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Meditieren für das Mitgefühl

Wissenschaftler erforschen mit Mönchen und Künstlern die menschliche Empathie

Labormanager Matthias Bolz in der Heidi-Lounge, Foto: Nick Putzmann Größeres Bild

Leipziger Neurowissenschaftler erforschen Empathie und Mitgefühl. In einem kostenlosen E-Book präsentieren sie erste Ergebnisse.

Große graue Betonmischfahrzeuge und Baukräne stehen vor dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI) Leipzig. Vorbei an den Baufahrzeugen geht es hinein in die Abteilung für Soziale Neurowissenschaft. Dort werden das menschliche Sozialverhalten und soziale und moralische Emotionen wie Empathie, Mitgefühl oder Rache erforscht.

Matthias Bolz, Diplom-Psychologe und Labormanager, führt in die von der Abteilung gestaltete lichtdurchflutete »Heidi-Lounge«, eine Art Empfangsbereich, in dem sich rote und grüne Drehsessel befinden, darüber eine Himmelstapete und an der Wand ein Plakat mit schneebedecktem Berg. Bolz ist neben der Direktorin der Abteilung, Tania Singer, Mitherausgeber des multidisziplinären E-Books »Mitgefühl in Alltag und Forschung«, das im September 2013 zum freien Download online erschienen ist.

Ausgangspunkt dafür war zwei Jahre zuvor der viertägige Workshop »How to train Compassion« im Atelier des Künstlers Ólafur Elíasson in Berlin. Dort kamen Wissenschaftler, Künstler, buddhistische Mönche und Psychotherapeuten zusammen und diskutierten über den Stellenwert von Mitgefühlstraining in der heutigen Zeit. Elíassons Studio war ein eher unkonventioneller Ort für einen wissenschaftlichen Workshop, so dass Bolz sich sorgte, ob diese Kollaboration klappen würde. Die Zusammenarbeit der Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen sei dann aber eine inspirierende Erfahrung für die Beteiligten gewesen, erzählt der Wissenschaftler. Dass später ein Buch aus dem Workshop entspringen sollte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand gedacht. »Und dann haben wir sozusagen selbst gelernt, wie man ein E-Book macht«, sagt Bolz. Das elektronische Buch setzt sich nicht nur aus verschiedenen Perspektiven mit Mitgefühlstraining auseinander, es finden sich darin neben wissenschaftlichen Aufsätzen auch Videos, Fotos von Elíasson und Soundcollagen der Medienkünstlerin Nathalie Singer. Einige Trainingsprogramme zu Mitgefühl werden erstmals präsentiert.

Mitgefühl unterscheidet sich von Empathie dadurch, dass man mit den Gefühlen anderer mitschwinge, erklärt Bolz, »aber in diesem Zustand zu bleiben, kann dazu führen, dass man empathischen Disstress entwickelt«. Da setzt das Trainieren von Mitgefühl an. Bei Mitgefühl sendet man etwas Positives nach außen. Dem Einzelnen, auch wenn er mit Leid konfrontiert sei, werde die Möglichkeit gegeben, dem Leid mit Wohlwollen und Zuwendung zu begegnen.

Die Effekte des Mitgefühlstrainings können in verschiedenen Bereichen angewendet werden: in Schulen, in der Sterbebegleitung, in Pflegeberufen, im Coaching. Einen Brückenschlag gibt es zur Wirtschaft, bei den sogenannten Caring Economics. Statt Gewinnmaximierung und Wettkampf, so die These dieses Ansatzes, spielen andere Motivationssysteme wie Kooperation und Miteinander eine wichtigere Rolle in der Ökonomie. Mitgefühl kann man zum Beispiel durch regelmäßiges Meditieren gezielt stärken, sagt Bolz. Mit dem Verhalten ändert sich auch das Gehirn: Im Hirnscanner lassen sich bereits nach einigen Wochen regelmäßiger Meditation Veränderungen messen.

http://www.compassion-training.org

Für das aktuelle ReSource Projekt werden noch Probanden gesucht. In dieser Studie zum mentalen Training werden Empathie und Mitgefühl trainiert. Mehr Informationen unter: http://http://www.resource-project.org/home.html

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