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Legida? Verschwende deine Lebenszeit!

Jetzt liefen sie wieder, wurden ausgepfiffen und blockiert. Was nun?

Aus Sicht der Gegendemonstranten Größeres Bild

Nein, es kann nicht sein, dass Nazis, Rassisten und der besorgte Rest, der sich unter Legida zusammenfindet, unwidersprochen bleiben. Aber Unlust zu verspüren, sich wegen diesem Wanderkessel jede Woche den Montagabend zu verderben, ist auch legitim. Wer verschwendet schon gern Lebenszeit?

Zu den Fakten am Montag (23.2). Zur fünften Veranstaltung trafen sich noch weniger fürs Abfeiern des Nationalbewusstseins als vergangene Woche. Legida lief, wenn auch nur ein Fitzelchen ihrer favorisierten Ringstrecke, mit der sie an eine Tradition anzuknüpfen versuchen, von der sie keine Ahnung haben. Den frühen Montagsdemos ging es 1989 eben nicht um nationale Großmannsucht, Engstirnigkeit und das Ausschalten aller anderen Meinungen, die nicht die eigene abbildet. So kamen um die 500 auf dem Augustusplatz vor der Oper zusammen – letzte Woche waren es noch 100 mehr –, um 19 Uhr mit einer Kundgebung zu beginnen und danach durch verwaiste Straßenzüge zu latschen. Dabei wurden sie von Polizei in dreifacher Stärke (1.500) beschützt und von Gegendemonstrantenlärm stets begleitet.

Auf der Gegenkundgebung von Legida – Das Original waren ab 18 Uhr bereits 600 bis 700 Menschen vor dem Mendebrunnen auf dem Augustplatz versammelt, um die Antialkoholisierung des Abendlandes als Persiflage anzuprangern. Zuvor war der Kerzenzug von der Nikolaikirche mit vielleicht knapp 200 Teilnehmern gestartet. Mehrere 100 gesellten sich dann zu den Menschen am Mendebrunnen, als die Polizei Gegenprotestler aus dem Park am Schwanenteich auseinandertrieb, wo zuvor eine weitere Kundgebung stattfand. Insgesamt lässt sich die Zahl der Protestierenden schwer bestimmen, da immer wieder kleinere und größere Gruppen unterwegs waren. Es werden, so die vorsichtige kreuzer-Schätzung, mindestens 2.000 gewesen sein. Eine Blockade in der Querstraße und mehrere Versuche – inklusive rabiatem Polizeieinsatz mit Pfefferspray – später kamen die Legidisten kurz nach 21 Uhr wieder auf dem Augustusplatz an. Route: Georgiring zum Wintergartenhochhaus, Wintergartenstraße, Chopin-Straße, Salomonstraße, Dresdner Straße. Um 21.30 wurden sie dann wiederum über das Stückchen Ring zur Ostseite des Hauptbahnhofs von der Polizei begleitet.

Ansonsten: Business as usual. »Lügenpresse«, »Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen«, »Jung muss weg« und natürlich »Wir sind das Volk!« Eine zwischen freundlich und aggressiv agierende Polizei. Wieder hatten sich viele Legidisten vermummt, zeigten sich offen gewaltbereit, warfen vereinzelt Pyrotechnik. Das schien nicht zu stören, während die Polizei immer wieder gern einzelne Leute aus den Gruppen von Gegenprotestierenden herauszog, um die Personalien festzustellen. Als Begründung wurde lediglich auf die ominöse »Gefahrenzone« verwiesen, die in Leipzig in letzter Zeit öfter auftaucht. Nur weiß man stets erst hinterher, dass man sich in einer solchen befand. Fest- oder Gewahrsamnahmen hat es laut Polizeibericht nicht gegeben.

