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Geld her oder ich nerve

Am virtuellen Stammtisch reden alle immer nur von Crowdfunding

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Crowdfunding nervt. Ständig mailt jemand, postet, twittert, erinnert und sagt nochmal Bescheid, dass er gerade für sein tolles Projekt Geld braucht. Man hat das Gefühl, dass es jeden Tag mehr werden. Inzwischen macht man es sogar selber.

Denn eigentlich ist Crowdfunding eine gute Sache. Man kann seine Idee umsetzen, ohne einen riskanten Kredit aufzunehmen oder von irgendwelchen Großsponsoren, Label-Chefs, Kapitalistenschweinen oder anderen bösen Menschen abhängig zu sein, die einem erklären wollen, dass sich die eigene Schnapsidee unter marktanalytischen Aspekten nicht lohnt. Denn ey, sag das mal dem Mann, der für seinen Kartoffelsalat über 55.000 Dollar bekommen hat. Einfach, weil das Internet halt völlig bekloppt ist.

Inzwischen hat sich Crowdfunding als Finanzierungsoption durchgesetzt. Für Leute, die gerne aus dem Knast rauskommen oder erst gar nicht hinein wollen, für Musiker, die sich damit ihre nächste Platte finanzieren, für Unterstützer von Flüchtlingen. Selbst Tick, Trick und Track sammeln inzwischen im Entnet Spenden (weil die Fernsehsender keine guten Serien wie »Breaking Duck« oder »Mad Duck« zeigen).

Crowdfunding nervt dennoch. Noch viel mehr, wenn man nicht Spender, sonder Starter ist. Ganz abgesehen davon, dass man ein schickes Video drehen, sich einen flippigen Text ausdenken und herausragende Dankeschöns besorgen muss, muss man schließlich dann selbst alle nerven und anbetteln. Inzwischen gibt es dafür allerdings auch den neuen Berufszweig des Crowdfundingberaters, der einem dann dabei hilft.

Was der genau macht, weiß ich nicht, aber vielleicht hätte er verhindern können, dass ich nach dem Hochladen eines Crowdfunding-Videos namens »Juchee, Kartoffelfee« bei jedem Mal Mailchecken, Youtube-Video anschauen oder sonstiger Internetrecherche von Google mit »Hallo, Kartoffelfee« begrüßt werde und leider auch zwei Wochen, ohne es zu merken, unter diesem Absender-Namen meine Mails verschickt habe – unter anderem an einen Vertreter der Stadt, einen Redakteur einer Tageszeitung und einen mir unbekannten Jungen in Palermo.

Vielleicht wäre ein Crowdfunding-Berater auch für den jungen Mann hilfreich gewesen, der an den schönsten Plätzen von Amerika ein Foto von seinem nackten Arsch machen wollte und dafür leider nur 184 Dollar statt der gewünschten 154.000 Reisekosten erhielt. Denn ja, Seiten wie Kickstarter, Startnext oder die Leipziger Vision-Bakery sind auch Sammelsurien des Scheiterns.

Andere Frage: Ist das Crowdfunding-Video eigentlich schon als eigene Kunstform etabliert? Als journalistisches Format? Als DIY-Werbefilm? Ein Best-of von Ich-stelle-mich-hier-einfach-mal-vor-die-Kamera-und-erzähl-euch-was-Videos wäre einen eigenen Artikel wert, doch wir zeigen auch an dieser Stelle lieber unsere derzeitigen Lieblings-Leipzig-Links:

Spenden für Flüchtlinge
Wer Flüchtlingen gerne Schlüpfer geben würde oder Winterschuhe, aber gerade keine neuen Schlüpfer oder Winterschuhe hat, kann dem Flüchtlingsrat Geld geben, dass er genau das einkauft.
http://www.visionbakery.com/sachspendenzentrale

Spenden fürs Frohfroh
Der geschätzte Kollege Wollweber will sein hochgeschätztes Blog frohfroh ausbauen. Unterstützt wird er dabei von diversen Köpfen der elektronischen Musikszene. Die könnte sich jetzt noch ein bisschen mehr aufraffen. Gibt dann auch eine Party. Nur noch fünf Tage. Also los!
http://www.visionbakery.com/support-frohfroh

Spenden für Detektor.fm
Die Radiokollegen wollen noch mehr Radio machen. Nämlich morgens, wenn andere Leute gute Laune vorspielen. Guter Zeitpunkt.
http://www.visionbakery.com/detektorfm2

Spenden gegen Müll
Da hatten scheinbar zwei Leute gleichzeitig die Idee, die in anderen Städten schon längt erfolgreich ist. Einkaufsläden ohne Verpackungen. Tod den Plastiktüten!
www.startnext.com/unverpackt-leipzig und www.visionbakery.com/einfach-unverpackt

Spenden gegen noch viel mehr Müll aka Meermüll
Apropos: Es gibt auch Crowdfunding zur Rettung der Weltmeere vor dem ganzen Plastikmüll. Riesige Crowd, riesiger Fun, riesiges Ding!
http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/2015/08/17/dann-mach-auch-was-sinnvolles-draus/

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3 Kommentare

  1. Onlineredaktion | 25. November 2015 | um 10:10 Uhr

    Das tut uns leid. Vielen Dank für den Hinweis. Jetzt funktionieren sie.