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Bleibt sauber!

Eine Manöverkritik zu den Nolegida-Protesten

einhornplakat Größeres Bild

Der sprachliche Waschzwang der No-Gidas ist auch in Leipzig angekommen und er ist Gift für die politische Auseinandersetzung. Ein Kommentar.

Die Idee kommt aus Dresden. Anfang Januar wurde zum »Neujahrsputz« gerufen. In Warnwesten und mit Besen wurde von da an hinter Pegida hergeputzt, um »Vorurteile und Rassismus aus der Stadt zu kehren«, hieß es auf der Facebook-Seite zu der Aktion. Sie kam gut an. Bis dahin war es den Bewohnern der Stadt nicht ansatzweise gelungen, ein Zeichen gegen Pegida zu setzen. Mit der Reinigungsaktion konnten sich laut Medienberichten, die den »kreativen« Protest wohlwollend bis euphorisch zur Kenntnis nahmen, einige Tausend Menschen anfreunden.

Man kann es ja verstehen: etwas tun zu wollen, was noch dazu schön einfach ist und schöne, symbolische Bilder bringt. Die Bekämpfung problematischer Äußerungen und Verhaltensweisen und ihre sprachliche Ausgrenzung als »Schmutz« ist allerdings schräg. Erst recht, wenn jede weitere inhaltliche Auseinandersetzung in Gestalt von Redebeiträgen und Transparenten – wie auf Wunsch der Dresdner Initiatoren der Reinigungsaktion – außen vor bleiben sollten.

Ohne Not macht sich dieser sprachliche Waschzwang allmählich auch in den Aufrufen zu den Nolegida-Protesten breit. Nolegida ruft bei Twitter auf, die Stadt »sauber zu halten« und jemand namens Sunshine zwitschert: »Hey, und vergesst nachher nicht eure Schrubber! Heute ist Waschtag«.

In dieser »aufgeräumten« Stimmung frage ich mich: Ist diese politische Reinheit eine Pflicht wie das Zähneputzen? Einige werden jetzt sicher stöhnen und denken, hier soll der gute und notwendige Protest in den Dreck gezogen werden. Aber darum geht es nicht. Denn: »Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da«. So beschreibt Viktor Klemperer das Problem in seiner Analysen Lingua tertii Imperii. Er greift dabei selbst auf eine Metapher zurück, weil Metaphern helfen zu verstehen. Doch Vorsicht: Unterschiedliche Metaphern provozieren verschiedenen Handlungsstrategien, sagt die Sozialpsychologie.

Politische Auseinandersetzungen sind oft von Metaphoriken durchtränkt. Die Dresdner Reinigungskräfte sind auch nicht die ersten in den Auseinandersetzungen mit den Gidas, die zu diesem sprachlichen Werkzeug greifen. Viele Städte knipsten Pegida das »Licht aus«, um die »Rassisten«, die ans Licht der Öffentlichkeit wollten, im Dunkeln stehen zu lassen. Ein metaphorisches Muster, das auch seine ambivalente Untiefen hat, weil, wie schon Brechts Mackie Messer sagte, man sie dort nicht sieht, auch wenn sie trotzdem da sind.

Zurück zu den »schmutzigen Gedanken« von Pediga beziehungsweise Legida. Um sich selbst als Saubermann darzustellen, hat Innenminister Markus Ulbig die Pegida-Organisatoren früh als »Rattenfänger« beleidigt, als diejenigen, die die heimtückischen und schmutzigen Tiere aus den Löchern locken. Viel mehr hat Ulbig Pegida nicht entgegenzusetzen. Das ist nicht verwunderlich, denn inhaltlicher kann jemand bei Abgrenzungsversuchen nicht werden, der stolz ist auf die sächsische Abschiebequote und eine Sonderkommission gegen straffällige Asylbewerber einrichten möchte. Doch eines muss man ihm wohl lassen: Wahrscheinlich ging es ihm auch um das saubere Image, um dass sich viele in Stadt und Land bis heute sorgen.

Und dazu passt leider auch die Vorstellung vom metaphorischen Schmutz, der symbolisch von der Straße gefegt wird, in der Hoffnung Weltoffenheit und Menschenfreundlichkeit würden darunter wie von selbst zum Vorschein kommen. Das ist natürlich naiv, aber auch eine Zumutung. Selbst wenn hier nur mit normalen und nicht mit dem »eisernen Besen« die politische Landschaft ausgekehrt werden sollte, trägt die Sauberkeitsmetaphorik einige historische Hypotheken.

Der Nationalsozialismus, der die Gesellschaft ohnehin zum Volkskörper degradierte, den es sauber zu halten galt, hat aus diesen Bildern in mehrfacher Hinsicht blutigen Ernst gemacht. Man muss vielleicht auch gar nicht mit der Nazi-Keule kommen. Unter erwünschte »Sauberkeit« verstand man in der DDR auch die Entfernung von Personen, die sich den Homogenitätsansprüchen der DDR nicht anpassen wollten. Und es gibt bis heute eine Vielzahl umgangssprachlicher Metaphern, in denen Minderheitenpositionen als Verunreinigung gedeutet werden. »Netzbeschmutzer« heißen dann die ungeliebten Kritiker.

Das ist die Sprache der Reaktion, der Ordnung-Sicherheit-Sauberkeits-Mentalität, die mit Pegida und Legida auf die Straße geht. Sprachlicher Putzzwang ist hier das Gift, das wirkliche Kritik, inhaltliche Auseinandersetzung und ein politisches Gegengewicht lähmt. Zugegeben die politische Debatte um Pegida und Co ist ziemlich abgegrabbelt, aber trotzdem nötig. Auf der Straße ist die rechte Revolte nur noch minder erfolgreich, aber natürlich sind weitere Zugeständnisse an das »Volk« im »Dialog um Asyl und Zuwanderung«, wie von der sächsischen Regierung versprochen, zu erwarten. Und nicht nur hier. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) nutzt die islamfeindliche Stimmung und vergleicht des Kirchenasyl mit der Scharia, um es abzuschaffen. Ganz real steigen die Übergriffe auf Asylbewerber. Es wäre also gut, sich selbst und seinen Protest ernster zu nehmen.