Und was soll das Ganze? Lebenszeitveredlung, kann man auf Legida-Seite vermuten. Immer nur Kommentare schreiben, sich auf einschlägigen Webseiten zu tummeln und gegenseitig den Opferstatus im armen Deutschland zu attestieren, reicht eben nicht aus. Man will nicht nur eine Bewegung sein, sondern gleich das ganze Volk. Wie lächerlich das wirkt, zeitgleich von der Bevölkerung niedergebrüllt zu werden, merken sie dabei nicht. Alles »rot lackierte Faschisten«, die entweder studieren oder Häuser besetzen. Liest man sich bei Legida fest, wird das wirre Bild, das die Legida abgibt, nicht klarer. Mit »Islamismuskritik«, die auch Leipziger Medien ihnen bescheinigen, hat das nichts zu tun. Da ist eine irre Wut auf alles und nichts zu vernehmen, Antiintellektualismus und schlicht Dummheit. Menschen mit geschlossenen Weltbildern regen sich darüber auf, dass andere angeblich Scheuklappen tragen. Sie wären heute schon zehntausende auf Leipzigs Straßen, wenn die böse Antifa nicht wäre… Volksverdummung muss man solch autosuggestives Abrichten wohl nennen. Und dann ist immer wieder zu lesen, dass die zwei aus Bad Dürrenberg wiederkommen, die aus Halle auch. Wie ernst soll man das denn nehmen? Menschen fahren in eine andere Stadt, um die Abwahl des dortigen Oberbürgermeisters zu fordern? Ist das nicht eine Art von »Überfremdung« – würde man dieses Wort wirklich benutzen wollen? Im Ernst: Legida ist kein Auswärtigenproblem, die kommen nur noch hinzu. Viele sind es nicht, die anderen die Lebenszeit rauben, aber genügend.

Man wird Legida aber nicht los, wenn sie von der Straße sind. Ein Gespenst bleibt nicht weniger gefährlich, nur weil man es gerade nicht sieht. Und »gefährlich« meint in erster Linie nicht die Schlägernazis und Hooligans, sondern dass sie Diskurse verschieben können. Die Art und Weise, wie man über Rassisten spricht, dass hinsichtlich der Flüchtlinge noch mehr die Boot-ist-voll-Metaphorik in die Medien und Politik drängt. Was tun? Legidisten sind Legidisten, weil sie welche sein wollen, kann man Wiglaf Droste (»Mit Nazis reden«) paraphrasieren: »Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc.« Aufklären, sie dazu zu bewegen, sich mit Fakten, anderen Meinungen etc. auseinanderzusetzen, wird man sie sicherlich nicht. Via Facebook & Co. geht das schon gar nicht. Die verschiedenen Versuche aus Dresden und Leipzig, ins Gespräch zu kommen, waren da auch erwartbar ernüchternd. (Meinungs-)Bildung hat schließlich auch etwas mit Selbstreflexion zu tun, mit dem Willen zu Einsichten. Das kann man nicht verordnen. »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« ist ein viel zu sperriges Wort für Leute, die gern nach unten treten, weil sie gern nach unten treten. Und dafür muss man nicht »rechts« sein, kann als »ganz normaler« Bürger gelten. Das ist die Erkenntnis, den Gida hier, Gida da offenbart. Nicht, dass man nicht schon vorher wusste, wie ein Teil deutscher Köpfe verfasst ist. »Verschwende Deine Lebenszeit!«, das muss wohl in Kauf nehmen, wer Legida in die Grenzen weisen und ihnen nicht die Öffentlichkeit überlassen will. So ermüdend das ist.

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10 Kommentare

  1. Micha | 24. Februar 2015 | um 09:18 Uhr

    Nur ein stilistischer Hinweis: Einen Text mit knapp 900 Wörter ohne einen einzigen Absatz zu lesen, ist eine Qual. Ich habe mittendrin aufgegeben.

    Andere Medien und Journalisten bekommen das doch auch hin. Bitte gebt euch einen Ruck und macht den Text besser lesbar.

  2. Onlineredaktion | 24. Februar 2015 | um 11:37 Uhr

    Ja, das war ein Formatfehler (normalerweise bekommen auch wir Absätze hin), tut uns leid. Wir haben es nun verbessert.

  3. Unbeeindruckt | 24. Februar 2015 | um 17:36 Uhr

    Herausragende Zusammenfassung der aktuellen Lage. LEGIDA ist ein Aufmarsch von Rechten und Mitläufern, die einem Müllauto hinterlaufen würden, wenn es ihnen die Möglichkeit böte, sich zugehörig zu fühlen. Bedauerliche Geschöpfe (NICHT bedauernsWERT, wohlgemerkt!)

  4. Solaris Post | 24. Februar 2015 | um 18:00 Uhr

    Was ist eigentlich los? Menschen gehen auf die Straße heute im Jahr 2015. Solche und solche, einige wollen „…Diskurse verschieben können“. Das stimmt. Möglicherweise ist das notwendig.

