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Leipzig verrecke! Und Berlin auch!

Artur Schock sinniert über Leipzigs Polizei, die Electroszene und das Werk 3

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Artur Schock ist der Chef-Booker des Hamburg-Berliner Labels Audiolith. Das feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag und zählt mit Bands wie Frittenbude, Egotronic, Bratze oder Saalschutz zu den konstant erfolgreichsten Independent-Labels des Landes. In Leipzig ist das Audiolith-Team gern gesehener und gefürchtet trinkfester Stammgast.

kreuzer: Es galt früher – gerade in Leipzig – als Standard, dass man nach Berlin oder Hamburg gehen musste, um etwas zu werden. Lohnt sich das noch?

ARTUR SCHOCK: Um was zu werden? Ein Rockstar? Ja, das lohnt sich immer noch, würde ich sagen. Oder nach Zürich. DJ Bobo kommt daher und er ist definitiv was geworden. Wenn man jetzt einfach nur glücklich werden will, ist doch eher das Gegenteil der Fall: Leute aus Berlin und aus Hamburg gehen nach Leipzig, weil sie in ihren Städten keine Perspektiven mehr sehen, weil alles immer teurer wird und so. Ich war viel auf Tour und bekomme schon mit, dass es oft eine ganz krasse Abwanderung gibt. Dass viele mittelgroße Städte – das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben formuliert – kulturell veröden. Jedenfalls trifft man viele von den Leuten jetzt in Berlin. Es ist selten so, dass es eine Kontinuität gibt. Leipzig ist dagegen eine Stadt, wo mehr Leute hinziehen als wegziehen. Da sind eigentlich fast alle Leute, die man über die Jahre so kennengelernt hat, noch da. Es gibt auf jeden Fall einen kleinen Sog gerade. Wir haben ja auch mit Krink einen Künstler auf dem Label, der aus Hamburg nach Leipzig gezogen ist. Ein großer Verlust für Hamburg und auf jeden Fall etwas, was Leipzig noch attraktiver macht. (lacht)

kreuzer: Oh danke, solche Storys lesen wir Gentrifizierungs-Verängstigte hier gerade besonders gern! Aber zurück zur Kunst: Wie nimmst du die musikalische Entwicklung der Leipziger Szene wahr?

SCHOCK: Da muss man erst mal gucken, was die mit Gentrifizierung meinen. Wenn sich Leute, die selbst seit drei Jahren in der Stadt leben, über »die Zugezogenen« aufregen, dann ist das doch einfach nur selbstgerecht und dümmlich. Wenn es darum geht, dass auf einmal Mieten steigen und Verdrängung einsetzt, dann hilft nur, dass man sich organisiert und was macht. Aber zurück zu deiner Frage: Früher gab es da diese kleine, feine Indie-Szene, das Ilses Erika und so. Auch die Pop Up und das Conne Island natürlich, das Flaggschiff der Poplinken. Inzwischen hat sich das aus meiner Sicht verschoben. Jetzt steht Leipzig eher für Clubkultur, auch abseits des Mainstreams, für Techno und House. Es gibt jetzt auch viele, viele kleine Clubs. Man hat das Gefühl, dass total viel passiert in der Stadt. Vielleicht, weil viele Leute aus ihrer Konsumentenhaltung ausgebrochen sind. Alle sind irgendwo eingebunden, machen ’ne Bar oder ’nen Buchladen oder so was. Es gibt jetzt einen Do-it-yourself-Aktivismus. So was wertet die Stadtteile auf. Aber da muss man eine klare Linie ziehen zwischen sich und dieser Stadtmarketinglogik.

kreuzer: Hier wird gerade allenthalben ein Leipzig-Hype diskutiert, bis hin zum Werbe-Spruch »Leipzig, the better Berlin«.

SCHOCK: Ja, genau so was meine ich. Wer braucht denn so einen Quatsch, außer irgendwelche ambitionierten Kommunalpolitiker? Wenn das wirklich von Kulturschaffenden kommt, dann finde ich das armselig. Man lässt sich da vor einen Wagen spannen, wo es darum geht, mit Kultur Investoren anzulocken. Das hat keine lebendige Szene nötig und konkret würde ich da frei nach Slime antworten: Leipzig verrecke! Und Berlin natürlich auch!

kreuzer: Ist es überhaupt noch wichtig für Musiker, woher man kommt?

