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Die verkitschte Revolte

Beim Lichtfest sind Ansätze kritischer Erinnerungskultur verschwunden

Leipzig am 9. Oktober 1989, Foto: Gerhard Gäbler Größeres Bild

Mit dem Lichtfest hat das Stadtmarketing die Deutungshoheit über die Erinnerung an den 9. Oktober 1989 übernommen. Es führt seit Jahren ein kitschiges Revolutions-Disneyland auf, das konstruktives 
Erinnern verhindert.

Wenn schlimme Dinge passieren, dann passieren sie einfach so – auch wenn man sie kommen sieht, sie geschehen trotzdem. Plötzlich liegt da ein Körper und das Blut auf der Straße und dann ist es zu spät. Diesen Moment mussten sie fürchten, die siebzigtausend, als sie an einem Montagabend vor 25 Jahren hinaus auf die Straße gingen. Das ist die Wahrheit über den Abend des 9. Oktober 1989 in Leipzig. Jeder kennt sie. Noch. Denn noch gibt es genügend Zeitzeugen, Menschen, die dabei waren, Erinnerungen aus erster Hand. Doch was passiert, wenn das Gedenken an diesen Tag vollends von einem lichten, weichgespülten Marketingfeuerwerk, einem Wohlfühlevent bestimmt wird – so, wie es seit nun schon fünf Jahren mit dem Lichtfest abgebrannt wird? Die Erinnerung daran, wie es tatsächlich war, verschwindet.

Wie gedenkt man nun der Menschen, die an diesem Abend trotzdem um den Ring zogen? Schaut man sich die Fotos vom 9. Oktober an, hört man die Augenzeugenberichte, so wird klar: Es war ein stiller Zug, die Menschen hatten Angst, man hakte sich unter, es war dunkel, es war kalt, die Szenerie eher gespenstisch und kaum jemand hatte eine Kerze dabei. Nun wollen wir diesen Tag also mal wieder feiern. Ein großes Lichtfest soll es geben, Zehntausende Kerzen sollen leuchten, riesige Illuminationen die Häuser bestrahlen, Hunderttausende einen »emotionalen Höhepunkt« und das »Gefühl der Gemeinschaft« erleben, wie Volker Bremer, Chef der Leipzig Tourismus Marketing Gmbh (LTM), verspricht.

Geschichtsrevisionismus ist ein hartes Wort, es bedeutet ein Umdeuten geschichtlicher Ereignisse, historischer Tatsachen zu einem bestimmten Zweck. Nun ist hier – betrachtet man das Lichtfest – der Zweck vermutlich kein politischer, sondern ein im weiteren Sinne kapitalistischer, im engeren ein marketingtechnischer. Seine Folgen jedoch sind politisch. Eine Eventisierung des Aufstandes erzeugt ein Wohlfühlklima, das dem Nachdenken zuwiderläuft – und damit auch dem konstruktiven Erinnern. Marketing will beeinflussen, das ist sein Ziel, Marketing ist immer mehr oder weniger versteckt interessengeleitet, Marketing manipuliert. Ein Beispiel ist der Umgang mit Bildern während des Lichtfestes: Die Fotos, die vom 9. Oktober 1989 existieren, sind dunkel und irgendwie beklemmend, wenig geeignet für ein Lichtfest. Bezeichnend ist da schon, dass in der Broschüre zum Lichtfest 2014 nicht ein einziges Foto vom 9. Oktober enthalten ist. Stattdessen aber immer noch das Bild des kerzenschwenkenden Kindes auf Papas Schultern, mit dem das Lichtfest 2009 groß aufgemacht wurde und von dem jeder wissen kann, dass es nicht vom 9. Oktober stammt, sondern deutlich später aufgenommen wurde. Das kann doch nicht alles sein, was die Stadt zum Thema 9. Oktober zu bieten hat.

