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Die Schau haut aufs Auge

Reaktionen auf den Protest gegen die Ausstellung »Die Schöne und das Biest«

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Alles für die Kunst: Um sich ungestört der ästhetischen Erfahrung auszusetzen, wird das Bildermuseum schon mal rabiat. Zum Vorwurf, den Protest gegen die Ausstellung »Die Schöne und das Biest« mit überzogener Gewalt beantwortet zu haben, wollen sich die Verantwortlichen vorsichtshalber nicht äußern.

»Wahnsinnig gut besucht« sei die Eröffnung der neuen Ausstellung im Museum der Bildenden (MdbK) Künste gewesen, setzt Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt zu einer Art Verteidigung an. Am Samstag, den 12. Oktober, wurde »Die Schöne und das Biest« in Anwesenheit der Künstler Mel Ramos und Wolfgang Joop eröffnet. Es waren in der Tat mehrere hundert Menschen gekommen, um deren Werke sowie Arbeiten von Richard Müller (1874–1954) in Augenschein zu nehmen. Doch nicht nur wohlwollende Besucher befanden sich unter ihnen. Schmidt fühlte sich vom plötzlich aufwallenden Klatschen und Rufen einer Gruppe von rund 20 Protestierenden gestört, dabei stand man doch ohnehin unter Tempusdruck, wie er die Situation beschreibt: »Wir waren bereits im zeitlichen Verzug, bis alle platziert waren. Als es dann inhaltlich wurde, wurde es lautstark. Die vielen Leute waren doch aber gekommen, um die Reden zu hören.« Nach kurzer Rücksprache haben die Sicherheitsleute eingegriffen und »angemessen« reagiert, fügt Sicherheitschef Torsten Cech hinzu. Was hier angemessen heißt, das wollen Direktor und Sicherheitsmann nicht weiter ausführen. Die Sache liege beim Rechtsamt der Stadt, die werde klären, was das Museum wie zu sagen hat.

»Wer ist hier bitte das Biest?«

Als vollkommen überzogen hingegen schildern mehrere Zeugen – Protestierende und unbeteiligte Anwesende – das Vorgehen der Sicherheitsleute. Die Ausstellung, man kann sie als Frauenakte mit Tieren auf einen Punkt bringen, erntet Kritik aufgrund der Nazi-Biografie Müllers sowie der als sexistisch wahrgenommenen Frauendarstellung Ramos’. »Wer ist hier bitte das Biest? Ach so, es sind ›hintergründige Metaphern‹ – nur wofür? Symbolistische Frauenvisionen an Getier, Bedrohungsszenarien – auch ein Kommentar auf das Jahr 1933«, heißt es in dem Flyer, den die Gruppe Protestierender verteilte. Die seien durchaus auf Interesse gestoßen, sagt Ira*. Die Ende 20-Jährige nahm an der Protestkundgebung teil. »Als Direktor Schmidt zu sprechen begann, haben wir alle geklatscht und weil er neben den Kunstfreunden auch die Tierfreunde begrüßte, riefen einige ›Flipper‹, ›Lassie‹ und andere berühmte Tiernamen.« Als sie ein Papiertransparent mit dem modifizierten Guerilla-Girls-Motiv: »Do Women Still Have to Be Naked to Get into the MdbK?« entrollten, brach die Gewalt schon los, so Ira. »Die Securitys stürmten auf uns los, rissen das Transparent nach wenigen Sekunden schon kaputt, schoben uns weg und begannen, uns rauszuschleifen. Mich hat einer von hinten mit dem Arm unter der Brust ergriffen und rausgezerrt.« Ira spricht von einer überzogenen Maßnahme. Auch Sabine, 39, beschreibt die Situation auf gleiche Weise. »Die Mitarbeiter gingen äußerst aggressiv vor. Verstanden habe ich das nicht, immerhin waren die Demonstranten doch friedlich.«

Vom Protest sei man absolut überrascht worden, meinte Schmidt. Habe man noch wegen Richard Müller – in seiner Eröffnungsrede nannte Schmidt diesen lediglich ultrakonservativ – mit eventueller Kritik gerechnet, so doch nicht wegen Ramos. Der sei doch ein alter Hut, in zig Ausstellungen gezeigt worden – sogar schon einmal in Leipzig innerhalb der MdbK-Ausstellung »Leben mit Pop!«. Schmidt sieht hier einen »Rollback« am Werk, es ginge doch nur um die Darstellung nackter Frauen, da könne »man auch gegen Rubens demonstrieren«. Dass antisexistische Kritik sich ja nicht gegen Nacktheit an sich richtet, sondern gegen die Art der Darstellung, ist Schmidt offenbar entgangen. Und die zwischen wilden Tieren abgebildete entkleidete Frau wird nicht erst durch feministische Kritik mit Vorwürfen von Verdinglichung bis Vergewaltigungsfantasie bedacht. »Irgendwo im Internet« verbreitete Kritik sei unehrlich, man müsse sich im Gespräch in die Augen sehen, das andere seien »Schüsse aus dem Hinterhalt«.

