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Schnörkellos und voller Wucht

Was Shakespeares »Romeo und Julia« für die romantische Liebe ist, ist Kleists »Michael Kohlhaas« für den Kampf um Gerechtigkeit

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»Michael Kohlhaas« ist eine narrative Ursuppe, aus der sich in den folgenden Jahrhunderten zahllose Varianten des gleichen Sujets genährt haben. Ein Klassiker, an dem sich immer wieder gemessen wurde, und eine Quelle, zu der es sich gelegentlich lohnt, zurückzuwandern. Der französische Regisseur Arnaud des Pallières hat nun erneut den Stoff fürs Kino adaptiert und die Geschichte des Pferdehändlers, der nach erfahrenem Unrecht einen gewaltsamen Aufstand anzettelt, aus dem Brandenburgischen in die französischen Cevennen verlegt.

Der Wind fegt unnachgiebig durch die karge Berglandschaft, durch die Kohlhaas mit seinen Knechten reitet, um seine Pferde in der Stadt zu verkaufen. Zwei Rappen lässt er dem Junker, der einen unrechtmäßigen Zoll fordert, als Pfand da. Stolze schwarze Rösser, deren Atem, Schweiß und Blut man im Kinosessel zu spüren glaubt, wenn sie von den Männern des Junkers fast zu Tode geschunden werden. »Ich will meine Pferde im alten Zustand wieder zurückhaben«, lautet die einzige Forderung, die Kohlhaas immer wieder stellt und deren Erfüllung ihm vom korrupten Rechtssystem des 16. Jahrhunderts verwehrt bleibt. Stur und beharrlich hält er daran fest, auch und gerade erst recht als seine Frau zum Opfer des Gerechtigkeitskampfes wird. Wenn Kohlhaas mit seinen Mitkämpfern die Burg des Junkers lautlos einnimmt und dessen Männer einen nach dem anderen umbringt, dann ist das kein heißblütiges Rachemassaker, sondern ein stilles, kaltes Morden, das mehr an eine rechtmäßige Hinrichtung erinnert. In der Inszenierung der Gewalt distanziert sich Pallières klar von den blutigen Standards des zeitgenössischen Kinos: Statt die Grausamkeit direkt ins Bild zu fassen, zeigt er die Angst der Menschen vor und die erbarmungslose Stille nach der Tat. Ohnehin ist dieser »Michael Kohlhaas« ein Film, der stark über eine präzise komponierte Tonspur funktioniert, auf der sich der Wind in den Wäldern, der Atem eines Pferdes, das Geräusch einer Armbrust gleichberechtigt neben pointiertem Musikeinsatz und auf das Notwendige reduzierte Dialoge entfalten können. Zu dieser sinnlichen Erzählweise gehört auch die kunstvolle Art, mit der hier Figuren und Landschaften miteinander in Einklang gebracht werden. Mads Mikkelsen scheint hineingeboren in diese kargen, wettergegerbten Hügelketten und er verleiht der klassischen Figur eine Würde, Kraft und moralische Autorität, die ohne große Reden und Selbsterklärungsmonologe auskommt. Pallières setzt Kohlhaas nicht als Revolutionär in Szene, sondern als Einzelkämpfer, der auf dem Höhepunkt seiner Macht die Waffen sinken lässt, als ihm das geforderte Recht gewährt wird. Ihm zur Seite stellt der Film einen Knecht, dessen Kampfbereitschaft schon auf die später folgenden Bauernkriege verweist, sowie eine kleine Tochter, die mit ihm ins Feld zieht und in deren Augen sich eine Mahnung an die Menschlichkeit spiegelt, die Kohlhaas verloren zu gehen droht. Schnörkellos und vollkommen ungeschwätzig arbeitet Pallières in seiner stilvollen Inszenierung die moralischen Konflikte der Geschichte heraus und erschafft einen »Michael Kohlhaas«, der auf der Leinwand eine stille Wucht und visuelle Eindringlichkeit entfaltet, wie man sie bei Klassikerverfilmungen nur selten erlebt.

ab 12.9., Passage Kinos

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