»Wegen Euch weint das Einhorn« – so oder so ähnlich steht es auf einen Schild, das immer wieder bei den Legida-Protesten auftaucht. Solche ähnlichen Spaßtransparente, deren scheinbarer Spott ins Leere läuft, weil sie nicht zutreffen und auf nichts zeigen, was diese rechte Bewegung, die bundesweit spaziert, gefährlich macht, verharmlosen eher noch.

Sollte man nicht besser »mit allen Wassern« gewaschen sein und wirkliche Kritik üben? An der scheinheiligen Rede der Weltoffenheit und Menschenfreundlichkeit, die mit oder ohne Pegida an den Grenzen Europas aufhört, an einer Demokratie, die für viele bedeutet bestimmen zu dürfen, wer dazugehören darf und wer nicht, an Islamhassern und Islamisten, die den wirklichen Spott der Blasphemie und Juden nicht ertragen können: Es gibt derzeit ziemlich viele Gelegenheiten, sich die Hände schmutzig zu machen.

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13 Kommentare

  1. kati | 17. Februar 2015 | um 19:32 Uhr

    Die Kritik zur Sauberkeits-/Säuberungs-Metaphorik (vor allem in Dresden durch dieses Ritual, als auch im Sprachlichen allgemein) finde ich ziemlich gut formuliert und zutreffend.

    Wo ich den Gedanken des Beitrages allerdings nicht ganz folgen kann, zum einen weil es noch einmal ein anderer Aspekt ist und weil ich die Kritik arg krampfig finde: „Es wäre also gut, sich selbst und seinen Protest ernster zu nehmen.“

    Ja, man muss Plakate mit Einhörnern oder die Parolen der Partei nicht super und treffend finden. Ja, das ist zum Teil albern und alles andere als Ernst. Es sind jedoch nicht die einzigen Plakate und Sprüche, die bei den Protesten laut werden. Da sind zum einen ernstere und klarere Aussagen dabei. Zum anderen aber auch ritualisierte Statements wie „Leipzig zeigt Courage“, was man auch kritisch betrachten kann. Auf der einen Seite sprechen sie von sich als Volk, auf der anderen Seite sprechen sie von sich als Stadt und damit unter den Teppich kehrend (sauber sauber, oho), dass Legida, Nazis, Rassismus nicht was Diffuses von außerhalb ist, sondern auch in dieser Stadt präsent.

    Und ich würde den Menschen, die ihre Ablehnung von allem wofür Legida steht eben genau so albern zum Ausdruck bringen, diese Form des Protests nicht zum Vorwurf machen. Ich denke, dass Menschen die auch nach Wochen immer wieder gegen Legida auf die Straße gehen (und sei es mit Einhornbild oder Bierparole), sich und ihren Protest durchaus ernst nehmen. Einige, dazu zähle ich mich auch, sind über solche weniger ernsten Momente ab und an froh, ohne den Protest dann gleich als Karneval anzusehen oder dem Ganzen die Ernsthaftigkeit abzusprechen. Es nimmt jedoch manchmal und kurzzeitig Anspannung raus. Das ist vielleicht keine immens wichtige Funktion, wirkt nicht bei jeder/m bzw. braucht das nicht jede/r. Das ist sicher Ansichtssache.

  2. Tom | 17. Februar 2015 | um 22:09 Uhr

    Servus Frau Stange,

    nur zum Thema „weinende Einhörner“ einige Gedanken meiner Seits, denn ich kann Ihren Affront nicht ganz nachvollziehen. Menschen machen sich mit lustigen Bildern und abstrusen Zeichnungen über „etwas lustig“. Man könnte das ganze schon fast als satirisch bezeichnen – verrückt. Aus meiner Perspektive ist nicht der nur der 100% seriöse Gegendemonstrant ein „wirklicher“ Gegendemonstrant, sondern jegliche Form von bunten oder ernsthaften Protest hat seine Berechtigung. Warum also die bunten, satirisch oder witzig gemeinten Plakate verschreien? Ich glaube hier gilt nicht der Grundsatz „Nur wer ernsthaft protestiert, demonstriert wirklich“, wohl mehr die Idee der Auseinandersetzung.
    Vielen Dank

  3. Klaus Bumpelhuber | 18. Februar 2015 | um 06:24 Uhr

    Gute Idee: nächsten Montag ziehe ich eine Warnweste an, befestige am Besenstiel ein Einhornbild und bringe noch eine Flöte mit, um auch ein paar Ratten zu fangen. Oder sollte ich besser den Wolf spielen, der sich den Schafspelz über zieht? Mein Gott, liebe Kreuzer-Leute, auf einer Gegendemo KANN es gar nicht um ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem kruden Zeug gehen, das die *Gida-Leute so von sich geben. Wir würden uns nur gegenseitig agitieren, während die, die sich für „das Volk“ halten, vor der Oper andächtig den Worten des Herrn Fröbel (&Co.) lauschen. Es kann nur darum gehen, gute und eindrucksvolle Bilder zu produzieren: wer hinter den *Gida-Leuten die Straße fegt, kann nicht gleichzeitig vor ihnen Barrikaden bauen und umgeworfene Mülltonnen anzünden, denn Letzteres sind Bilder, die unserer Sache mehr schaden als nutzen. Und last not least: wenn ich schon jede Woche extra nach Leipzig komme, dann will ich auch Spaß auf der Demo haben. Also immer her mit den lustigen Bildern und Metaphern! BIER TRINKT DAS VOLK! (und Schnaps)

  4. scheene | 18. Februar 2015 | um 10:42 Uhr

    Es passt zwar nicht in vollem Umfang hierher, aber loswerden möchte ich es trotzdem mal.

