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»Migranten werden nur positiv bewertet, wenn sie etwas bringen«

Rechtsextremismusforscher Oliver Decker über PEGIDA

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Der Sozialpsychologe und Rechtsextremismusforscher Oliver Decker, Gründungsmitglied des Leipziger »Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus und Demokratieforschung«, erklärt im Interview die steigende Abwertung von Migranten und Entwicklungen rechter Vorurteile in der Bevölkerung.

kreuzer: Vergangenes Wochenende haben Sie die Tagung »Deutschland als Einwanderungsland zwischen Willkommenskultur und Diskriminierung« veranstaltet. Was waren die Ergebnisse? Ist Deutschland ein Land der Willkommenskultur oder der Diskriminierung?

OLIVER DECKER: Wir haben eine ganze Reihe von Referenten aus verschiedenen Bereichen gehört. Ein Bild hat sich über die Vorträge trotz der unterschiedlichen theoretischen Hintergründe und Zugangsweisen herauskristallisiert. Wir haben es in den letzten 20 Jahren mit einer Verschiebung des Diskurses zu tun, ob bei Einstellungen in der Bevölkerung oder bei administrativen Umsetzungen. Deutschland will ein Einwanderungsland sein. Dabei geht es aber weniger um Solidarität oder um Vielheit, sondern um wirtschaftliche Nützlichkeit von Migrantinnen und Migranten. Das merkt man auch in Einstellungen der Menschen. Jene Menschen, die nicht als Gewinn für die Bundesrepublik gesehen werden, werden abgewertet.

kreuzer: Was bedeutet das genau?

DECKER: Man kann das zum Beispiel an PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, Anm. d. Red.) sehen. Es gibt wieder eine Form von »wir hier« und »die anderen, die kommen«. Wir haben es nicht mit einer Idee republikanischer Vielfalt zu tun, sondern damit dass »wir hier« als homogene Gruppe konstruiert werden. Das ist interessant, weil auf den ersten Blick ja nicht ins Auge springt, dass unter der Offenheit antidemokratische Motive liegen.

kreuzer: Kann man vom wachsenden rechtsextremen Lager sprechen oder ist die Abwertung von Migranten ein Phänomen, das mehr in die Mitte rückt?

DECKER: Wenn man von rechtsextremen Lagern spricht, dann setzt das eine Form der Abgrenzung voraus, die oft nicht der Fall ist. Natürlich ist das so, wenn wir es mit organisiertem Rechtsextremismus zu tun haben. Aber das ist nicht mehr das größte Problem, sondern dass es eine Form von angestammten rechten und nationalistischen Konzepten gibt, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind und meist nicht als rechtsextrem erkannt werden. Das ist ähnlich wie der Vorschlag der CSU (Migranten sollen in der Familie Deutsch sprechen, Anm. d. Red.), der faktisch eine Grundrechtseinschränkung für andere Menschen ist. Wenn das Einfluss auf die politische Kultur hat, fördert es eine antidemokratische Grundstimmung, weil die Rechte bestimmter Gruppen eingeschränkt werden. Was hier passiert, ist das Fischen nach genau solchen antidemokratischen Ressentiments, um die Wähler an sich zu binden. Das ist unglaublich und antidemokratisch, ohne dass es als rechtsextrem bezeichnet werden kann.

kreuzer: Wie hat sich das in den letzten Jahren entwickelt?

DECKER: Wir können einen Rückgang von generalisierten Vorurteilen gegenüber Migrantinnen und Migranten feststellen, dafür aber einen sehr starken Anstieg der Abwertung spezifischer Gruppen wie Muslime, Asylsuchende und Sinti und Roma. Das sind genau die, gegen die sich auch PEGIDA richtet. Sie tun das mit dem sicheren Gefühl, dass sie hier eigentlich eine Form von Volkswille propagieren, weil es sich dabei um Interessen der einheimischen Bevölkerung handele und sich gegen eine als fremd und homogen wahrgenommene Gruppe richtet. Migranten werden nur positiv bewertet, wenn sie etwas bringen, und abgewertet, wenn sie als Bedrohung des Wohlstands oder als fremd wahrgenommen werden.

kreuzer: Dabei wird sich ja aber meist nicht auf Fakten gestützt.

