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Theaterkritik

Vierteljahrhunderttheater

Alte und neue Gesichter: Die 25. Euro-Scene konnte sich sehen lassen

  Vierteljahrhunderttheater | Alte und neue Gesichter: Die 25. Euro-Scene konnte sich sehen lassen

Unter dem Motto »25 Jahre – ein Fest« übte die diesjährige Euro-Scene den Blick zurück und feierte das Medium Theater. An sechs Tagen waren bis Sonntag 15 Gastspiele aus elf Ländern zu erleben. Darunter fanden sich alte Bekannte und Neuentdeckungen. Mit einer interessanten Mischung aus musealem Anstrich und aktueller Ästhetik zeigte sich der Auftakt »Rosas danst Rosas«. Das gut 30 Jahre alte Tanzstück von Anne Teresa Keersmaeker spaltete einst die Gemüter und war Wegbereiter einer neuen Sprache. Begeistern konnten die vier Frauen, die mit schwungvollen Wiederholungen die Bewegungen des klassischen Tanzes auseinandernahmen, auch heute.

Neben Keersmaeker kehrte auch Alain Platel nach Leipzig zurück. Man muss ihn schon einen Dauergast nennen, der eigentlich immer eine überzeugende Arbeit mit im Gepäck hat. Sein fantastisches Blaskapellenstück »En avant, marche!« übertraf aber alles Erwartbare. Inhaltlich um das Sterben eines alten Posaunisten angelegt, fesselte diese Mischung aus Musik, Theater und Tanz durch ihre tiefe Emotionalität und gleichzeitige Leichtigkeit. Unterstützt durch die Leipziger Blasorchester Holzhausen und Liebertwolkwitz standen hier bis zu 50 Mann auf der Bühne und ließen klassische Musik von Bach bis Mahler in unerhörter Form erklingen, tanzten und spielten dazu. Blaskappellen, so lernte man hier nebenbei, sind nicht vorbehalten für Militär, Bierzelt und Karneval.

Unter den neuen Gesichtern auf dem Festival stach Choreografin und Tänzerin Sylvia Carmada besonders hervor. In zwei miteinander verbundenen Tanzsolos widmete sie sich dem Thema Gewalt und Machtlosigkeit. Sehr ansehnlich gelang ihr der Wechsel von energetischer Pose ins menschlich-zerbrechliche Elend. Dann entfesselte sie einen wilden Ritt durch Ravels »Bolero« und inszenierte ein brachiales, den Blick bannendes Ritual der Selbstaufopferung.

Der Publikumsandrang war groß, die Euro-Scene selbst sprach spricht von 95 Prozent Auslastung. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren herrschte unter den Zuschauern eine deutlich bessere Stimmung. Sie strömten nicht wie sonst sofort nach der Vorstellung aus den Theatersälen, sondern blieben noch und diskutierten oder plauderten bei einem Getränk. Man wollte nicht nur Theater sehen, sondern sich auch darüber austauschen. Schon die Eröffnung am Dienstag lief bis nach Mitternacht, auf der Festivalparty am Samstag tanzte man bis in den Morgen.

Natürlich kann man kritisieren – und das taten auch einige Besucher –, dass die Euro-Scene eher eine Abspielstation bereits gefeierter Produktionen ist und Neuentdeckungen oft nicht dabei sind. Da mag etwas Wahres dran sein, wobei gerade unter den kleineren Formaten auch weniger große Namen dabei sind. Andererseits ist es aber auch keine geringe Leistung der Euro-Scene, doch jedes Jahr wieder qualitativ Hochwertiges einem interessierten Publikum zu zeigen, das vielleicht nicht extra halb Europa bereisen möchte oder kann.


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