nicht«

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Schonungslos und unbarmherzig ist der Blick des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl (»Hundstage«, 2001) , der sich in seinen Werken immer wieder mit gesellschaftlichen Tabus beschäftigt und in menschliche Abgründe blickt. Im ersten Teil seiner »Paradies«-Trilogie – »Paradies: Liebe«– erzählt Seidl die Geschichte der Sextouristin Teresa (Margarethe Tiesel) und entführt den Zuschauer in die Welt weißer Sugarmamas, die um die Liebe und Zuneigung kenianischer Beachboys buhlen. Eine Kritik zum Film finden Sie in der aktuellen Ausgabe des kreuzer.

kreuzer: Warum haben Sie sich dem Thema Sextourismus aus der Perspektive der Touristinnen angenähert?

ULRICH SEIDL: Warum nicht? Natürlich ist das noch ein tabuisiertes Thema, aber umso interessanter ist es, weil es nicht nur etwas über diese Frauen erzählt, die in Kenia als sogenannte »Sugarmamas« ihre Liebessehnsüchte stillen, sondern weil es auch etwas über unsere Gesellschaft aussagt.

kreuzer: Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Sextourismus?

SEIDL: Der männliche Sextourismus funktioniert viel mehr nach geschäftlichen Voraussetzungen. Es wird etwas angeboten und das hat seinen Preis. Der weibliche Sextourismus hat mehr mit romantischen Gefühlen zu tun. Die Frauen suchen mehr die Liebe, die Anbahnung, die Zärtlichkeit, die Geborgenheit und auch die Wertschätzung – und die afrikanischen Beachboys sind äußerst begabt darin, den Frauen dieses Gefühl zu vermitteln. Da spielt es überhaupt keine Rolle, wie alt die Frauen sind und welches Aussehen sie haben.

kreuzer: Trotzdem ist es überraschend, dass sich die Beziehung zwischen Teresa und ihrem Beachboy über sehr lange Zeit im romantischen Nebel aufhält und von Geld erst einmal gar nicht die Rede ist.

SEIDL: Die Beachboys geben den Frauen das Gefühl, dass es wirklich um Liebe geht, dass man sich für sie interessiert und dass das nicht nur ein abgekartetes Spiel ist. Teresa sucht die Liebe und einen Mann, von dem sie geliebt wird, ohne dass sie sich verstellen muss. Sie sagt einmal: »Ich möchte jemanden finden, der mir in die Augen schaut und mich meint.« Anfänglich funktioniert das für sie auch. Aber je länger man dem Film zuschaut, desto klarer wird, dass andere Kriterien wie Geld eine gewichtige Rolle spielen.

kreuzer: Am Strand gibt es zwischen den weißen Touristinnen und den schwarzen Beachboys eine unsichtbare Grenze, die von den Afrikanern nicht überschritten wird. Man hätte erwartet, dass die Touristenareale durch dicke Zäune von der Außenwelt abgeschirmt sind …

SEIDL: Das, was Sie im Film sehen, ist natürlich ein gemachtes Bild. Aber die Realität sieht genau so aus. Der Strand ist öffentlich. Dort halten sich die Händler und Beachboys auf. Und ab einer gewissen Grenze beginnt das Hotelareal. Dort dürfen sie nicht hinein. Da gibt es Sicherheitskräfte, die das bewachen. Als Weißer kommt man überall hinein, als Schwarzer nicht. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Welten mit sehr klaren Grenzen. Die touristischen Anlagen in Kenia – das ist quasi eine westliche Welt, die mit dem Land gar nichts zu tun hat. Auf der anderen Seite gibt es in direkter Nachbarschaft die Wohnquartiere der Afrikaner, eine Welt, in der eine Armut herrscht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Die Afrikaner versuchen natürlich an dem Tourismus mitzunaschen. Alle Verhältnisse zu weißen Touristen sind Geldverhältnisse. Die Struktur hat sich seit dem Kolonialismus nicht grundlegend geändert. Der Weiße hat immer noch das Sagen, auch wenn die Vorzeichen andere geworden sind.

kreuzer: »Paradies: Liebe« lebt auch von der Körperlichkeit der Figuren.

SEIDL: Alle meine Filme sind sehr körperlich, weil ich glaube, dass es ganz wichtig ist, Filme physisch zu machen und den Zuschauer so nahe wie möglich an die Figuren heranzubringen. Aber in diesem Film ist Körperlichkeit das zentrale Thema. Es geht um eine Frau, die mit ihrem Körper unseren verordneten Schönheitsidealen nicht entspricht und deshalb versucht, ihre Sehnsucht nach Liebe woanders zu stillen. Das Thema ist der Körper und die Schauspielerinnen müssen das auch zeigen.

kreuzer: War es schwierig, Schauspielerinnen zu finden, die ihren Körper so frei zur Schau stellen?