SCHOCK: Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt, woher man kommt. Künstler entwickeln überall ihren eigenen Stil. Da ist Internet viel wichtiger als der Wohnort. Aber um voranzukommen, ist es auf jeden Fall gut, wenn man da lebt, wo es Strukturen gibt, die einen pushen. Das fängt ja schon damit an, dass du Möglichkeiten brauchst, um irgendwo zu proben oder aufzutreten auf easy. Man sieht ja gerade, dass Städte, wo es so etwas gibt – eben zum Beispiel Leipzig –, total viele Künstler hervorbringen.

kreuzer: Ihr arbeitet in Hamburg und Berlin. Ist es einfacher, Musikbusiness in der Metropole zu betreiben?

SCHOCK: Musikbusiness? Keine Ahnung, da musst du bei Universal fragen. Wir haben angefangen aus dem Gedanken heraus, die Musik von unseren Freunden zu pushen. Wir arbeiten eher in einem Netzwerk. Das geht in Hamburg super, gerade wenn man wie wir nicht so krasse Budgets hat, keine Major-Firma ist. Man kann ohne viel Geld und mit Freunden viel realisieren. Aber ich denke, das wird in Leipzig genauso sein, wenn man da gut aufgestellt ist. Es ist nicht zwangsläufig nötig, in Berlin oder Hamburg zu sitzen, um Quatsch machen zu können. Solange man in Leipzig aber nicht in Ruhe einen kiffen kann auf der Straße, brauchen sich die Stadtmarketingvögel gar nichts einzubilden! Das große Manko an Leipzig ist wirklich die repressive Polizei. Solange sich das nicht ändert, würde ich Hamburg und Berlin immer vorziehen. Da werden auch keine Kitas gestürmt. (lacht)

kreuzer: Man könnte in Leipzig aber schon neidisch sein, gerade auf Hamburg, weil es dort eine deutlich bessere Förderstruktur für Musik gibt. Ist das für euch relevant?

SCHOCK: Ja, die gibt es und das ist trotz aller wichtigen Kritikpunkte eine gute Sache. Aber es gibt sie auch noch nicht so lange und diese Entwicklung ist auch nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde politisch erkämpft. Ich weiß nicht, wie das in Leipzig ist, aber es hat auf jeden Fall Sinn für Kulturschaffende, sich zusammenzuschließen und für ihre Interessen bei Stadt und Land Druck zu machen.

kreuzer: Du bist für das Tourbooking eurer Bands zuständig – und ich will ich auf jeden Fall eine ehrliche Antwort: Muss man als Audiolith-Band auf Tour nach Leipzig?

SCHOCK: Müssen nicht, aber die Bands wollen immer. Sie flehen uns förmlich an. Wir sagen immer so: »Neee, nich schon wieder Leipzig! Wir fördern da nur die Gentrifizierung.« Aber die denken wieder nur an ihren eigenen Spaß! Leipzig ist auf jeden Fall eine super Konzertstadt und für Bands toll, weil es viele Möglichkeiten gibt, auch im kleinen Rahmen aufzutreten. So ist es immer voll und lustig!

kreuzer: Hast du – abgesehen vom Geschäftsaspekt – einen Lieblingsladen in Leipzig?

SCHOCK: Da ich als Booker natürlich nur ans Geschäft denke, würde ich sagen, das Werk 3, weil man da so geschäftstüchtig trinken kann. Und natürlich auch das Conne Island – aber nur bei Oi!-Konzerten.

Mehr zu Leipzigs Musikszene in der Februarausgabe des kreuzer.
Den aktuellen Soundtrack zum Heft und zur Stadt hier.

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Ein Kommentar

  1. miri | 8. Februar 2013 | um 14:24 Uhr

    Es galt früher – auch in Leipzig – als Standard, dass man „Juda verrecke“ rufen musste, um ein ordentlicher Nazi zu werden. Muss diese Überschrift wirklich sein??