Der Umgang mit Geschichte ist kein vernachlässigbares Gut – erst recht nicht in Deutschland. Vergangenheit muss in analytischer Reflexion bewältigt werden und nicht in platter Heroisierung und Schönmalerei. So böte ein Anlass wie der 9. Oktober Gelegenheit, doch einmal zu analysieren: Was ist eigentlich daraus geworden? Wie kam es, dass die Montagsdemos schon Ende November 89 von einem nationalistisch eingestellten Mob dominiert wurden, der alle Andersdenkenden niederschrie? Dass das Bündnis 90, die Partei der Bürgerrechtler, bei den ersten freien Wahlen in der DDR 1990 gerade einmal 2,9 Prozent der Stimmen erhielt? Dass stattdessen CDU-Blockflöten, besonders in Sachsen, an die Macht durchmarschierten? Dass schon bald in Leipzig-Grünau Brandsätze ins Asylbewerberheim flogen? Dass die alten Eliten oftmals weich landeten? Dass die »Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse«, wie man das damals nannte, den Menschen sehr schnell wichtiger war als eine aktive Beteiligung an Politik? Dass auch viele der Bürgerrechtler, Leitfiguren des Protestes, bald ihre hehren Ideale vergaßen, als es um Posten und Verdienstmedaillen ging – denn eigentlich wollten sie doch etwas verändern und sich nicht ins System einfügen?

So ungefähr ließe sich eine Liste beginnen mit Themen, die uns in der Erinnerung an den Leipziger Herbst weiterbringen könnten. Was ist da eigentlich passiert, als ein Staat zusammenbrach, eine ganze gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Entität von einer anderen geschluckt wurde? Als aus der geplanten Revolution im Sozialismus eine Restauration des Kapitalismus wurde. Dass dieser gewaltige Prozess so wenig – oder besser gesagt: nur so oberflächlich – reflektiert wird in der deutschen Öffentlichkeit, ist an sich schon ein Phänomen. Die Leipziger mit ihrem 9. Oktober und dessen Symbolkraft könnten solch ein Nachdenken an-
stoßen. Jeder erinnert sich an die klugen Rednerinnen und Redner der Wendezeit, die Intellektuellen. Doch wo ist diese gesellschaftliche Kraft heute, die Klugen und Nachdenklichen? Warum sprechen sie nicht zum 25. Jahrestag des 9. Oktober auf dem Augustusplatz vor 150.000 Menschen?

In Leipzig jedoch werden alle Mittel darauf konzentriert, ein Revolutions-Disneyland zu erschaffen, in dem Bestreben, die Marke »Leipzig« zu promoten. Auch wenn es am 9. Oktober keine Kerzen gab, werden 25.000 Kerzen aufgestellt – weil sie so schön leuchten.

Die nach außen transportierte Botschaft ist unüberhörbar: Schaut her, liebe Investoren, Leipzig ist die Stadt, in der alles möglich ist, oder um es im LTM-Slang zu sagen: The city with no limits.

Als das Lichtfest vor fünf Jahren zum ersten Mal in den heutigen Dimensionen aufgeführt wurde, bekannte man im Veranstaltungsprogramm ganz offen, dass »der Tag der Friedlichen Revolution zu einer deutlich erkennbaren Botschaft im Rahmen des Stadtmarketings werden« solle. Doch damals übten noch verschiedene Gruppen Kritik am Wendebohei – auch der kreuzer argumentierte gegen Eventisierung und Emotionalisierung. Heute nun ist es still geworden. Das Traurige ist: Alle machen mit. Natürlich unterstützen der MDR und ganz besonders die LVZ mit ihren Journalismus genannten PR-Maschinerien den Wendeschmalz, doch selbst ein Medium wie detektor.fm ist in diesem Jahr Medienpartner des Lichtfestes. Gab es im Jahr 2009 noch alternative Veranstaltungen, auf dem Jahrtausendfeld zum Beispiel, so sind heute selbst Ansätze lebendiger, kritischer Erinnerungskultur verschwunden oder nahezu unsichtbar. Es dominiert und strahlt allein das Lichtfest. Welcher Geist dem Event folgt, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010: Die Sprecherin der Oper Leipzig, Christine Villinger, nannte das Lichtfest in einem Pressegespräch ein »Bohei« – und musste deswegen ihren Posten räumen. Offenbar war das schon der Opposition zu viel, dabei sprach Villinger ja nur das Offensichtliche aus: Natürlich ist das Lichtfest ein Bohei.