DECKER: Genau das ist ein Kennzeichen des Ressentiments. Mit Rationalität hat das alles nichts zu tun. Da kann man auch nicht gut gegen argumentieren, denn es ist sehr stark emotional aufgeladen. Das liegt nicht an den Migranten und auch nicht direkt an der Angst der Überforderung. Vielmehr hat man es hier mit einem Ventil für einen allgemeinen gesellschaftlichen Druck zu tun. Das Ganze geschieht vor dem Hintergrund einer politischen Kultur, bei der gerade mal begonnen worden ist, etwas wie eine nicht ethnisch homogene Nation in Deutschland zu erwirken. Wir haben Transformationsprozesse, die insgesamt dazu führen, dass die Gesellschaft nicht auf Solidarität baut. Die Menschen haben eine Vorstellung von Gemeinschaft, die ethnisch ist. Solidarität gilt primär nur für Angehörige der eigenen Gemeinschaft. Das ist eine sehr alte Vorstellung, die zu anderen Nationalstaatskonzepten wie in Frankreich oder den USA, die nicht von einer ethnisch homogenen Gesellschaft ausgehen, im Kontrast steht.

kreuzer: Und diese Entwicklungen wollen Sie künftig am Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus und Demokratieforschung erforschen?

DECKER: Ja genau. Wir haben an der Universität Leipzig an unterschiedlichen Fakultäten eine sehr ausgeprägte Expertise in der Demokratie- und Rechtsextremismusforschung. Es geht darum, diese zu bündeln und in den gesellschaftlichen Prozessen eine Stimme als Wissenschaft zu haben. Außerdem wollen wir der Gesellschaft unsere Forschung besser zur Verfügung stellen. Es ist aber ein langer Prozess, so ein Kompetenzzentrum aufzubauen. Wir sind schon aus den Startlöchern raus, aber noch nicht im Zieleinlauf.

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6 Kommentare

  1. XXX | 13. Dezember 2014 | um 20:50 Uhr

    Für uns hier wird „Legida“ interessant! Und damit sollte man sich auseinander setzen und jede Stellung hierzu wird im nächsten Jahr von Nöten sein.
    Mir macht das Angst.

  2. lunaria | 19. Dezember 2014 | um 12:24 Uhr

    Herr Decker, Sie sagen:
    „Es gibt wieder eine Form von »wir hier« und »die anderen, die kommen«. Wir haben es nicht mit einer Idee republikanischer Vielfalt zu tun, sondern damit dass »wir hier« als homogene Gruppe konstruiert werden.“

    Das gibt es immer und überall, das ist nichts Neues. Auch in der Quantität und Intensität ist das nicht verwunderlich. Aber jetzt passen Sie mal auf. Ich höre bekanntlich das Gras wachsen:

    Als damals der Schröder mit Bertelsmann und Co. die Hartz-Gesetze durchdrückte blitzte das kurz auf. Diese Montagsdemos galten dann in der veröffentlichten Meinung als rechtslastig. Auch Lafontaine war in der Folge Opfer von Medienkampangnen, wie bereits 1999. Es gab Abwehrkämpfe der Minderheit der von Sozialhilfe Betroffenen, die Lage ist heute beruhigt in der Sache aber nicht besser, das wird Ihnen sicher Ihr Kollege Butterwege genau darlegen können.

    Seitdem ist einiges passiert. Da gab z.B. die Banken und Finanzkrise und die einschlägige Reaktion der Politik darauf, die die Masse der Bevölkerung extrem verunsichert hat, ohne das diese das genau analysieren oder begründen könnte, hat Sie mit den Zweifeln sicher irgendwo Recht.

