Startseite / Medien / Ab und zu kommt mal ein Praktikant

Ab und zu kommt mal ein Praktikant

Die LVZ wird teilweise nicht mehr in Leipzig produziert

Das LVZ-Gebäude, Foto: Sandra Neuhaus Größeres Bild

Der Madsack-Konzern hat seine Sparpläne für die LVZ konkretisiert. 36 Stellen sollen wegfallen. Was bedeutet das für die einzige Tageszeitung der Stadt?

Sie sieht jetzt ein bisschen moderner aus, die Leipziger Volkszeitung (LVZ). Vor einigen Wochen änderte sie ihr Layout. Modern und attraktiv für den Leser – so würde ein PR-geschulter Grafikdesigner das wohl zusammenfassen. »Modern, zukunftsfähig und für ihre Leser attraktiv«, so lautet auch das Ziel der Verlagsgruppe Madsack, die in Hannover sitzt und neben 17 weiteren Regionalzeitungen, die jetzt alle sehr ähnlich aussehen, auch die LVZ samt ihren Lokalausgaben herausbringt. Dieses Ziel gab sie am 22. Mai in einem Brief an die Belegschaft der LVZ bekannt. Und gleichzeitig, wie sie es erreichen will: indem sie die Redaktionen auf 90 Stellen kürzen wird.

Derzeit gibt es 126 Vollzeitstellen in den Redaktionen der LVZ. »Das heißt: Für einen Teil unserer Kolleginnen und Kollegen soll hier kein Platz mehr sein«, fasst der Betriebsrat in einem Schreiben mit dem Betreff »Ein unfassbarer Schnitt« treffend zusammen.

Protagonistinnen aus Göttingen

Aber welche Kolleginnen und Kollegen werden das sein? Am schlimmsten trifft es die Redaktionssekretärinnen. Ihre Stellen werden in den Lokalredaktionen gestrichen, nur in Leipzig sollen noch welche sitzen. Praktisch bedeutet das dann, wenn der Bürger aus Wurzen anruft, um zu fragen, welche Apotheke denn noch offen hat, wird ihm eine freundliche Stimme aus Leipzig mitteilen, dass ihm da leider nicht geholfen werden kann. Auch sonst weiß jeder, der schon mal in einer kleinen oder auch großen Redaktion gearbeitet hat, wie sehr die Sekretärinnen den Laden zusammenhalten.

Nach den Sekretärinnen wird an den Redaktionstischen gekürzt. Knotenpunkt aller Ausgaben ist der sogenannte »Hot Desk« (ganz heiße Sache!) in Hannover, an dem alles zusammenläuft. Aus der Madsack-Zentrale geliefert werden inzwischen schon die Seiten Aus aller Welt, die Filmseite und die Medienseite, auf der der ehemalige Filmredakteur Norbert Wehrstedt zumindest noch regelmäßig seine Rückblende schreiben darf. Auch die Seite 3, inzwischen »Blickpunkt« genannt, kommt jetzt schon oft aus Hannover. Und ist ein gutes Beispiel dafür, dass der angekündigte Plan des Konzerns, das Lokale mehr in den Vordergrund zu rücken, nicht aufgehen kann. Denn wenn es zum Beispiel eine gesellschaftliche Geschichte über alleinerziehende Mütter gibt, stellt sich dem geneigten Leser doch die Frage, warum die Protagonistin in Göttingen wohnt und nicht in der Nachbarschaft des Zeitungslesers. »Wenn man die Macher einer Tageszeitung um ein Viertel reduziert, dann hat das unweigerlich Folgen für die Qualität«, erklärt der sächsische Landesverband des Journalistenverbandes DJV. »Das wiederum dient keineswegs dazu, die lokalen Printmedien zu stärken.«

Der Konzern steht keinesfalls vor der Pleite

»Madsack 2018« heißt das Konzept des Konzerns, das bis dahin plant, die überregionalen Inhalte aller Zeitungen zu zentralisieren – in dem in Hannover sitzenden RND, was eigentlich für »Redaktionsnetzwerk Deutschland« steht und von dem ein oder anderen Lokalredakteur auch schon mal »Reichsnachrichtendienst« genannt wird. Rund 44 Millionen Euro will Madsack in den nächsten vier Jahren einsparen, um bei sinkenden Umsätzen die gleichen Gewinne wie in den vergangenen Jahren erwirtschaften zu können. Dabei sei betont: Der Konzern schreibt schwarze Zahlen, ist keinesfalls kurz vor der Pleite, die er nur noch mit drastischen betriebsbedingten Kündigungen abwenden könnte. »Mit tiefen Einschnitten in die Zahl der Arbeitsplätze und allen Formen der Tarifflucht versucht einer der mächtigsten Medienkonzerne Deutschlands, seine Rendite zu steigern« – so sieht es der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke.