    …GIDA – eine mögliche Chance
    Etwas Satire am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.
    Es heimelt wieder in Deutschland, danke dafür – …GIDA.
    Endlich kann man wieder für oder gegen jemanden sein, egal wofürgegen, wir bilden eine Gruppe. Keine Political Correctness mehr. Wozu auch!? Wenn man sich sogar als toleranter Mensch gegen die paar „Anderen“ auch mal intolerant zeigen darf. So wird auch eine Gegendemonstration zur Party und Singlebörse. Ein Lösungsvorschlag für …GIDA!? Aber bitte nicht wie die Karnickel…
    So glaubt …GIDA sich im Recht, durch große Kundgebungen wieder etwas Großes in Deutschland zu bewegen. Das waren Zeiten, als es wirklich noch so war… Auch die Gegendemonstranten glauben hier etwas Historisches zu erreichen. Aber das Problem mit historisch einmaligen Ereignissen ist, dass sie eben einmalig sind. Schade eigentlich… Auf diese Weise würde jeder Demonstrant für einen anderen Demonstrant, natürlich abhängig seiner Parteinahme, zu einem historischen Äquivalent des Volkes oder der Mauer werden. Verzwickte Situation…
    Haben wir uns in einer Situation verrannt? Nein das kann man so nicht sagen, es ist ja alles – statistisch. Nur steckt die Wissenschaft seit Jahren in einer Krise. Was machen wir da nun? Gefühle sind immer gut, die sind da, fühlen sich manchmal auch nicht so gut an. Egal, gehen wir demonstrieren! Wogegen jetzt eigentlich: die Ausländer, Realität, Statistik oder Wissenschaft oder gegen unsere Gefühle? Bewegung ist gesund, hat meine Oma immer gesagt…
    Das Schöne an einer Demonstration ist übrigens, dass man da in den wenigsten Fällen allein ist und die Schulter meines Nachbarn fühlt sich irgendwie auch gut an. Wir reden endlich mal nicht über Belangloses, sondern über unsere Gefühle. Natürlich nicht direkt… Wir handeln! Ach nein, wir tauschen etwas aus – Empfindungen, Ängste, ziemlich ähnlich, ziemlich gleich – Verbundenheit. Das passiert übrigens auf beiden Seiten. Das merkt man an der Ernsthaftigkeit die an den Tag bzw. zu dieser Jahreszeit, an die Nacht gelegt wird. Gleiche Interessen machen wohl den Anderen interessant…
    Eingrenzung durch Ausgrenzung. Das haben wir doch auch schon tausende Male gehört. Egal funktioniert immer noch. Auf beiden Seiten? Ach, dieses Diskreditieren von beiden Seiten über beide Seiten, dass es manchmal schwer fällt zu sagen, auf welcher Seite nun eigentlich wer ist. Auf der Seite der Menschlichkeit hoffe ich ein bisschen. Ginge es nur um die Moral, hörte der Spaß auf. Denn wer glaubt durch Moralvorstellungen etwas Besseres zu sein, hat das Prinzip von Moralvorstellungen nicht verstanden. Da geht es ja eigentlich nicht um mich, sondern um den Wert meiner Mitmenschen.
    Ich wünsche mir, dass eine Lösung gefunden wird, mit der Alle leben können. Es geht wohl nicht nur darum Ausländer gut zu integrieren, sondern auch fehlgeleitete Inländer zu reintegrieren.
    Doch was will ich damit sagen?
    Ich bin froh ein EU-Bürger zu sein. Doch vergesst nicht liebe Friedensnobelpreisträgerinnen und -träger, diese Ehrung gibt es nur für Frieden.

  5. Sunshine | 18. Februar 2015 | um 23:16 Uhr

    Sehr geehrte Frau Stange,

    Ich bin die von Ihnen erwähnte Sunshine. Und ich habe den Waschzwang in Leipzig losgetreten.

    Ich bin gegen diese strenge deutsche „Sachlichkeitskultur“, die zwar in der Wissenschaft oft ihre Vorteile findet, aber nach meiner Auffassung eine äußerst hemmende Wirkung auf den Geist hat. (Daher kommt vielleicht auch unser mangelhafter Humor!)

    Sie haben ja gleich mal mehrere Baustellen aufgemacht:
    Das weinende Einhorn: Dialog findet nicht auf Plakaten statt. Ich wage die Behauptung, dass KEIN Legida-Anhänger das „Als Gott die Welt schuf, gab es keine Grenzen“ Plakat wahrgenommen hat.

    Zur Sauberkeit: Ein bisschen erzwungen wirkt es, eine Metapher mit historischen Pejorativen zu belegen. Dass diese Metapher mal für Minderheiten gebraucht wurde, macht sie nicht zu einem Tabu. Wir holen sie uns zurück!

    WIR empfinden nationalistisches, rassistisches, homophobes und menschenfeindliches Gedankengut als DRECK, der aus den Köpfen soll.
    Die Handvoll besorgter Bürger, die sich in Leipzig unter Neonazis, Hooligans, NPD-Kadern und sich zu Hitler bekennenden AfDlern mischen, werden wir weder mit Twitter noch mit Plakaten erreichen. Die maßlose Gehirnwäsche, die rechts getrieben wird, kann man AUF EINER GEGENDEMO in ihrem Kern weder von links noch von der Mitte bekämpfen.

    Unsere Aufgabe: Es ist witzig; irgendwer fing damit an, dass WIR den Dialog suchen, bieten und uns um ihn bemühen sollen. Wenn Dir etwas nicht gefällt, muss ich auf Dich zugehen und Dich zum Reden zwingen? Und wenn ich vor Dir stehe, weigerst Du Dich auch, mir zuzuhören oder gar überhaupt mit mir zu reden? WIR sind für die Weiterentwicklung Deines Geistes, für Deine Bildung zuständig?

    Auf einer Gegendemonstration?! Wenn uns ein paar Hundertschaften Polizei und eine Wannenburg trennen?!

    Unsere Aufgabe ist es, Protest zu organisieren und dazu zu motivieren. Wir bedienen uns vieler Metaphern. Wir ermutigen zum Weitermachen. Wir gehen hin. Wir wollen stören.

    Mal im Spiegel die eigene Nase suchen:
    Das Aufhängen an Kleinigkeiten. Sachlosigkeit. Vereinfachung. Verharmlosung. Keinen Dialog suchen. Keine politische Auseinandersetzung fördern. Arsen! Waschzwang! Sie, die Sie es nötig haben, mit genau dieser Metapher, die gerade mal in 4 Tweets vorkommt, ihren Artikel zu betiteln (hätte sonst niemand gelesen?). Hunderte Tweets laufen durch unseren #nolegida hashtag täglich und Sie halten sich an genau diesem einen fest, suchen Gemeinsamkeiten in völlig verfehltem Kontext, reimen sich Zusammenhänge und Bedeutungen zusammen, um dies anschließend zu veröffentlichen, ohne die Recherche zu vertiefen; oder haben Sie mich angesprochen, bevor Sie mich erwähnen, um eine Auseinandersetzung zu suchen bezüglich unseres Waschzwangs. Der mal nebenbei so entstand:
    Am 11.02. wurde folgender Legida-Satz gezwitschert: „Kurzinfo, MONTAG IST LEGIDATAG, (…)“.
    Woraufhin ich mit „Montag ist Waschtag“ antwortete. Hätte auch Montag ist LEGIDA-LÄUFT-NICHT-TAG heißen können, stilistisch schwach. Ziemlich harmlos. Dies wurde von 3 anderen Accounts aufgegriffen.