    Den Winter 1989/90 haben wir alle, die in der DDR aufwuchsen, als real existierenden Ausnahmezustand erlebt. Kein Wort verdeutlichte das besser als: „Wahnsinn“. Ausdruck von Freude und Hoffnung. Und Zeichen eines Schockzustandes, der zu einer politischen Bewusstlosigkeit führte. Die Bevölkerung der DDR konnte bis zur Selbstauflösung ihres Staates nicht mehr zur Besinnung kommen. Es hatte sich zwar ein Fenster der Geschichte unverhofft geöffnet, doch der Ausblick war und blieb verstellt.

    Wir erinnern uns, dass 1989/90 trotz der vielen Runden Tische, die Zeit zur Selbstverständigung gefehlt hat. Jeder hatte genug damit zu tun, die Auflösung des autoritären DDR-Systems emotional zu verarbeiten und bisher Unausgesprochenes zur Sprache zu bringen, Ungesehenes zu sehen oder lange Vorenthaltenes nachzuholen. Eine Vorstellung von Zukunft war unter diesen Umständen kaum möglich. Die DDR-Bürger, die im Land bleiben wollten -und das waren doch 90 Prozent der Bevölkerung – hatten keine Zeit für eine breite selbstbestimmte Diskussion über die Frage in welchen Land sie eigentlich leben wollten. Das Schicksal des Verfassungsentwurfes vom 4. April 1990 zeigt dies überdeutlich: Der Verfassungsentwurf des zentralen Runden Tisches in Berlin wurde am 12.3. 1990 der Öffentlichkeit vorgestellt. In dem Begleitschreiben vom 4.4. 1990 heißt es: „Der Entwurf hat damit die Zustimmung der Repräsentanten all jener Parteien und Vereinigungen gefunden, die den Runden Tisch bildeten und die in der neugewählten Volkskammer eine verfassungsgebende Mehrheit besitzen“. Dieser scheiterte jedoch bereits am 26.4. Die Volkskammer lehnte es ab, den Entwurf auch nur zur Beratung an den Ausschuss zu überweisen.

    Das Ergebnis der Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 war in erster Linie eine Absage an die alte Staatspartei. Die Bürgerrechtler der DDR hatten zu diesem Zeitpunkt keine administrative Erfahrung und kaum wirtschaftliche Kompetenz. Aus diesen Gründen war das Votum verständlich. Die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger jedoch, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht annähernd abschätzen, welch radikale Konsequenzen ihr überschwengliches Votum (für die CDU) auf ihre zukünftige Lebenswelt haben wird. Diese Wahlen bildeten keine Legitimationsgrundlage für die Selbstabschaffung der DDR. Dazu hätte es eines eigens für dieses Ziel ausgearbeiteten und abgestuften Verfahrens bedurft. Das Ziel der staatlichen Einheit fand natürlich breite Zustimmung im „Volk“. Aber Grundprinzipien, Zeitrahmen sowie Verfahrensweise, dieses in der Geschichte einmaligen Prozesses wurden festgelegt, ohne die Meinung der Bürger in Ost und West überhaupt einzuholen. Die Inhalte des ersten und zweiten Staatsvertrages wurden nicht öffentlich debattiert, sondern wurden als fertiger Entwurfstext der ostdeutschen Seite präsentiert. In der Frage des Treuhandvermögens gab es für die DDR keinen Verhandlungsspielraum. Das sagte z.B. Walter Romberg (letzter DDR-Finanzminister) in einem Interview in „Neues Deutschland“ vom 1./2. Juli 2000. Außerdem erinnerte er, dass ein Strukturanpassungskonzept für die DDR-Industrie „zum Kern einer Wirtschafts – und Währungsunion gehören muß. Aber die westdeutsche Seite war nicht bereit, darüber zu sprechen.“ Alle diesbezüglichen Forderungen wurden abgewiesen.
    Annexion? Nein, sicher nicht, das gibts nur in Russland.

    Um es zu verallgemeinern: In einer historischen Krisen-Situation, in der schlagartig deutlich wird, das Alte geht nicht mehr so weiter, versuchen alle Machtgruppen den Faktor Zeit zu nutzen, um ihre neuen Regeln ohne Diskussion durchzudrücken. Das Neue soll für die herrschenden Kreise kalkulierbar werden und nicht dem Willen der Mehrheitsbevölkerung unterworfen werden. Bestes Beispiel: das ohne Diskussion innerhalb einer Woche durchgepeitschte, angeblich alternativlose Bankenrettungsprogramm im Herbst 2008. Demokratische Verfahren wurden ausgehebelt und der Bürger heute bis zur nächsten Generation bürgt für alles.

    Es lässt nichts Gutes ahnen, für die Zukunft.