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Kein Viertel wie alle anderen

Aus aktuellem Anlass: Sascha Langes Artikel über den Mythos Connewitz

Illustration: Annabell Goldacker Größeres Bild

In der Februarausgabe des kreuzer widmete sich die Titelgeschichte den Mythen der Stadt Leipzig. Gerade ist Connewitz wieder häufiger im Gespräch, wird in der Presse als »Rückzugsraum der autonomen Szene« (LVZ, 10.6.15) verteufelt. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Text von Sascha Lange über den Stadtteil im Leipziger Süden.

Frühsommer 1989, Brandvorwerkstraße, Südvorstadt. Die Sonne scheint und noch ahnt niemand, dass die DDR bald Geschichte ist. Vor mir läuft ein Kinderfascho, kaum 14 Jahre alt: straffer Scheitel, Röhrenjeans, Arbeitsschuhe als Spingerstiefelersatz. Mich als schwarz gekleideter Depeche-Mode-Dave-Gahan-Klon durchzuckt zunächst der obligatorische Fluchtreflex, doch mit dem Näherkommen sehe ich, dass er zwei Nummern kleiner ist als ich. Mein Selbstbewusstsein steigt. Gewaltbereitschaft ist für mich noch ein Fremdwort, stattdessen lache ich ihm mitten ins Gesicht, ich lache ihn aus. »Eh, bist du auch aus Connewitz?«, fragt er mich unsicher. »Die Punks dort sind übel. Nach Connewitz würde ich mich nur mit 50 Mann trauen, 20 sind noch zu wenig.« Ich hab keine Ahnung, wovon er spricht, nicke aber bestätigend und werfe ihm noch ein mutiges: »Verpiss dich!« hinterher. Er verpisst sich. Meine erste Begegnung mit dem Mythos Connewitz.

Ein halbes Jahr später: Montagsdemos, Mauerfall, immer mehr Rufe nach sofortiger Wiedervereinigung. Abweichende Meinungen werden gnadenlos ausgepfiffen. Die ursprüngliche Forderung nach einem demokratischen Sozialismus ist Anfang 1990 schon vergessen. Also wieder Flucht in die Nische. In der naTo findet zum Jahreswechsel ein Punkkonzert statt. An einer Wand hängen Listen von leeren Häusern in Connewitz, die man besetzen solle, um den weiteren Abriss des Stadtviertels zu verhindern. Innerhalb eines Jahres sind es etwa 15 Projekte, verschiedene Kulturläden wie das Conne Island, UT Connewitz und die Distillery kommen später hinzu. Das Abrissviertel wird eine Insel für Hippies, Punks, Gruftis, für junge Linke jenseits der Parteien. Die Ideen sind vielfältig: selbstverwaltete Freiräume, Platz für politische Alternativen, kein Stress mit Faschos, Fun und Action.

Doch ab dem 3. Oktober 1990 gehört Connewitz zur Bundesrepublik. Faschos kommen regelmäßig mit Autokonvois in die Stockartstraße, werfen Brandsätze und prügeln vermeintliche Linke ins Krankenhaus. Polizei? Hat mit sich zu tun. Gegen solche Angriffe helfen nur festungsartig verbarrikadierte Häuser, weithin hörbare Alarmsirenen und entschlossene Menschen, die sich auf der Straße dem Nazimob entgegenstellen – nicht nur in Connewitz, sondern in ganz Leipzig –, geboren aus der Notwendigkeit des Selbstschutzes. Er führt dazu, dass Faschos heute um Connewitz und Leipzig einen Bogen machen und unterschiedlichste nichtrechte Jugendkulturen hier eine relativ ungestörte Heimat fanden.

Doch 1990 interessiert sich der neue Leipziger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube aus Hannover nicht für die Faschoüberfälle, sondern will in Connewitz vor allem »kein Refugium für Anarchisten und Chaoten«. Der Stadtteil wird zum ordnungspolitischen Problem gemacht, das es zu befrieden gilt – wahlweise mit Streetworkern, Knebelverträgen für besetzte Häuser oder durch die Polizei. Die alte Blockpartei CDU will besser gleich alles räumen lassen. Und in Leipzig-Holzhausen, Hoyerswerda, Rostock und anderswo brennen 1991/92 die Flüchtlingsheime.

In dieser aufgeheizten Stimmung schießt Ende November 1992 eine Polizistin auf der Suche nach einem Autodieb in Connewitz einem 17-jährigen Punk in den Bauch – in angeblicher Notwehr. Gerüchte eines Toten und der bevorstehenden Räumung aller besetzten Häuser führen zu zahlreichen Barrikaden durch Hunderte Jugendliche, die entschlossen sind, ihren Kiez nicht herzugeben. Es folgt die größte Straßenschlacht in Leipzig seit dem 17. Juni 1953.

Mitte der neunziger Jahre werden schließlich die meisten Hausprojekte legalisiert. Die Situation entspannt sich vorerst und Connewitz wird vor allem durch seine vielen Kulturprojekte und politischen Initiativen bekannt – und durch Schneeballschlachten.

Dieses Connewitz gibt es jetzt seit 25 Jahren und es polarisiert bis heute. Scheinbar alles, was dort unangemeldet im öffentlichen Raum passiert, fordert die Staatsmacht heraus – mehr als in anderen Stadtteilen. Ein Polizeiposten wurde deswegen eröffnet und kürzlich testosterongeschwängert von Vermummten angegriffen, das Connewitzer Kreuz ist seit Jahren videoüberwacht. In der angrenzenden Südvorstadt wurden, bei sinkender Tendenz, 2012 und 2013 jeweils mehr Straftaten verübt, aber dort findet man keine Videokamera.

Ohne das, was vor knapp 25 Jahren in Connewitz entstanden ist, wäre Leipzig die langweiligste Stadt im Osten – gleich nach Chemnitz und Magdeburg. Alle Gaststätten schlössen 22 Uhr, überall hausgroße Plakate mit dem Konterfei von Stanislaw Tillich im Nadelstreifen und die einzige Musik, die 24 Stunden am Tag gespielt werden dürfte, wäre von Johann Sebastian Bach und Helene Fischer. Dazu darf es nie kommen.

Dieser Text erschien in der Februar-Ausgabe des kreuzer.

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