    Mit der Putzaktion in Dresden hatte es nichts zu tun außer, dass wir anscheinend auch das fremdenfeindliche Gedankengut bespickt mit der Sehnsucht nach einem Einparteiensystem und Positionspapiere, die von allem ein bisschen haben, was die nationalistische Ader in uns sucht, sich darin festkrallt und sich von mangelndem Wissen ernährt, als Dreck empfinden. Das macht uns noch nicht zu Waschsüchtigen.

    Dass ein bekennender Euthanasie-Befürworter sagt, dass das Verbot der Demo so ist, wie Kinderbeschützer einzusperren und Kinderschänder mit Kindern allein zu lassen, ist Dreck. Oder krank? Vielleicht sollten wir als nächste Metapher was mit Medizin Tweeten.

    Weiter.

    Was WIR im Gegenprotest tun können, ist, laut zu sein. Im schlimmsten Fall, Platz zu nehmen.

    Und warum denkt man jetzt, dass wir nicht genug oder nicht das Richtige tun? Weil wir uns dieser einen Metapher bedient haben, wie wir uns in den letzten Wochen vieler anderer bedienten? Oder eher, weil es nicht PERFEKT ist? Weil es nicht die ultimative Lösung ist? Hatten Sie während der Fußball-WM in Brasilien auch andauernd was an unseren Jungs zu bemängeln?
    Ist es dieses bedingungslose, elitäre Denken, das jede Spontanität im Keim erstickt, was uns fehlt und uns nun zum Mangel an Sachlichkeit oder gar Oberflächlichkeit verleitet? Sollen wir anstatt weinender Einhörner lieber Bücherempfehlungen auf unsere Plakate malen? Sollen wir anstatt „Refugees are welcome here“ und „Nationalismus raus aus den Köpfen“ die letzten Asyl- und Migrationsstatistiken rufen?!

    Haben Sie denn mal geschaut, ob wir noch andere Sachen zwitschern außer unserem Waschtag-Aufruf letzte Woche?

    Finden Sie, WIR, der GEGENPROTEST, sollten die Polizei nächsten Montag bitten, uns zu Legida zu lassen, damit wir die Handvoll besorgter Bürger fragen können, WARUM eigentlich Veränderung schlecht ist?

    Finden Sie, WIR, der GEGENPROTEST, nehmen durch seine Rhetorik dermaßen Einfluss auf die politische Auseinandersetzung?!

    Sind Sie ernsthaft der Überzeugung, dass die politische Auseinandersetzung mit Legida montags, um 19 Uhr auf dem Augustusplatz stattfinden KANN?!

    Ich nehme an, Sie waren schon mal da.

    Vielleicht waren Sie am Montag, dem 09.02., ebenfalls am Hauptbahnhof zum Blockieren. Vielleicht haben Sie mitbekommen, wie der junge Mann HINTER der Polizeikette vor dem Eingang „Antifaschista“ rief und kurz alles vor Schreck erstarrte. Haben Sie mitbekommen, wie der Polizist den jungen Mann zu uns rausgebeten hat, um ihn in letzter Sekunde, als er schon auf der „richtigen Seite“ der Polizeikette war, nochmal brutal und äußerst provozierend zu schubsen? Haben Sie anschließend mitbekommen, dass der junge Mann sich ruhig Richtung Polizist drehte und der Provokation mit Humor begegnete, etwas sagte, was alle kurz in schallendes Gelächter ausbrechen ließ? Und der mutmaßliche Genosse war nicht mal schwarz gekleidet. Man könnte meinen, es sei Vorsatz!

    Finden Sie ernsthaft, dass Humor und Satire, Einhörner, Biertrinker, Clowns und Superhelden, Polemik, Dramatik, ja, sogar Hygienemetaphern keine legitimen Mittel des friedlichen GEGENPROTESTS sind?

    Denken Sie wirklich und ernsthaft, dass der Einsatz dieser Mittel im GEGENPROTEST der politischen Auseinandersetzung, die in Kirchen, Vereinsveranstaltungen, auf Twitter und in Blogs stattfindet, im Weg steht?!
    Finden Sie nicht, dass die politische Auseinandersetzung mit einem Bildungsauftrag zusammenhängt, der nicht abends auf einer GEGENDEMO ausgeführt werden kann?

    Finden Sie nicht, dass dafür (z.B.) DIE PRESSE geeigneter ist? Mit ihren Medien und ihrer Reichweite. Und ihrer Glaubwürdigkeit.

    ?

    Oder haben Sie sich fälschlicherweise an einer Kleinigkeit festgehalten, die Sie vielleicht in einem Anflug von Einfallslosigkeit als Aufhänger genutzt haben, um (irgend)etwas zu schreiben (?)

    Meinen Sie nicht, dass Sie in diesem unsachlichen Übermut die POLITISCHE AUSEINANDERSETZUNG mit dem GEGENPROTEST verwechseln?

    Gegenprotest. Auf einer Gegendemonstration gibt es nur zwei Mittel:
    1. Die Lautstärke zum Stören
    2. Die Überzahl, um zu zeigen, dass VIEL MEHR Menschen KEINE Angst vor Überfremdung haben.

    Mehr Mittel haben wir nicht. Zumindest keine, die Kommunikativer wären. In dieser Sache.

    Die Plakate, Kostüme und unsere Hygiene-Tweets haben lediglich das Ziel, zu motivieren.
    Motivation, die zwar hauptsächlich von dem Entsetzen über diese Entwicklung lebt aber auch alle erwähnten Mittel braucht, um sich abends, WOCHE FÜR WOCHE, warm zu hüpfen.

