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»Ich melde mich mit dem Körper zu Wort«

Tänzerin Antje Lempart über die Gala der Genüsse »Tanz auf der Zunge«

Antje Lempart, Foto: Beatrice Raila Größeres Bild

»Tanz auf der Zunge« bringt Bauchtanz und Kulinarik zusammen. Im Interview erklärt Tänzerin Antje Lempart wie sie Obst und Tanz verbindet, dass Ballet kämpfen kann und wieso der Mund in unserer Luxus-Ernährungs-Gesellschaft wichtg ist.

kreuzer: Mit »Tanz auf der Zunge« integrieren Sie Bauchtanz in eine Tanzgala. Der gilt als orientalische Variante der Verführungskunst, stimmt das?

ANTJE LEMPART: Ich muss diese Aussage verneinen. Diese Frage kann ich auf so kurzem Raum nicht professionell beantworten! Meine erste Lehrerin Aisha erklärte uns, dass der Tanzstil aus Afrika als geburtsvorbereitender Tanz entstand. Reisende bezeichneten diese unbekannten Bewegungen mit Bauch und Rumpf zusammenfassend als Bauchtanz. Als dann die ersten Bewegtbildmedien darauf aufmerksam wurden, veränderte sich auch die Kleidung: hin zu diesen phantasievollen erotischen Kostümen. Meine langjährige Lehrerin Lina hat Arabistik studiert, steckt tief in der Geschichte und bewahrt diese wertvollen traditionellen Tänze; daher möchte ich auf ihre Abhandlung zur Geschichte verweisen.

kreuzer: Wie sind Sie zum Bauchtanz gekommen?

LEMPART: Ich bin im Jahr 2001 – zum Studienbeginn – zum Bauchtanz gekommen. Die Hüftachten und schlangenartigen Körperbewegungen in alle Richtungen haben mich dazu gebracht, meine klassische Tanzausbildung zu erweitern.

kreuzer: Moderner Tanz und Bauchtanz passen zusammen?

LEMPART: Ich vermische hier sehr stark folgende Tanzrichtungen mit Schauspiel sowie meinen Teilthemen: Obst, Gewürze, Tiere, Maßlosigkeit, die fünf Sinne, Langsamkeit, Teilen, Blüten, Wasser. Es wird also kein typischer Tanzstil und auch kein typischer »Nur-Tanz« klar zu sehen sein. Die Stile sind zum Beispiel: Klassischer orientalischer Tanz, Melaya Folkloretanz, Elemente aus balinesischem Legong und traditionellem indischen Tanz, Tango, Modern. Ebenso meine Musik: Komposition vom Leipziger Komponisten Matthias Falkenau (für mein Projekt), Queens Of The Stone Age, brasilianische Musik von Céu. Denn nur durch diesen »kultur-tänzerischen Rad(t)schlag« mit verschiedenen Tanzstilen pro Speiche kann ich das ausdrücken, was ich mir wünsche. Mein Ziel ist es, einen Tanz mit Botschaft zu verkörpern. Ganz nach Johann Kresniks Motto: »Ballett kann kämpfen (2009)« und den Untersuchungen Marcel Mauss‘ zur Bewegungskultur des Körpers als sozialem und kulturellem Einschreibort, möchte ich zu Dialogen anregen. Durch die Weichheit der Bewegungen des orientalischen Tanzes kann ich die Emotionen der Themen besonders gut zeigen.

kreuzer: Wer ist das Ensemble Lina, bei dem Sie gelernt haben?

LEMPART: Ich habe von 2008 bis 2011 unter der Leitung von Lina im Ensemble getanzt. Das preisgekrönte Ensemble machte sich durch die Verbindung von kultureller Authentizität sowie hohem tänzerischen Anspruch mit »Seele« deutschlandweit einen Namen.

kreuzer: Am Samstag tanzen Sie auf der Zunge – welche Idee steckt hinter der Gala?

LEMPART: Die Zunge und der Mundraum sind ja der Ort, den wir heute in unserer Luxus-Ernährungs-Gesellschaft verwöhnen können. Es geht heute und hier nicht mehr ums Überleben und »Essen schaffen«. Dieser Luxus, der bewusste Genuss beim Essen, ist im Zuge der Veränderung der Umwelt (von wenig zur Allseitsverfügbarkeit) nicht in allen Körpern angekommen, sondern der Geist hängt teils noch am Beginn des letzten Jahrhunderts. Daher gibt es eine Diskrepanz, die sich im Mengenverhalten zeigt. Das führt zu ganzen Leben mancher Menschen für Diäten und großen unzufriedenen Kreisläufen. Es gibt heute nun mal viel und viel tolles Angebot. Dementsprechend kann ich mich darauf einstellen, indem ich mein Essverhalten verändere. Ich esse langsam, ich schmecke alle Zutaten und freue mich, dass ich das kann. Ich höre auf meinen Magen. Das ist jedoch nicht auf allen Kontinenten gleich! Diese vertanzten Ernährungstugenden sollen helfen, die richtige Menge und das richtige Maß, Freude, Kreativität, Zuversicht und Genuss bewusst für sich zu gestalten.

kreuzer: Wie kann man sich durch einen Tanzabend essen?

LEMPART: Tja, das ist die Überraschung. Wir Tänzerinnen und die Zuschauer werden die ein oder andere kleine Köstlichkeit kosten können; und zwar alles im Sinne der Dramaturgie und der Lösungsvorschläge – als Tänze, als Moderationen, als Zuschaueraktionen – zu einem erfüllten, kreativem und verantwortungsvollem Essen. Die Betonung liegt auf Kosten. Jedoch kann man gern auch seine Abendbrotzeit ins Werk 2 verlagern, denn einige meiner Partner bieten besondere Speisen an: Gefüllte Taglilien, Fette-Henne-Fingerfood und andere Häppchen nach Kräuterhexenart vom Kräuterhof Falkenhain; regionale gehobene Küche, wahlweise mit vegetarischem Fleisch, einer Erfindung, die durch Konsistenz und Geschmack so natürlich wirkt, dass sie sogar Männern schmeckt, vom Restaurant S Kultur. Und einige weitere. In der Pause wird ein offizielles Pausenkochen vorgeführt.

kreuzer: Wenn jemand nun in Leipzig Bauchtanz erlernen möchte – wie und wo kann er/sie das tun?

LEMPART: Ich suche engagierte Tänzerinnen, die sich zu aktuellen Themen ästhetisch zu Wort melden wollen. Die Zusammenarbeit soll auf freundschaftlicher Basis über mehrere Jahre erfolgen. Gleichzeitig suche ich junge Mädchen, Schülerinnen und Studentinnen, denen ich mein Wissen aus verschiedenen Tanzrichtungen, Bewegungen, die dem Körper und dem Geist gut tun, sowie den Glauben an sich selbst und den eigenen Weg, weitergeben möchte. Ich habe bereits zwei neue Tanztheater zu ebensolch großen Themen im Kopf, die ich gern ästhetisch und gesellschaftsrelevant erarbeiten möchte. Wir wollen uns in Tanztheatern mit unseren Körpern zu Wort melden. Ziel ist es, eine kleine feste Compagnie zu gründen.

»Tanz auf der Zunge«, 31.5., 7.6., 19.30 Uhr, Werk II und Neues Schauspiel, http://www.bauchtanz-event.de

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