SEIDL: Im Spektrum der infrage kommenden Schauspielerinnen waren nur wenige bereit, das zu tun. Die Anforderungen an die Hauptdarstellerin in diesem Film waren sehr hoch. Ich habe eine Frau gesucht, die über 50 und übergewichtig ist. Diese Frau musste authentisch sein, improvisieren können, was nur wenige Schauspielerinnen können, und musste bereit sein, vor der Kamera ihren Körper zu zeigen.

kreuzer: Sie haben sich in Ihrem Filmschaffen immer an der Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm bewegt. Woher kommt Ihre Vorliebe für die Gratwanderung zwischen Gefundenem und Erfundenem?

SEIDL: Auf der einen Seite war ich immer ein faszinierter Beobachter der Wirklichkeit. Aber auf der anderen Seite hatte ich auch stets das starke Bedürfnis zu gestalten, etwas wie ein Maler und Fotograf durch meinen Blickwinkel zu zeigen. Diese beiden Ansätze treffen sich in meinen Filmen immer wieder und versuchen eine Verbindung herzustellen.

kreuzer: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Hauptfigur beschreiben? Müssen Sie die Protagonisten Ihrer Filme mögen?

SEIDL: Ich würde meine Zeit nicht mit einer Figur verbringen, die ich nicht mag. Es muss immer eine Verbindung, einen direkten Zugang geben. Für das Publikum ist es wichtig, dass es sich mit der Figur identifizieren kann, das heißt aber nicht, dass man alles richtig finden muss, was sie macht. Aber ich muss ihre Sehnsüchte und Handlungsweise verstehen und mich in sie hineinversetzen können. Das kann erfreulich, irritierend oder auch lustig sein. Das gilt für mich als Regisseur genauso wie für das Publikum. Ich sehe mich in meinen Figuren immer wieder selbst.

kreuzer: Ihre Filme schauen auch immer sehr genau in die seelischen Abgründe der Menschen. Wie hat diese Konfrontation über die Jahrzehnte hinweg Ihr Menschenbild geändert?

SEIDL: Grundsätzlich hat sich mein Menschenbild dadurch nicht verändert. Jeder Film ist für mich eine Reise in eine andere Welt. Ich empfinde es als Privileg, Menschen kennen lernen zu dürfen und an ihrem Schicksal teilzunehmen. Das ist manchmal gar nicht lustig und sehr deprimierend, aber dann auch wieder eine ungeheure Bereicherung, weil man in diesem Erfahrungsprozess sehr viele Erkenntnisse gewinnt.

kreuzer: Im Vergleich zum deutschen Kino schaut der österreichische Film sehr viel schonungsloser auf die Verfassung des Menschen und den Zustand der Gesellschaft. Woher kommt diese Gnadenlosigkeit im künstlerischen Umgang mit der Realität?

SEIDL: Ähnliche Geschichten könnte man in Deutschland und allen anderen westlichen Ländern sicherlich auch erzählen. Warum der österreichische Film mit der Gesellschaft so schonungslos umgeht – darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Das kann man ja nicht nur im Film, sondern auch in anderen Kunstrichtungen feststellen. Wenn eine Gesellschaft bestimmte Dinge verschleiert und mit seiner Vergangenheit verlogen umgeht, dann wird die Kunst versuchen, dagegen zu steuern. Der schonungslose Umgang der Kunst mit den gesellschaftliche Zuständen hat sicher auch damit zu tun, dass wir über Jahrhunderte hinweg in einem Obrigkeitsstaat gelebt haben und Österreich Jahrzehnte gebraucht hat, um seine Rolle in der Nazizeit klarzustellen. Das war in Deutschland anders.

kreuzer: Wie werden Ihre Filme in Deutschland wahrgenommen?

SEIDL: Das »Paradies«-Projekt, zu dem ja noch zwei weitere Filme gehören, wurde von Deutschland nicht mitfinanziert. Die Fördergeldanträge wurden zweimal abgelehnt. Die Begründung war quasi, dass das ein frauenfeindlicher Film sei, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Aber vielleicht gibt es in Deutschland auch ein gewisses Konkurrenzdenken, weil das kleine Filmland Österreich so viel internationale Aufmerksamkeit bekommt.

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