    Manchmal steht man da, will lauter sein als der Typ, der „Lügenpresse“ ins Mikro brüllt, und kriegt auf einmal den Mund nicht auf.
    Ich verkrampfe, weil ich wahrnehme, wie der Polizist vor mir schmunzelt und uns nicht ernst nimmt. Und ich halte mich fest am letzten Mittel, das mir einfällt: der Hygiene-Tweet diese Woche, der Orks-Ärgern-Tweet der zweiten Woche oder der Morddrohungs-Tweet der dritten Woche.

    Sie vergleichen es mit Arsen. Ich möchte mal wissen, ob Sie belegen können, dass unsere 4 Hygiene-Tweets allen anderen Aktivitäten, die der politischen Auseinandersetzung dienen, tatsächlich geschadet haben oder schaden werden.

    Nicht?

    Deshalb scheint auch weiterhin die Sonne, auf unseren Plakaten und mit unseren Sprüchen, egal, wie viel brauner DRECK noch von unseren Straßen… ja… GEKEHRT werden muss.

    Sonnige und versöhnliche Grüße,
    Sunshine /@AllesSchoenHier

  6. Inch | 19. Februar 2015 | um 13:09 Uhr

    Ich bin fassungslos ob dieses Artikels. Es kommt mir vor wie eine Ohrfeige ins Geischt der Dresdner Gegenprotestanten, die kreativ symbolisch zeigen, was sie von Pegida und deren gedankengut halten. Es ist eine Ohrfeige ins Gesicht jedes Gegendemonstranten.
    Übrigens, ich habe versucht, mit Legida-Mitläufern zu diskutieren. Sowohl von Angesicht zu Angesciht als auch auf Facebook. Ich wurde angeschrien im ersten Fall und beleidigt im zweiten. Meine Argumente wollte niemand hören. Ich werde trotzdem weiter argumentieren. Beim Friseur, auf dem Markt, wo immer ich geandkenlos hergeplapperter Fremdenfeindlichkeit begegnen werde.
    Auf einer Gegendemo allerdings werde ich das nicht tun. Und ort freue ich mich am meisten über die witzigen Plakate.
    Ansonsten gebe ich sunshie recht. In allen Punkten.
    Ps.: Ich gehöre übrigens auch nicht zu denen, die nach jeder Demo schreien: Mit den Autonomen will ich aber nichts zu tun haben. Nur mals so und nebenbei bemerkt.
    Pss.: Rechtschreibfehler sind geschenkt

  7. Onlineredaktion | 20. Februar 2015 | um 15:23 Uhr

    Hello Sunshine,

    vielen Dank für den ausführlichen Kommentar zu meinem Beitrag. Dazu möchte ich als erstes mal klar stellen: Kritik ist keine Vollverurteilung. Der ein oder andere sprachliche Klogriff, oder weniger komische Rohrkrepierer bei noLegida stellt nicht den gesamten Protest infrage.

    Ich habe in erster Linie dargestellt, was m.E. das Problem mit der Sauberkeitsmetaphorik ist, und da meinen Sie, ich würde mich an “Kleinigkeiten” aufhängen.
    Ich meine, Metaphern haben Einfluss auf Handlungsstrategien. Das will ich nochmal an einem ganz anderen Beispiel erklären: Auf Demonstrationen, die sich im weitesten Sinne gegen Kapitalismus richten, bei den Occupy-Protesten beispielsweise, tauchten immer wieder Plakate auf, die Heuschrecken und Menschen mit verdächtig großen Nasen zeigten, auf denen sowas stand wie die “Die Menschheit gegen die Rothschilds” und so weiter. Selbst wenn ich mit diesen Protesten sympathisiere, finde ich diese Darstellungen gefährlich, denn sie sind
    entweder strukturell oder offen antisemitisch. Noch dazu ist diese personalisierte Kapitalismuskritik falsch, sie macht die “bösen Kapitalisten” als Schuldigen aus, gibt dem Unrecht Namen und Adresse.
    Diese Vorstellung, die viele Bilder kennt, verstellt den Blick auf die abstrakte Strukturen kapitalistischer Vergesellschaftung und bietet potentiell falsche “Lösungen”: Wenn Juden das Problem sind, dann müssen die halt weg. In die Richtung könnte eine mögliche Handlungsstrategie aussehen, die antisemitischen Stereotypen folgt. Letztlich verfolgten die meisten Aktivisten bei Occupy (oder wo auch immer) ihrem subjektiven Verständnis nach wohl keine antisemitischen Ziele und würden das wahrscheinlich auch abstreiten. Ein Dilemma.
    Trotzdem müssen m.E. diese Erscheinungen auch im Sinne des Protests ernstgenommen und kritisiert werden, selbst wenn sie marginal sind. Und das wurde (in der Linken) offensichtlich nicht ausreichend getan, denn wie ist es sonst möglich, dass die “Montags-Friedensdemos” (Anfang bis Mitte 2014) zu den größten Querfront-Veranstaltungen heranwuchsen, die die Bundesrepublik je gesehen hat? Rechte, Linke und Verschwörungstheoretiker gemeinsam gegen die grauen Eminenzen der FED, die Rothschilds usw.

    Inhaltlich hat dieses Beispiel wenig, strukturell aber viel mit unserer “Sauberkeitsdebatte” zu tun. Gerade Sie, die sich ja der Sauberkeitsmetaphorik bedienen, wollen sich scheinbar einerseits damit verteidigen, dass dieses Muster nur marginaler Teil der Proteste ist und mit der Putzaktion in Dresden nichts zu tun habe, aber dann wollen sie auf “historischen Pejorative” pfeifen und sich diese Metapher “zurückholen”. Versteh ich nicht.
    Angenommen, Fragen der “politischen Reinheit” wären tatsächlich Bestandteil hegemonialer Debatten. Was möchten Sie denjenigen entgegnen, die als nächstes Sie, als (linke) “Nestbeschmutzer” von der Straße fegen wollen? Je nach Standpunkt ist diese Rede ja universell anwendbar. Diese Debatte wäre sinnlos und bescheuert.