    Seit 2011 gibt es Kriege, die Folgen betreffen uns alle. Die veröffentliche Meinung und Politiker sehen keinen Zusammenhang zur Flüchtlingsproblematik. Die Bevölkerung schon. Was Pegida eigentlich zeigt, mit 20000-facher Verstärkung, ist das gesellschaftliche und politische Versagen der etablierten Parteien in der BRD. Jeder Krieg hat Ursachen, Auslöser und vor allem Akteure. Es gibt Finanzquellen und Wege auf denen das Geld die Akteure erreicht. Die Söldner, Milizen, Terroristen müssen ausgebildet, ausgerüstet, angeleitet, bezahlt und mit Waffen und Militärtechnik versorgt werden. Auch die organisierten Linken haben es nicht geschafft, die Gründe, Hintergründe und Schuldigen an den weltweiten Kriegen der letzten Jahre zu benennen und dagegen öffentlich zu protestieren. Es gibt keine Aufklärung über Finanzquellen, Finanzierungswege, Ausbildung, Kommandostrukturen und Kriegsziele. Die Politische Klasse in der BRD hat versagt. Das Ergebnis ist u.a. PEGIDA.

  3. lunaria | 19. Dezember 2014 | um 12:59 Uhr

    Weiter behaupten Sie, Her Decker:

    „Die Menschen haben eine Vorstellung von Gemeinschaft, die ethnisch ist.“

    Das würde ich in dieser Pauschalität bezweifeln.

    „Solidarität gilt primär nur für Angehörige der eigenen Gemeinschaft.“

    Das ist logisch und hat was mit Identität zu tun, ist eine anthropologische Konstante, d.h. über die Jahrtausende ziemlich gleich. Wer den Menschen das Recht nehmen will sich positiv auf eine Gemeinschaft zu beziehen, zu der man sich zugehörig fühlt, zu der man Vertrauen hat, der will den Menschen die Menschlichkeit nehmen, der will den Menschen als soziales Wesen bekämpfen.

    Natürlich ist Identifizierung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe um so eher möglich, je überschaubarer und homogener diese Gruppe ist, das ist mit der Gruppe der Psychologen, Soziologen, genau so wie mit der Zugehörigkeit zur Gruppe der Abgeordneten,der Manager, Maurer.

    Die Individualisierung der letzten Jahrzehnte zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass eine Bindung an und die Zugehörigkeit zu etwas großem Ganzem (wie Heimat, Volk, Nation aber auch die klassische Kultur) nachlässt bzw. völlig verschwindet und durch Identifikationsleistungen anderer Art (meist der Beruf,…) ersetzt wird. Jedoch kann es in vielen Fällen nicht ersetzt werden. Das liegt in der Natur der modernen technologisch bestimmten Existenzweise, die diese Identitätsbildung und Zugehörigkeit erschwert oder sogar ausschließt. Das wissenschaftlich zu problematisieren, macht durchaus Sinn. Aber nur unter Berücksischtigung der Realität und mit der gebotenen intellektuellen Aufrichtigkeit.

  4. Jochen | 23. Dezember 2014 | um 22:42 Uhr

    Ich fürchte, der Herr Decker ist seinen eigenen Forschungsergebnissen nicht gewachsen.
    Er müßte wissen, daß man Sozialwissenschaft nur unvoreingenommen und ideologiefrei betreiben kann, wenn sie denn überhaupt eine Hilfe darstellen soll im gesellschaftlichen Diskurs. Diese Voraussetzung erfüllt er selbst aber nicht.
    Er ist nämlich Forscher für Rechtsextremismus – aha. Eigentlich müßte dies nun jeden aufwecken. Denn er schlägt auch PEGIDA, weil er a) sich mit diesem Bereich prä- um nicht zu sagen deformiert hat und b) von Forschungsgeldern der öffentlichen Hand abhängig ist, über seinen angestammten Leisten und will – man höre und staune – seine Ergebnisse der Gesellschaft zur Verfügung stellen – aha, d.h. natürlich affirmatuiv und gegen PEGIDA.

    (Nehmen Sie davon besser Abstand, Herr Decker, wir haben dies Zeug, zumal bei ihnen bloß alter Wein in neuen Schläuchen geboten wird, satt bis Oberkante Unterlippe.)