Mit einer Erinnerung an die tatsächlichen Ereignisse und ihre Bedeutung hat es jedenfalls nicht viel zu tun. Es wird ein Wendewonderland entworfen und aufgefahren, der geneigte Bürger soll sich an Revolutionsfolklore das Herz erwärmen, irgendwie erinnert alles an Weihnachtsmarkt – oder an das, was die DDR in ihrer aktiven Zeit an, ja, genau: Revolutionsfolklore auffuhr. Da wandelt es dann, das Volk, auf historischem Grund, mit Tränen in den Augen, vorbei an Kunst, Tanz, Musik, Projektionen geworfen auf die Gebäude am Ring. Es ist ein wenig wie Fernsehen, ein Revolutionsstadl – der Ossi als emotionales Menschlein, das ganz in der Masse aufgeht, der zivile Marschierer – die farbenfrohe Parade mit politischem Hintergrundrauschen ja irgendwie gewohnt –, hier darf er sein.

Das passiert, wenn man das Gedenken an wichtige historische Ereignisse in die Hände eines überehrgeizigen und antiintellektualistischen Stadtmarketings gibt. Ein ähnlicher Effekt zeigte sich schon vor genau einem Jahr, als die Stadt Leipzig die Völkerschlacht, ein bis dahin beispielloses Blutbad, feierte. Nebenbei bemerkt: Auch bei diesem »Jubiläum« gab es ein Lichtfest, das Konzept scheint in den Augen der Leipzig Marketing GmbH wohl universell anwendbar.

Hier wird ohne Rücksicht auf Verluste glattgebügelt. Wo zum Beispiel wird die – übrigens damals auch im Westen große – Angst vor einem neuen Nationalismus thematisiert? kreuzer-Autor Torben Ibs bezeichnet das Lichtfest in seinem Aufsatz »Rituale der Erinnerung. Lichtfest Leipzig«* dann auch als ein »modernes Ritual zur Schaffung kollektiver Identität«, das eine Entpolitisierung nach innen bewirke, »während der entleerte politische Mythos für willkürliche Zwecke nutzbar ist. Er kann im Grunde jede Botschaft transportieren.« Tatsächlich wird hier flachgemacht, was nun wirklich nicht flach war. Es bietet sich zur Lösung des Problems eine Formel an: Weniger Kitsch, mehr Politik und Mut zum Denken.

* in: Heeg, Braun, Krüger, Schäfer: Reenacting History: Theater & Geschichte. Berlin: Theater der Zeit 2014.

Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe des kreuzer.

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Dein Kommentar

27 Kommentare

  1. Chris | 9. Oktober 2014 | um 10:31 Uhr

    Was mag Herrn Raabe wohl wiederfanden sein, dass er in seinem unreflektierten und tendenziösen Text so sehr die beleidigte Leberwurst raushängen lässt. Zehntausende Besucher aus Leipzig und ganz Europa erinnern sich wohl falsch und fallen auf den ganzen Wendeschmalz herein? Und die Medien machen auch noch mit. Böse, böse…..Lieber Herr Raabe, dann bleiben sie doch einfach zu Hause und verderben Sie den Leipzigerinnen und Leipzigern nicht oberlehrerhaft die Freude an Licht und Erinnerung. Jeder, der dabei war, findet ohnehin eine individuelle Form des Gedenkens und unsere Stadt darf sich und die mutigen Menschen des Wendeherbstes mit Licht und Bohei feiern. Selbst Miesmacher sind willkommen.