Nicht zu leugnen ist aber, dass die Auflage der LVZ in den vergangenen sechs Jahren um 17 Prozent gesunken ist. Die Anzeigenerlöse brachen sogar um 50 Prozent ein. »Dass unsere Branche sich rasend schnell verändert, ist uns allen bewusst. Dass es Veränderungen geben wird und gibt, ist uns auch allen klar«, erklärt der Betriebsrat der DD+V-Mediengruppe, die unter anderem das Konkurrenzblatt Sächsische Zeitung herausbringt und dennoch einen fast schon rührenden Brief an die von der Kündigung betroffenen Kollegen der LVZ schrieb, in dem er die Frage stellte: »Dass dies allerdings phantasielos über bloßen Stellenabbau realisiert werden soll, entsetzt uns. Fällt den Geschäftsführern und Managern denn nichts anderes mehr ein?«

18 Mal die gleichen Beiträge

Offensichtlich nicht. Madsack-Geschäftsführer Thomas Düffert fand auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland klare Worte: »Ich kann das auch mal relativ hart sagen: Wir wollen am Ende mit weniger Menschen Zeitungen in einer besseren Qualität herausbringen und auch den ganzen Verlagsapparat in einer besseren Qualität aufstellen. Durch die Größe des Konzerns müssen wir Dinge halt nicht 18 Mal machen.«

Sondern einmal für alle. So erscheinen dann die gleichen Beiträge überall in Deutschland, zum Beispiel auch bei der Ostseezeitung, die seit 2009 zu hundert Prozent dem Madsack-Unternehmen gehört und von der der aktuelle LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer 2012 nach Leipzig gekommen ist. Auch dort hat der Konzern bereits Kürzungen vollzogen. »Entgegen allen vorherigen Aussagen wurden die Lokalredaktionen geschwächt«, sagt Ralph Kirsten, Radiomacher und Kulturschaffender aus Rostock, der die Lokalzeitung seit Langem beobachtet. »Das Internet genauso. Statt es, wie angekündigt, auszubauen, gibt es immer noch keine Onlineredaktion.« Auch fällt ihm immer wieder auf, dass bei lokalen Terminen Zeitungsreporter seltener vor Ort sind. »Ab und zu kommt mal ein Praktikant, der keinen kennt.« Ausgebaut werden nur Dienstleistungsangebote wie eine eigene Post. Konzepte, wie sie es in Leipzig mit der LVZ-Post zum Geldverdienen auch schon länger gibt.

Wer muss gehen?

Der Betriebsrat der LVZ versucht nun zu retten, was zu retten ist. Mit einem Sozialplan wollen die neun gewählten Mitglieder schauen, wem eine Kündigung am ehesten zuzumuten ist. Dabei werden Kriterien aufgestellt wie: Wie lange schon dabei? Wie viele Kinder? Wie alt? Kollegen jenseits der 55 Jahre wird nahegelegt, das Angebot der Altersteilzeit anzunehmen, was in einzelnen Fällen bedeuten kann, in den nächsten vier Jahren nur für 85 Prozent des Gehaltes zu arbeiten, danach vier Jahre in Vorruhestand zu gehen, aber weiter Geld vom Verlag zu bekommen. Der Personalchef empfiehlt Kollegen, sich in Hannover zu bewerben. Zudem gibt es auch einige absurde Wege, den Job zu behalten. So wurde extra für Sportredakteur Guido Schäfer, der wohl als eines der Aushängeschilder der LVZ gilt, im Sozialplan aber durchfallen würde (keine Kinder), eine Stellenausschreibung geschaffen, in der nach auf Schäfer zugeschnittenen Fähigkeiten wie besonderes Auskennen bei RB Leipzig oder im boulevardesken Nachtleben der Stadt gesucht wurde. Nach seiner Bewerbung steht Schäfer als »Chefreporter« im Impressum. Dennoch steht es auch um die Sportredaktion nicht gut. Der langjährige Chef Winfried Wächter und ein weiterer Redakteur gehen planmäßig in den Ruhestand, die verbleibenden Redakteure müssen die Kürzungen zusätzlich unter sich ausmachen. Zudem soll eine Sportseite künftig in der Zentralredaktion Hannover gefertigt werden.

So sehen auch Mitarbeiter, die ihren Job behalten werden, frustriert in die Zukunft. Denn ihr Job wird anstrengender werden, die Zeit für Recherchen noch kürzer. Die gesamte Redaktion wird umgebaut mit Regio-Desk für Themen aus Mitteldeutschland, Sachsen und Leipzig und einem zweiten Newsroom, in dem die Produktion aller Lokalausgaben zentral gebündelt wird.

