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Rentnerin mischt Drogenmafia auf

Jérôme Enrico erzählt in »Paulette« von einer giftig-komischen Seniorin

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Bernadette Lafont gehört zu den Ikonen der französischen »Nouvelle Vague«, stand in den sechziger Jahren in zahlreichen Filmen von Claude Chabrol (»Speisekarte der Liebe« u.a.) und François Truffaut (»Ein schönes Mädchen wie ich«) vor der Kamera und wurde 2003 mit dem Ehren-César für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. In Jérôme Enricos Sozialkomödie »Paulette« spielt sie eine garstige Rentnerin, die von Altersarmut betroffen ihr Einkommen als Drogenhändlerin aufbessert.

Mit Kopftuch und karierter Einkaufstasche steht die alte Frau in der dunklen Bahnhofsunterführung. »Haschisch« zischt sie den Vorbeigehenden zu, die zunächst irritiert an der scheinbar verwirrten Seniorin vorbeigehen. Aber schon bald spricht es sich in dem Pariser Vorort herum: Bei Oma Paulette gibt es den besten Stoff. Was soll sie auch machen, wenn die Mindestrente nicht zum Leben reicht, die Gemüseabfälle auf dem Wochenmarkt hart umkämpft sind und der Gerichtsvollzieher schon die Wohnungseinrichtung gepfändet hat? Ein Paket Marihuana, das ein flüchtender Dealer hinter die Mülltonnen direkt vor Paulettes Füße wirft, eröffnet der Rentnerin neue Nebenerwerbsperspektiven. Das unverdächtige Großmütterchen erweist sich als ideale Dope-Verkäuferin und wird von der lokalen Drogenmafia unter Vertrag genommen. Als die jugendlichen Konkurrenten ihr gewaltsam drohen, verlegt sich die ehemalige Konditormeisterin auf das Backhandwerk. Ihre mit Haschisch angereicherten Kuchen und Kekse werden zum Verkaufshit im Viertel.

Vor dem sozialen Hintergrund der Altersarmut inszeniert Jérôme Enrico mit »Paulette« eine leichtfüßige Komödie, die über ihre originelle Grundidee hinaus vor allem von der differenzierten Gestaltung der Hauptfigur lebt. Die Rentnerin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, wird hier nicht als liebenswerte Identifikationsfigur angelegt, sondern als verbitterte, rassistische Alte, die den Ausländern die Schuld an der Pleite ihrer Konditorei gibt, den dunkelhäutigen Enkel nicht akzeptieren will und die Freundinnen beim Kartenspiel rüde beschimpft. Eine Paraderolle für die fabelhafte Bernadette Lafont, die schon Ende der fünfziger Jahre mit François Truffaut und Claude Chabrol drehte und zu den weiblichen Ikonen der französischen Nouvelle Vague gehört. Dass die garstige Seniorin sich auf dem hart umkämpften Drogenmarkt durchsetzt und gerade durch diese Erfahrungen ihre hartherzige Haltung gegenüber ihrer Familie und den Freundinnen aufgibt, ist eine durchaus gewagte Drehbuchwendung, die Lafont jedoch vollkommen glaubhaft zu vermitteln versteht.

ab 18.7., Passage Kinos

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