  2. H.Wostry | 9. Oktober 2014 | um 13:45 Uhr

    Herr Raabe kann einem wirklich leid tun. Er hat leider nicht verstanden, dass sich das Lichtfest konkret auf die Botschaft des 9.Oktober 89 bezieht und nicht auf nationalistische Töne im November 89. Die von ihm gestellten Fragen haben ja durchaus ihre Berechtigung, aber am Abend des 9.10.89 ging es ausschließlich um das Glücksgefühl der Befreiung! Und dieses Gefühl den Nicht-Dabeigewesenen zu vermitteln und auch annähernd wiederherzustellen, und das ohne Überfrachtung, ist das Anliegen des Lichtfests.
    „Entpolitisierung“ und „entleerter politischer Mythos“ ist es gerade nicht, denn die Botschaft lautet: „Wer nur abseits steht und sich heraushält, wird zum beherrschten Objekt.“ (Joachim Gauck, heute im Gewandhaus)

  3. ronjaRT | 9. Oktober 2014 | um 14:11 Uhr

    Ich als Teilnehmerin des 9. Oktober 1989 in Leipzig finde dieses Marketingfeuerwerk unwürdig, und Herrn Gauck in persona als Beleidigung derer denen hier gedacht werden soll(te).

  4. Marcel | 9. Oktober 2014 | um 17:50 Uhr

    „aber am Abend des 9.10.89 ging es ausschließlich um das Glücksgefühl der Befreiung! “

    i don’t even… und wenn man zuviel von dem marketing matsch aufsaugt, H. Wostry, dann bringt auch nur noch matsch hervor.

  5. Daniel Jurisch | 9. Oktober 2014 | um 18:47 Uhr

    Bravo, Andreas Raabe! Klare Worte für eine – historisch offenbar notwendige – Klitterung eines Aufbeghrens – das die Leute, die heute damit Geld verdienen auch damals schon nur aus der Ferne beobachtet haben dürften. Man muss dazu ja nicht schweigen.

  6. Dorle Voigt | 9. Oktober 2014 | um 19:10 Uhr

    Herr Raabe, vielen, vielen Dank. Sie sprechen mir aus der Seele, auch wenn ich ihn kaum so gut hätte formulieren und beschreiben können, diesen leichten aber gleichzeitig unüberwindlichen Widerwillen, den dieses Bohei (jawohl) Jahr für Jahr in mir weckt. Wir sind nun angekommen in der Welt des Marketing, der ‚Events‘, der Kommerzialisierung.
    Aber wir wollten es ja so… damals.
    Wollten wir?

  7. Roland | 9. Oktober 2014 | um 21:42 Uhr

    Hallo Chris! Haben sie heute mitbekommen, wie die heutigen Eliten in abgeschlossener Gesellschaft unter Polizei schutz gefeiert haben? Auch ich mache zu Hause mein Lichterfest. Und warum hat sich Bernd Lange ausgeladen?
    Naja dafür war Kissinger da.

  8. E.Mazny | 9. Oktober 2014 | um 22:41 Uhr

    Herr Raabe,
    ein sehr wahrer zum nachdenken anregender Text. Wie jedes Jahr gehe ich mit einer Gänsehaut zum Lichtfest und gehe maßlos enttäuscht nach Hause. Weichgewaschen ist gar kein Ausdruck. Unwürdig und peinlich die Reden unserer “ Oberen“, die mit mehliger Modulation rufen: „Wir sind das Volk“, die den Namen des Hernn Genscher vergessen und gar nicht merken, dass nur die ersten, eigenen Reihen applaudieren und der Rest nur betreten schaut oder nicht hinhört, weil die Kerze wichtiger ist.
    Wir sind wieder nach Hause gegangen, haben uns an die Geschichten unserer Eltern erinnert, die damals voller Angst zu Demo gingen, um etwas zu bewegen und nicht um sich selbst zu feiern!

  9. Christian | 9. Oktober 2014 | um 23:13 Uhr

    Danke, vielen vielen Dank liebe Kreuzermannschaft. Respekt vor Eurem Mut, das was viele hier denken, offen auszusprechen. Was jetzt läuft ist viel perfider als 89, siehe Fall Villinger – ihr bekommt ein Unterstützerabo von mir. Ihr seid der nötige Konterpart zur gleichgeschalteten Presse in Leipzig. Danke dafür!