    Wenn ich von einer “politischen Auseinandersetzung” spreche, dann meine ich natürlich nicht, man soll den Legida-Leuten dies und das erklären. Ihr Protest ist über Strecken verrückt und bizarr, ihre Hookline bleibt der völkische Rassismus. Warum man mit denen nicht reden kann, sollte oder muss, wurde schon oft gesagt. Dagegen auf die Straße zu gehen ist wichtig und richtig. Parolen sind und müssen plakativ sein, allerdings gibt es dann aber immer noch solche und solche. An „Refugees are welcome here“ und „Nationalismus raus aus den Köpfen“ ist nichts auszusetzen. Wenn Sie fragen, “Finden Sie ernsthaft, dass Humor und Satire, Einhörner, Biertrinker, Clowns und Superhelden (…) keine legitimen Mittel des friedlichen GEGENPROTESTS sind?”, möchte ich fragen: Wo steht das? Ich greife das Beispiel mit diesem Einhorn auf und sage, ich finde es unpassend. Weil ich denke, die Gida-Bewegung ist Teil einer rechten Revolte, die das gesellschaftliche Klima nicht nur montagsabends, sondern insgesamt verschärft, und das kriegen derzeit vor allem Migranten tatsächlich zu spüren. Ein richtiges Problem. Ein Einhorn weint? – Grotesk. Würde man damit tatsächlich bei Legida rumlaufen, wär’s was anderes. Also Humor, Satire und Ironie sehr gerne, aber sowas sollte auch irgendwie funktionieren. Mohamed-Karrikaturen “funktionieren”, weil sie treffen. Sie sagen, dein Gott ist mir scheißegal, lass mich in Ruhe mit deiner Religion. “Bier trinkt das Volk” funktioniert in Anlehnung an “Wir sind das Volk” auch.

    Anyway, wenn Sie Kritik als “elitäres Denken” abtun möchten oder mir andere, niedere Motive unterstellen wollen, ist das schade, denn ich glaube nicht dass ich die “POLITISCHE AUSEINANDERSETZUNG mit dem GEGENPROTEST” vertausche. Nein, ich glaube, sie sollte Teil der Proteste sein und das ist sie ja auch. Ich halte das für wichtig, weil während und nach der rechten Revolte auf der Straße die politischen Deutungskämpfe darum auf anderen Ebenen ausgetragen werden. Auf der Straße rumstehen, Spaß haben, Leute ärgern, sich mit der Polizei rumschlagen – das ist gut. Die Chance, die die Aufmerksamkeit und der Zulauf für die NoLegida-Proteste bieten, sollte man auch nutzen. Für vertiefende politische Auseinandersetzung über Strategien, Ausrichtung und Zukunft des Protests. Auch um der Verflachung und Abnutzung zu entgehen, wegen der Sie nicht mehr schreiben konnten “MONTAG IST LEGIDATAG, (…)“, sondern kreativ auftrumpften mit „Montag ist Waschtag“.

    Ich sag herzliche Grüße und bis Montag,
    JENNNIFER STANGE

    Und ähm, ihre Jungs bei der Fußball-WM sind nicht meine Jungs. Ich hatte an denen also nicht auch noch irgendwas zu meckern, denn ich interessiere mich weder für Fußball noch für Deutschland.

  8. Klaus Bumpelhuber | 20. Februar 2015 | um 17:33 Uhr

    Sehr geehrte Frau Stange,
    wer kritisiert sollte auch Kritik einstecken und vertragen können. Weder hier noch bei Facebook finde ich auch nur einen einzigen Kommentar, der ihre Sichtweise teilt.
    Die Hygienemetapher hat Sunshine aufs Schönste verteidigt. Dem ist nicht unbedingt noch mehr hinzu zu fügen und zum Thema des weinenden Einhorns schrieb ich bereits in meinem Facebookkommentar: „…warum sich so viele am Einhorn fest beißen? Weil es, wie im vorletzten Absatz des Artikels völlig richtig attestiert, so schön „ins Leere läuft, weil sie nicht zutreffen und auf nichts zeigen“ (sorry, dass ich das Zitat nicht grammatisch an meinen Satz angepasst habe) und damit die Sinnentleertheit der *Gidaparolen aufs Genaueste karikiert und somit kein „scheinbarer“, sondern erstklassiger Spott ist.“ Auch wenn sie das trotz ihres unbestrittenen Bildungsstandes nicht erkennen konnten, so ist das Plakat doch zumindest amüsant und also für eine GEGENDEMO legitim.
    Was bleibt?
    Ihre Warnung, es könnte jemand aus den Metaphern eine falsche Handlungskonsequenz ziehen und bemühen dazu einige Parolen und Plakate der occupy-Bewegung als abschreckende Beispiele.
    Auch wenn ich ihre occupybezügliche Argumentation schon für leicht überzogen halte, dort partout Antisemitismus hinein zu interpretieren, mutet es für mich schon geradezu paranoid an, das mit unseren Gegendemos zu vergleichen. Ersteres ist eine Protestbewegung gegen ein bestehendes System und will durchaus zu Aktionen aufrufen. So etwas kann – da gebe ich ihnen Recht – unter Umständen durchaus in eine unerwünschte (wer will schon sagen, was richtig oder falsch ist – sie etwa???) Richtung gehen.
    Letzteres ist eine GEGENDEMO gegen eine „Bewegung“, die man nicht unkommentiert sich bewegen lassen darf. Im ersten Schritt kann es erst einmal nur darum gehen, den *Gida-Leuten durch pure Menge und Lautstärke zu verdeutlichen, dass sie durchaus NICHT das Volk, sondern nur ein kleiner Teil davon sind.
    Und genau hier liegt, wie Sunshine auch schon so schön erläutert hat, der eigentliche Sinn unserer lustigen Aktionen und Plakate, die von den *Gida-Leuten sowieso niemand versteht: es geht um unsere EIGENE Motivation. Es geht darum, selbst ein wenig Spaß zu haben, wenn es auch am nächsten Montag wieder heißt, sich die Beine in den Bauch zu stehen und sich den Ar*** abzufrieren, nur weil da ein paar ungebildete Biertischler und andere Fußballfreunde die nächste WM nicht abwarten können, um ihre Deutschlandfahnen schwenken zu dürfen.
    Und ich schließe mit einem Satz aus meinem obigen Kommentar zu ihrem Artikel: „Wer hinter den *Gida-Leuten die Straße fegt, kann nicht gleichzeitig vor ihnen Barrikaden bauen und umgeworfene Mülltonnen anzünden, denn Letzteres sind Bilder, die unserer Sache mehr schaden als nutzen.“
    MfG