»Ich ficke Dich, mein Häschen!«

»Ich hatte das Gefühl, dass sich die Securitys an der unnötigen Gewalt auch noch aufgeilten«, schildert Claudia das Erlebte. Die Mitarbeiter hätten ihre Machtposition zudem damit verdeutlicht, dass sie – nachdem die Gruppe das Museum bereits verlassen hatte – mit ihren Handys die Menschen vor der Tür abfilmten. Als einer der Männer auf die Schmähung »Fick Dich!« erwiderte: »Das ist inhaltlich nicht richtig, ich ficke Dich, mein Häschen!«, hat die Frau Mitte 20 diesen angesprochen. »Ich war sicherlich nicht sehr nett zu ihm, habe ihn auch beleidigt. Aber ich habe ihn auch gefragt, was er sich glaubt, herausnehmen zu können.« Er habe ihr die ganze Zeit das Handy in Richtung Gesicht gehalten und sie gefilmt – und damit nicht zuletzt den männlich-voyeuristischen Blick reproduziert, gegen den sich die Kritik wandte. Sie habe gesagt, er soll aufhören; als sie seine Hand wegschieben wollte und nach dem Handy griff, habe er zugeschlagen. Die Faust habe sie hart ins Gesicht getroffen. Dabei erlitt sie ein Schädel-Hirn-Trauma. »Der Arzt wollte mich zwei Tage im Krankenhaus behalten, um mich zu beobachten. Ich musste mich selbst auf eigene Verantwortung entlassen, weil ich mein Kind zu Hause nicht allein lassen kann.« Sie schont sich daheim, hofft, dass keine Schäden blieben.

»Hat ein Sicherheitsdienstleister keine minderinvasiven Mittel zu Hand, als eine junge Frau mit der Faust ins Gesicht zu schlagen?«, lautete eine der Fragen, die kreuzer-online an das MdBK richtete. Offenbar liegen die Nerven blank, da das Museum nicht einmal sagt, wie und warum es von seinem Hausrecht Gebraucht macht und sich juristisch absichern will. Den Fehler sieht Schmidt auf der Seite der Protestierenden, die »keine kommunikative Kompetenz« an den Tag gelegt hätten. Es gäbe ja die Künstlergespräche – dazu seien alle kritischen Geister ausdrücklich eingeladen. Es ginge dem Museum ja gerade um den Dialog. Ein überdenkenswürdiges Kommunikationsverhalten muss allerdings Schmidt selbst attestiert werden, zumindest der Presse gegenüber. Das Haus brauchte glatte zwei Tage, um dann dem extra eingeladenen Journalisten zu erklären, dass man keine Aussagen zum Ablauf und zur Art und Weise des Vorgehens machen möchte. Wann das Rechtsamt das Go für eine rechtliche Unbedenklichkeitserklärung gibt, ist nicht terminiert.  So muss dieser Text – das Warten auf die Museumsreaktion bedingte sein spätes Erscheinen – mit dem möglichen Vorwurf der Einseitigkeit leben.

* Alle Zeuginnen wollen nicht mit richtigem Namen in der Zeitung stehen.

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4 Kommentare

  1. Berndt | 17. Oktober 2013 | um 22:59 Uhr

    Das ist echt arm, MdbK! Ich frage mich gerade ob bei SchülerInnen die eine Exkursion zu Ihnen machen ähnlich verfahren wird, wenn es mal Protest und Fragen gibt? Ich wünsche mir jedenfalls dass meine Kinder hinterfragen was sie sehen. Wenn gefürchtet werden muss dass dieses Hinterfragen, auch in Form von friedlichen Protesten, derart brutal beantwortet wird, und das auch noch in einem Museum der BILDENDEN Künste, aberwitzigerweise von einem Mann der doch gelernt haben sollte auf DEeskalation zu gehen,frage ich mich was es dort noch zu suchen gäbe..
    Soviel Kunst in Leipzig, da gehen wir eben einfach woanders hin!
    Schliessung der Ausstellung und Entlassung des (Security)mannes!

    T.