  10. Dietahrd Hundeshagen | 10. Oktober 2014 | um 00:02 Uhr

    Die Revolution frißt ihre Kinder. Nur habe ich damals nie das Gefühl gehabt ein Revolutionär zu sein. Hatte nur die Schnauze voll, und eine riesige Portion Angst den Tag nicht zu überleben. Heute bin ich in der Innenstadt gewesen. In der Goethestraße Taschenkontrollen. Auf den Dächern Scharfschützen, SEK, und am schlimmsten, ein oder mehrere Maschinenengewehre. Mein Handy war lahmgelegt. Ein Westimport und damasl staatstragende Wendehälse konnten sich mehr als billig produzieren. Bitte feiert eure eigenen Feste und mißbraucht nicht unsere Geschichte!

  11. PM | 10. Oktober 2014 | um 04:53 Uhr

    @ H. Wrostry: Sie waren wohl nicht dabei, oder? Zeitzeugen vom 9.10. sagen, dass sie Angst hatten, scheiß Angst und dann so froh waren, dass nichts an Gewalt passiert ist. Glücksgefühl der Befreiung? Davon haben jene, die ich kenne nicht gesprochen. Dafür war es auch eon bisschen früh.

  12. LE_Whovian | 10. Oktober 2014 | um 07:36 Uhr

    Sehr gut geschrieben Herr Raabe,

    meinen Senf zum Bohei kann man beim achso geliebten Fratzenbuch nachlesen.

    Und als, jemand der nicht dabei war in Leipzig,wohl aber mit seinen Eltern in Halle bei Demos auch nach dem 09.10.89 der schon damals sehr interessiert war an gesellschaftlicher Entwicklung, politisch und gesellschaftlich interessierter Mensch, empfinde ich diesen Event in seiner propagierten Form als unwürdig, genauso wie einem Gauck hier zu hören zu müssen.
    Wenn auch nur über TV, nachdem ich beim zappen doch hängen geblieben bin beim MDR. – Obwohl ich eben dieses Jahr das Lichtfest boykottiert habe.
    All die Jahre vorher wenn man kritische Dinge über das LF oder aber auch über aktuelle Verhältnisse im Lande ins Gespräch kommen wollte, wurde man oftgenug ausgegrenzt, vom veralbern bis hin zur Beleidigung.
    Statt einem selbstgemachten Flyer mit Inhalt der sich mit Problemen kritischen auseinandersetzt zu beschäftigen, nimmt man allzu gerne Hochglanzflyer von Media-Markt usw. entgegen.
    Kommerz & Marketing ist der Zweck, das Erinnern und Bewahren ist dabei nur Nebensache. Meine Meinung!

  13. Leipziger | 10. Oktober 2014 | um 07:48 Uhr

    Die Meinung des Autors ist geschichtlich falsch. „… Es war ein stiller Zug, die Menschen hatten Angst, man hakte sich unter, es war dunkel, es war kalt, die Szenerie eher gespenstisch und kaum jemand hatte eine Kerze dabei.“

    Es war kein stiller Zug. Die 70000 waren laut und riefen schlussendlich „Wir sind das Volk!“.
    An diesem Tag hatte keine Feuer dabei, es gab schon genug.

    In der Woche darauf waren noch mehr Menschen da und stellen vor die „Runde Ecke“ massenhaft Kerzen. Es war ein stiller Protest gegen die Stasi. Die Kerzen und das Haus blieben unberührt, wurden nicht gestürmt und zerstört. So dumm waren später nur die Berliner.

    Insofern ist für mich der Oktober 1989 sehr wohl mit Kerzen verbunden. Nur kommt in der nächsten Woche keiner vom Kreuzer und holt die Beleuchtung nach.

  14. Sascha Klemm | 10. Oktober 2014 | um 08:01 Uhr

    Vielen Dank Herr Raabe, Sie sprechen mir aus der Seele, ich selbst war 89 zwar schon längst geboren, jedoch habe ich es nicht bewusst miterlebt, aber das, was Sie hier aufzählen ist genau das was ich trotz dessen immer wieder spüre wenn das Lichterfest stattfindet. Dieses Jahr bin ich bewusst nicht dahin gegangen, genau aus Ihren genannten Gründen.