  9. Wielheinz | 21. Februar 2015 | um 13:23 Uhr

    Sehr geehrte Frau Stange,

    ein großes Dankeschön für Ihre Gedanken, die ich so oder so ähnlich teile.
    Ich bin Dresdner und habe an einigen „Neujahrsputzen“ teilgenommen, wobei ich mich von Mal zu Mal unwohler gefühlt habe. Genau so wie beim Duktus der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen „PEGIDA“, wobei es die eigentlich nie wirklich gab. Stattdessen wurden die Anhänger der Bewegung per se als „Idioten“ beschimpft und pauschal in die Nazitonne gestopft. Gerade die linke Seite, die sich in ihrem Selbstverständnis für tolerant hält, zeigte ihr Unfähigkeit, Demokratie und eben Toleranz zu leben. Letztlich sind sie damit nicht viel besser als die, die sie bekämpfen.
    „Links“, so wie ich die politische Ausrichtung verstehe, hat immer etwas mit Empathie, echter Toleranz und Mut zum Diskurs zu tun, statt mit dem Rückzug hinter die eigenen Barrikaden.
    Konsequenterweise müssten wir, die wir gegen die Inhumanität von PEGIDA und deren Ableger auf die Straße gehen, einmal für die wirklichen Inhalte, die hinter dem Protest stehen, auf die Straße gehen. Aber da passiert nichts. Kein Mensch bekommt den Arsch hoch und geht beispielsweise für eine Reform des Bildungssystems, für eine anständige Grundrente oder bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße. Und das sind ja die Themen, die hinter dem Prostest gegen die absurde „Islamisierung des Abendlandes“ stehen. Es wäre ein Leichtes, einen großen Teil der PEGIDA-Anhänger auf die „richtige“ Seite zu ziehen. Aber vielleicht hat man schlicht Angst, dass es doch Gemeinsamkeiten bei den Ängsten und Wünschen geben könnte. Doch eigentlich ist doch das Finden von Gemeinsamkeiten eine schöne Chance, sich miteinander auseinanderzusetzen, anstatt sich in Gräben zurückzuziehen und sich von da aus zu bekämpfen. Dann braucht es auch keine absurden Großkonzerte mehr, die letztlich nur Spaßveranstaltungen sind um das lädierte Bild dieses Landes wieder zu kitten. Aber es scheint der deutsche Reflex zu sein, dass man gesellschaftlichen Problemen mit Lichterketten und lustigen Konzerten oder Aktionen begegnet, anstatt an die Ursachen für Unzufriedenheit, inhumanes Denken und diffuse Ängst zu gehen. Das war immer so und genau deshalb kommt es zu Phänomenen wie PEGIDA.

    Beste Grüße aus Dresden!

  10. Isabelle | 21. Februar 2015 | um 13:28 Uhr

    Frau Stange, ist das schon akademische Arroganz, was Sie hier vom Stapel lassen, oder sind Sie einfach in der pubertären Phase krampfhafter Selbstbehauptung und Überkritisierens stecken geblieben?
    Gift für die politische Auseinandersetzung ist es nicht die Dinge beim Namen zu nennen, sondern denen auf die Finger hauen zu wollen, die tatsächlich etwas unternehmen. Sie haben es selbst geschrieben, vor dem Neujahrsputz ist an Gegenbeteiligung gegen PEGIDA, die mittlerweile mehr als eindeutig von Seiten der Initiatoren der rechten Ecke zuzuordnen sind, nicht viel da gewesen.
    Wer sich nur aufregt, aber selbst keine gescheiten Vorschläge einbringen kann, sich nicht einmal die Mühe machen kann oder will, die Veranstalter zum Neujahrsputz zu befragen, sondern einfach dümmlich meckert, sorry, aber der ist aus meiner Sicht weitaus naiver.
    Damit wären dann Sie gemeint.
    Wer nicht einmal die Geschichte vom Rattenfänger kennt, geschweige denn versteht, wie sie in dem Zusammenhang gemeint ist und etwas von Beleidigungen schwafelt, etwas anderes als Geschwafel habe ich nämlich Ihrem Artikel nicht entnehmen können, der hat anscheinend immernoch nicht begriffen oder sehr erfolgreich ignoriert, dass seit der Entstehung von PEGIDA die Zahl der Angriffe auf ausländische Mitbürger um 120(!!!!!!)% gestiegen ist. Wie erklären Sie sich das, wenn nicht dadurch, dass durch PEGIDA die von Ihnen so hübsch in Gänsefüßchen gefassten Vorurteile verfestigt, ja, verstärkt haben? Dass sich gerade die rechte Ecke durch diese Bewegung bestätigt sieht und in der Masse stark fühlt wie lange nicht mehr? Sind Sie TATSÄCHLICH so IGNORANT nicht mitbekommen zu haben, wie sich der Hass und die Vorurteile gegenüber einer Religion wieder verstärkt auftreten, wie es damals auch beim Judentum aufgetreten ist? Wer spielt denn hier den Saubermann? Das sind doch Sie, die mit dem Finger auf die zeigt, die sich die Hände schmutzig machen, was man aufgrund Ihrer dürftigen Recherche ja nicht gerade von Ihnen behaupten kann! Sich einfach aus allem raushalten, genau das hat damals erst den Nazis die Macht geben können, die sie nie erreicht hätten, wären mehr Menschen gegen Sie aufgestanden! Es sind nicht allein die Leader und die Supporter, die eine Bewegung erstarken lassen, sondern auch der Mangel an Menschen, die dagegen aufstehen! Wenn Sie schon anmaßend genug sind, den Neujahrsputz derart durch den Dreck zu ziehen,wie wäre es mit produktiven Gegenvorschlägen von Ihrer Seite? Hat ihr Geschreibsel leider vermissen lassen.
    Anmerkung der kreuzer-Onlineredaktion: Wir haben den Kommentar an dieser Stelle gekürzt, weil er Beleidigungen enthielt.