    Da muß denn schon mal der Demokratiebegriff sehr willkürlich verbogen werden, als wäre er unvereinbar mit der Solidarität gegenüber der eigenen Gemeinschaft und/oder dem Aspekt der Nützlichkeit fürs Gemeinwesen.
    Die eigene Gruppe wird auch nicht „konstruiert“, Herr Decker, welch ein Nonsense, sondern sie ist a priori da! Weil sie da ist, reflektiert sie sich heute in PEGIDA, nur ist das in akademischen Zirkeln noch gar nicht angekommen, weil diese sich nicht als Teil dieser Gemeinschaft verstehen, sondern als in höheren Spären beheimatete „Forscher“, die den Kontakt zu allem Real-Irdischen verloren haben.

    Und woher kommt das? Nehmen wir doch mal den ollen Marx zu Hilfe: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein.“
    Weil diese Forscher kein integrierter Teil der Gemeinschaft sind, sondern deren kritische Nutznießer, definieren sie sehr schnell auch ihre Gemeinschaft als eine der zahllosen zeitgeisttrendigen, unnützen Forschergemeinden, und die sind per se für den uferlosen, chaotisch-ungeregelten und nützlichkeitsfreien Zustrom von nicht integrierbaren Fremden aus ebenso fremden Kulturkreisen, die noch dazu ohne brauchbare Ausbildung, dafür aber begabt sind im Dealen und in der Zuhälterei und anderen variablen Formen einer ihr Gastland bereichernden Kriminalität.
    Dieser Zustand fortschreitender Unordnung ist dann für diese gloriose Forschergemeinde per definitionem „Demokratie“.
    Weil Berlin und Washington es so haben wollen?

    Würde dieser junge Herr Decker auf eine veritable Eigenerfahrung in der wirklichen Gemeinschaft seiner deutschen Umgebung zurückblicken können, die ihn als malochenden Mitarbeiter irgendeiner Firma ausweist, in der man permanent unterbezahlt wird und deshalb aufstocken muß, hätte er zwangsläufig ein anderes „Bewußtsein“, denn sein „Sein“ wäre ein komplett anderes, und damit hätte er sich niemals „qualifizieren“ können für die akademische Gemeinschaft der Sozialforscher – und er hätte das auch gar nicht gewollt, weil er diese Leute nämlich für abgehobene Spinner gehalten hätte…

    Das Sein bestimmt nicht nur das Bewußtsein, sondern auch noch das Gefühl gerechter Empörung nach Lektüre dieses Artikels.

    Ach ja, die Schwafel-, pardon, die Sozialwissenschaften…

  5. Werner | 24. Dezember 2014 | um 00:55 Uhr

    Werner

    Die Massenmigrationswaffe ist die bislang beste Erklärung für die gezielte Irrationalität der Politik bei allen Fragen der Zuwanderung und des Asyls. Man will gar keine vernunftbegabte Regelung, die dem Gemeinwohl dient, sondern man strebt bewußt und gezielt eben das Chaos an, das wir längst haben. Es kann kein einziger Politiker so „abgehoben“ (wie immer wieder unbedacht und fälschlich formuliert wird), so naiv und lebensfremd sein, daß er nicht wüßte, was dieser wahnsinnige Zustrom von hier nicht integrierbaren Menschen anrichtet und bereits angerichtet hat. Das kann nicht sein. Auch dann nicht, wenn er wie die Merkel nur im großen Audi oder Mercedes chauffiert wird.
    Das darf man nicht unterstellen, sondern muß erkennen, daß alles Gerede, alles Gesülze, alle Beschimpfung und Verleumdung der eigenen Wählerschaft (!!) die grenzenlose Verachtung – Menschenverachtung, ihr roten Faschos – der Politik ggü. ihren eigenen Wählern ausdrückt. Es zeigt sich, daß diese Politiker die Feinde der Nation sind und nicht deren Interessenmehrer oder auch nur -verwalter.
    In Tat und Wahrheit sind diese verleumderischen Politiker selbst die schlimmsten Fremdkörper und Zerstörer unseres Landes, und die Menschen begreifen dies zwar langsam, aber sicher. Und die Dresdner hatten dafür das wacheste Gespür.