    Ebenfalls finde ich auch Ihre Andeutung an die Völkerschlacht sehr gelungen, hinfügend sei gesagt, dass selbst der „See der Tränen“ (See vor dem Völkerschlachtdenkmal) unter dem Marketingwahn leiden muss, da dort jedes Jahr das sogenannte „Badewannenrennen des Todes“ gemacht wird. Ebenfalls da frage ich mich was es mit Andenken an die Gefallen zu tun und als ich meine Bedenken dazu öffentlich äußerte, wurden mir gar Begründungen entgegen geworfen, dass es ja schon sehr lange her sei usw…mehr brauch ich dazu glaube ich nicht sagen.

    Vielen Dank an dieser Stelle von mir!

  15. André K. | 10. Oktober 2014 | um 08:42 Uhr

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ein Spiegel in die Gesichter derer, die uns mit ihren Lichtern blenden möchten und nun selbst geblendet werden. Ich befürchte nur, es wird mit dem Reflex „Augen zu“ enden und weiter wie geplant verlaufen. Reflexionen kann man ja so schön ausblenden.

    Was mich zumindest an den 9. Oktober erinnert, ist die extrem starke Polizeipräsenz für die wenigen Polit- oder was auch sonst für „Promis“. Sind die Gullideckel auch verschlossen und ist Obama in der Stadt?! Vermutlich wird dieses Mal niemand über die Kosten reden. Denn es wird ja schließlich gefeiert und keine unbequeme Meinung auf die Strasse getragen…

  16. Rowin | 10. Oktober 2014 | um 09:58 Uhr

    Sehr schöner Beitrag der mir aus dem Herzen spricht. Danke dafür!

    Eines ist jedoch klar: eine kritische Auseinandersetzung mit dem was damals geschah und was daraus geworden ist war von den Herrschenden nie gewünscht und hat in der breiten Öffentlichkeit daher auch kaum statt gefunden. Dass dies jemals geschieht soll eben auch mit dieser obskuren Eventisierung weiter erschwert werden.

  17. Hr. Dubnow | 10. Oktober 2014 | um 10:02 Uhr

    The same procedure as every year. „Der Kreuzer“ möchte penetrant mehr als ein journalistisch unbedeutendes „Lokalmagazin“ sein und lässt deshalb wieder einmal den ach so kritischen und schwer erinnerungsarbeitenden „Revolutionswächter“ heraushängen. Mir persönlich ist das zu ayatollahhaft. Einfach nur zum Gähnen – und ein Grund mehr, das Heft nicht zu kaufen.

  18. Rogro | 10. Oktober 2014 | um 13:50 Uhr

    Tut mir leid, aber dieser Kreuzer Artikel ist ja wohl genau so schwachsinnig wie der Kult um den 9.Oktober. „Eine Revolution der Intellektuellen.., der Klugen und Nachdenklichen“? Wo waren sie denn die vielen Montage vorher, wo ein paar hundert Leute von der Polizei durch die Innenstadt geknüppelt wurden. Ich hab da hauptsächlich den einfachen kleinen Mann gesehen, Arbeiter, Handwerker, Punk.., und die Kirchentypen halt. Kein Student, Doktor oder Professor, weil diese „Intellektuellen“ ihren akademischen Rang ja nur durch Anpassung und Staatstreue erreicht haben. Im Herbst 89 war doch eh alles schon gelaufen, da kamen dann auch die Spießer aus ihren Häusern und haben sich über die schönen, bunten DVU-Aufkleber gefreut, die verteilt wurden.
    Geschissen auf den 9. Oktober! So, musste ich mal loswerden.

  19. Michel K | 10. Oktober 2014 | um 18:15 Uhr

    Ich war 89 dabei.
    Zitat: Dietahrd Hundeshagen : „Die Revolution frißt ihre Kinder.“
    Ja, genau so!
    Und der gleiche Wunsch:
    „… und mißbraucht nicht unsere Geschichte!
    !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Trittbrettfahrer haben damals nicht auf der Straße gestanden.
    (Die haben wohl hinter der Gardine gestanden und darauf gewartet, ein Event draus zu machen … )
    Meine Tochter, damals 8 Jahre, hatte Angst um mich, wenn ich Montag abends nicht da war.
    Heute selbst Leipzigerin, war sie gestern abend genau so wie ich nur noch peinlich berührt.
    Disneyland mit Bratwurst und Bier auf Kosten derer, die damals einfach der Sache wegen …zig Kilometer jede Woche nach Leipzig gefahren waren – Menschen, die einen Ausreiseantrag laufen hatten und trotzdem (oder gerade deshalb) riefen: Mir bleiben hier. So wie ich.