  11. Solaris Post | 24. Februar 2015 | um 18:13 Uhr

    Ok, Frau Stange, wenn Sie den Leserinnen und Lesern so kommen, dann werden wir mal Klartext reden:

    Die heute vorherrschende außenpolitische Praxis des Interventionismus
    -gefährdet und untergräbt die internationale Sicherheit und Zusammenarbeit
    – greift bewusst und zielgerichtet in die souveränen Entscheidungsbefugnisse und –abläufe von Staaten sowie
    – in zwischenstaatlichen Beziehungen ein und
    – verletzt oder gefährdet völkerrechtlich geschützte Rechtsgüter,
    – fordert jährlich tausende Opfer in den Zivilbevölkerungen,
    – zerstört Infrastruktur, Grundversorgung, Gesundheits- und Bildungssysteme und die Lebensperspektiven der betroffenen Bevölkerungen auf Jahrzehnte hinaus
    – und ist Grundlage und Ursache für neuen Hass, Gewalt und Krieg zwischen den Völkern, Kulturen und Staaten.

    Die ehemals blockfreien, sozialistisch oder antiimperialistisch orientierten Entwicklungs- und Schwellenländer wurden verstärkt in den letzten 30 Jahren durch politische und militärische Strategien erpresst und unterworfen, um ihre Einbindung in den westlichen Kapitalismus wieder herzustellen. Dazu diente u.a. das Konzept des low-intensity-warfare, die Ausbildung, Bewaffnung und Einschleusung krimineller, verfassungs- und regierungsfeindlicher Banden (z.B. in Nicaragua, Angola, Kolumbien, Kroatien, Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Irak, Pakistan, Iran, Libyen, Syrien, Ukraine…). Flankiert wurde und wird dieser offene Interventionismus durch die Förderung von gleichgeschalteten Massenmedien, durch die Beeinflussung von Organisationen der internationalen Sicherheit (UNO), durch die Instrumentalisierung und einseitige Ausrichtung der Entwicklungshilfe und des internationalen Finanz- und Handelssystems (Beispiele: IWF, Weltbank, Washington Consensus, Welthandelsorgansation, Schuldenfalle…).

    In den jugoslawischen Folgestaaten wurden die entstandenen gewaltförmigen Konflikte als Begründung genutzt, militärisch einzugreifen („humanitäre Intervention“). In allen intervenierten Staaten wurden in der Folge die Staatsorganisation, das Wirtschaftssystem, die Eigentumsverhältnisse und die Verfassung durch äußeren Druck oder durch unmittelbare Direktive (z.B. in Bosnien, Irak, Afghanistan) verändert und an die Vorstellung der Nato/EU-Eliten angepasst. Dieser weltweiten Interventionsstrategie, haben sich alle Bundesregierungen seit den frühen 1990ziger Jahren in zunehmendem Maße verpflichtet gefühlt und angeschlossen. Somit natürlich auch die Parteiführungen von SPD und Grüne. Eine schwerwiegende und besonders gefährliche Form des Interventionismus ist der Staatsterrorismus. Staatsterrorismus tritt auch in privatisierter Form auf und korrespondiert mit den Formen der Privatisierung von Politik im allgemeinen: Private Militärorganisationen, unkontrollierbare Sub-Strukturen in Nachrichtendiensten und logenähnlich-klandestine Gruppen mit Anbindung an Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes kommen als Organisator, Auftragnehmer oder Vermittler in Frage. Als Auftraggeber können in diesen Fällen sowohl staatliche wie auch nichtstaatliche Akteure des „Geld-Macht-Komplexes“(Krysmanski) vermutet werden. Naturgemäß entzieht sich die Analyse des Staatsterrorismus (aufgrund der fehlenden Informationen) einer rechtsverbindlichen oder gar wissenschaftlichen Darstellung und Aufarbeitung.

    Evident ist jedoch, dass seit dem 11.9. 2001 ganz offensichtlich unter dem Anspruch Terror zu bekämpfen, Terror gegen die Bevölkerungen vieler Staaten angewendet wird.

    Schlussfolgerung für Linke:
    Personen, die durch ihr politisches Handeln, die heute weitverbreitete außenpolitische Praxis des Interventionismus verschleiern, verharmlosen oder gar gutheißen, sollten sich lieber nicht auf Menschenrechte und Humanität berufen, denn das wäre dann praktizierte kognitive Dissonanz.

  12. Tobias Prüwer | 25. Februar 2015 | um 02:53 Uhr

    Sehr geehrte Isabelle,

    wenn man über eine Protestform und ihre Wirkung muss man eben nicht mit den Initiatoren sprechen. Ich muss ja auch keinen Literaten fragen, wie er seinen Roman gemeint hat. Und unsere Autorin hat im Text ja nicht den Protest an sich kritisiert, wie sie u.a. unterstellen. Das hat sie in ihrer Reaktion hier im Kommentarbereich übrigens noch einmal unterstrichen. Wie Sie ableiten, dass sie als Schreibtischtäterin an nichts Interesse hätte, als andere zu kritisieren, erschließt sich mir nicht.

    Sehr geehrter Klaus Bumpelhuber,

    im Kommentar der Autorin steht doch klipp und klar, dass sie Anti-Legida und Occupy nicht vergleicht, sondern ein Beispiel bringt, wie in Protesten mit – in ihren Augen richtigem Anliegen – auch gefährliche Bilder/Metapher auftauchen können. Wie Sie darauf kommen, sie hätte Occupy insgesamt als Bewegung als antisemitisch bezeichnet, kann ich nicht nachvollziehen. Und würde die Redaktion – oder Teile davon – hinter dem Beitrag stehen, wäre er hier nie erschienen, da zu Ihrem Hinweis, niemand würde diese Meinung teilen. Er war gedacht als Debattenbeitrag innerhalb des Protestes, als inhärente Kritik, nicht Gegenprotest. Dass er von einigen als Frontalangriff gewertet wird, sagt dann wohl auch etwas über Teile des Protestes aus.

    Tobias Prüwer (Chefredakteur in Elternzeitvertretung)

  13. Felix | 25. Februar 2015 | um 20:59 Uhr

    Irgendwie läuft nicht das Plakat in die Leere, sondern Ihre Artikel hier. Wirkt wie ein bisschen heiße Luft um nichts. Aber jedem sein seine fünf Minuten Erfolg gegönnt, auch wenn diese mit „Kritiken“ ala „alles andere ist doof“/ „ich weiß es besser“ erwirkt wird.