Wer genau jetzt gehen muss, wird derzeit verhandelt. Bis Anfang August soll die Sache klar sein, Kündigungen sollen frühestens im September ausgesprochen werden. Für die Umstrukturierung ist extra ein zweiter Geschäftsführer von Madsack nach Leipzig geschickt worden. Adrian Schimpf übernimmt die Gespräche mit Mitarbeitern, Geschäftsführung, Betriebsrat oder Chefredaktion. Diese ist übrigens die einzige Redaktion, die vom Stellenabbau nicht direkt betroffen sein wird.

Dieser Text erschien so ähnlich auch in der Juli-Ausgabe des kreuzer.

Kommentieren

Dein Kommentar

4 Kommentare

  1. Kalbson | 24. Juli 2014 | um 17:15 Uhr

    Ralph Kirsten liegt mit seiner Einschätzung in Bezug auf die Ostsee-Zeitung weit daneben. Zwar mag es sein, dass er ein Beobachter der Zeitung ist, denn für die Nachrichten auf Radio Lohro liest er sie oft genug vor, ohne sie als Quelle anzugeben. Aber dass »entgegen allen vorherigen Aussagen die Lokalredaktionen geschwächt« wurden, ist nicht nachvollziehbar. Schade, dass nicht nachgefragt wurde, was mit „geschwächt“ gemeint ist.

    In der Rostocker Lokalredaktion gibt es oft Praktikanten, was aber bei jeder Zeitung in jeder größeren Stadt der Fall ist. Die Passage suggeriert, dass die Zeitung nur von Praktikanten gefüllt würde, was wie ich finde die Arbeit der Redakteure beleidigt.

    »Das Internet genauso. Statt es, wie angekündigt, auszubauen, gibt es immer noch keine Onlineredaktion.« Doch, natürlich gibt es die. Sie ist aber nicht damit beschäftigt, eigene Themen zu finden, zu recherchieren und aufzuarbeiten. Sie kümmert sich eher um die Verquickung zwischen Print und Online. Die OZ kann sich keine Strukturen à la Spiegel Online leisten. Sie würden sich auch nicht rentieren.

    Das Kritikwürde ist, dass die Onliner in die Ostsee Medien GmbH (oder so ähnlich) ausgegliedert wurden. Dieser Trend, immer mehr Angestellte in neue, kleine Firmen auszugliedern und somit neue Verträge (ohne Tariflohn) aushandeln zu können, die Menschen aber genau die gleiche Arbeit machen zu lassen, hätte im Artikel oben ruhig auch noch zur Sprache kommen können.

  2. Thomas | 24. Juli 2014 | um 16:41 Uhr

    Unabhängige kritische Presse ?
    Nein hier zählt nur noch Profit und Effektivität , aber wer will schon Artikel lesen die überall in Deutschland zu lesen sind und am Ende keine Meinung zeigen sondern Mainstream.

  3. Nicht genannt | 23. Juli 2014 | um 11:20 Uhr

    Ich darf die Situation mal aus Sicht eines Zeitunskonsumenten mit dem hier ansässigen Göttinger Tageblatt vergleichen.
    Um es kurz auf den Punkt zu bringen, ist der Inhalt des GT eine Katastrophe. Man könnte es einerseits als PR-Organ für diverse „wichtige Einrichtungen in der Stadt“ sehen – wobei die Berichte eins zu eins wie gewollt übernommen werden. Kritische Hinterfragungen finden nicht statt.
    Ein Blatt zum Kleintierzuchtverein würde bessere Berichte liefern.
    Die Chefredaktion hier vor Ort hat aus meiner Sicht – und da bin ich mit vielen einer Meinung – ihren Namen nicht verdient.
    Viele offen zu Tage tretende Punkte, die man an der Stadt bemängeln würde, werden nicht aufgegriffen. Oder sie sind so schlecht recherchiert, dass einem gelinde gesagt schlecht wird.

    Der Online-Auftritt ist hinter einer Pay Wall. Für diesen Inhalt an Informationen? Die wirklich wichtigen Inhalte über Göttingen holt man sich dann bei der HNA – ohne Pay Wall. Dafür aktueller, schneller, mehr Fotos, bessere Berichte.

    Das würde ich in erster Linie nicht der Redaktion ankreiden – sondern schlicht den Vorgaben aus Hannover.

    Wer will denn ein Abo des GT haben, wo die Inhalte so schlecht sind? Das Anbieten eines Abo hat in der Innenstadt ein ähnliches Feeling, wie der Feilbieten des berühmten berüchtigten Wachtturm.

    Ein trauriges Spiel…