    Und dann kriegt man nicht mal das Datum getillcht … in Würdigung des Tages. – Das nicht peinlich – das ist kennzeichnend.

  20. tutnichtszursache | 10. Oktober 2014 | um 18:35 Uhr

    Der Artikel spricht mir so sehr aus der Seele. Als Geschichtswissenschaftler kann ich nur zum kritischen Umgang mit inszenierter, erlebter Geschichte aufrufen und mahnen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Quellenarmut ein absolutes Minus der Veranstaltung. Der Happeningcharakter gibt überhaupt nicht die Stimmung vom 9. Oktober 89 wieder, die Angst, die Bedrohungslage, die Ungewissheit. Stattdessen wird quietschvergnügt, händchenschlendernd an Lichtinstallationen vorbeiflaniert, die in die absolut passive Rolle drängen. Der Erlebnischarakter besteht für mich einzig in den Menschenmassen und den auditiven Medien, die die Stimmung erahnen lassen. Geschichte ist immer rekonstruierte Vergangenheit und das sollte allen bewusst sein.

  21. T.Vogl | 10. Oktober 2014 | um 21:04 Uhr

    Und hier dann am Löwen Security Burschen die
    Kerze in das dafür vorgesehene Konstrukt abgelegt
    …. das hamm die äschdt schöön gemacht…
    Unweigerlich fällt mir bei diesem Anblick ein:
    „Bitte hier entlang. Bitte jeder nur ein Kreuz.“

  22. Jo Boschert | 11. Oktober 2014 | um 16:22 Uhr

    Schade – ich hatte mir vom Kreuzer eigentlich gut recherchierte Informationen zu Ereignissen und Umständen im Herbst 89 erwartet, die im allgemeinen Freudentaumel eher untergehen. Leider war es Raabe, Schlehan & Prüwer in der aktuellen Ausgabe des Heftes wichtiger, sich ziemlich unreflektiert über verschiedene Aspekte der Feierlichkeiten auszukotzen. Einzig der Artikel von Frau Bock über die Frauenbewegung hebt sich angenehm von der Rummaulerei ab! Herr Raabe beschwert sich völlig zu Recht darüber, dass z.B. das schlechte Abschneiden von Bündnis 90 bei den Wahlen nirgendwo thematisiert wird – warum verzichtet der Kreuzer dann aber auf Beiträge, die näher darauf eingehen?
    Ich bin wahrlich kein Fan der LTM – vor allem seit dem völlig unwürdigen Völkerschlachtspektakel im letzten Jahr. Aber was ist falsch daran zu feiern, dass das befürchtete Blutbad 89 ausblieb? Was spricht gegen ein Lichterfest & Emotionen? Was gegen den Auftritt von Leipziger Bands? Als ob das wirlich schon der erste Schritt in den Nationalismus wäre! Ich war selbst nicht beim Lichterfest und die Jubelei zum Fussball-Weltmeistertitel ging mir wirlich am Arsch vorbei. Aber wenn man sich als Deutscher und Leipziger nicht über den relativ unblutigen Ablauf der Demos und das Ergebnis freuen kann, worüber denn dann? Titelt der Kreuzer die nächste Ausgabe mit 《Deutschland verrecke!》?

  23. geborener Leipziger | 29. Oktober 2014 | um 15:45 Uhr

    Der Kriegsverbrecher Henry Kissinger war auch eingeladen?

    Das erklärt allerdings die Absperrgitter, eine private Sicherheitsfirma
    Namens Löwen Security von der man sich durchsuchen lassen muß, um Zutritt zu erlangen.
    Bitte nur ausgewähltes Publikum, nicht dass noch jemand aus der Reihe tanzt,
    und selbständig denkt, wo kommen wir den sonst hin!

    Echt peinlich, CDU-blockflöten/Mitläufer die sich selbst feiern!