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»Es gibt kein Entweder-oder«

Regisseur Tom Hooper über »The Danish Girl« und die Transgender-Pionierin Lili Elbe

Tom Hooper und Eddie Redmayne, Foto: Universal Größeres Bild

Historische Stoffe liegen Tom Hooper. Der 43-jährige Londoner gewann für sein königliches Stottererepos »The King’s Speech« den Regie-Oscar und beschäftigte sich im Serienformat mit Elizabeth I. und John Adams, dem US-Gründervater, der immer ein bisschen im Schatten von Jefferson, Washington und Franklin stand. Auch Hoopers neuer Film geht zurück in der Geschichte. »The Danish Girl« handelt von der dänischen Malerin Lili Elbe, die sich als eine der ersten Transfrauen 1930 einer operativen Geschlechtsumwandlung unterzog. In der Geschichte finden sich die besten Geschichten, erklärt der britische Regisseur beim Interview, weil sich damit auch sperrige zeitgemäße Themen kinotauglich erzählen lassen.

kreuzer: Sie arbeiteten seit 2008 an »The Danish Girl«: Warum hat es so lange gedauert, bis der Film ins Kino kommt?

TOM HOOPER: Es war sehr schwer, das Geld aufzutreiben. Finanziers sind im Filmgeschäft nicht sehr risikofreudig, und ich brauchte erst den Kassenerfolg von »The King’s Speech«, der mir übrigens auch die komplette künstlerische Freiheit garantierte.

kreuzer: Schön, dass es noch Regisseure gibt, die auch bei großen Studioproduktionen völlig frei arbeiten können …

HOOPER: Ja, Universal war sehr nett. Den größten Druck machte ich mir selber, als mir klar wurde, wie wichtig Lili und Gerda für die Transgender-Community sind.

kreuzer: Wie sehr standen Sie denn in der Materie?

HOOPER: Mein eigenes Verständnis von Gender hat sich durch den Film massiv geändert: Ich glaube, dass Geschlecht etwas ist, dass aus dem Inneren kommt und nicht von äußeren Merkmalen oder einem gesellschaftlichen Rollenverständnis bestimmt wird. Meine größte Erkenntnis aber war, dass die Geschlechtsidentität nicht binär ist. Es gibt kein Entweder-oder. Menschen müssen nicht Frau oder Mann sein, sie können Merkmale von beiden in sich tragen.

kreuzer: Hatten Sie Eddie Redmayne von Anfang an für die Hauptrolle im Kopf?

HOOPER: In der Tat, ich kannte ihn schon von meiner Miniserie »Elizabeth I.«, die ich 2005 für den britischen Sender Channel 4 machte. Damals war Eddie gerade mal 22 Jahre alt und spielte einen Rebellen, der zum Tode verurteilt wurde: Seine Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit waren für einen jungen Schauspieler sehr ungewöhnlich. Als ich 2008 mit den Arbeiten an »The Danish Girl« begann, konnte ich ihn mir gut in der Hauptrolle vorstellen. Bei den Dreharbeiten von »Les Misérerables« gab ich ihm dann auf den Barrikaden das Drehbuch: Am nächsten Tag hatte ich seine Zusage.

kreuzer: Haben Sie nie daran gedacht, eine echte Transfrau für die Hauptrolle zu besetzen?

HOOPER: Glauben Sie mir, ich hatte viele Jahre Zeit, mich mit dem Projekt zu beschäftigen: Für mich war Eddie Redmayne instinktiv die beste Wahl. Anders als die meisten englischen Schauspieler ist er emotional nicht reserviert. Er hat schon früh in seiner Karriere Frauenrollen gespielt, und ich fühlte mich ein wenig wie Gerda, Lilis Ehefrau im Film: Ich war völlig fasziniert von seiner femininen Seite. Außerdem passiert der Wechsel von Einar zu Lili erst recht spät. Zwei Drittel des Films brauchte ich einen Schauspieler für Einar.

kreuzer: Wenn man wollte, könnte man in »The Danish Girl« ein paar Parallelen zu Ihrem Oscar-Gewinner »The King’s Speech« sehen: Der Film ist ein historisches Drama, und Sie beschäftigen sich mit realen Personen, die große Hindernisse überwinden müssen, um sich selbst zu finden. Was fasziniert Sie an solchen Stoffen?

HOOPER: Witzig, dass Sie das sagen: Beide Drehbücher kamen innerhalb weniger Monate auf meinen Schreibtisch, haben mich mehr oder weniger am selben Moment meines Lebens erreicht. Dass es Ähnlichkeiten gibt, ist also kein Zufall. Der interessanteste Aspekt in beiden Filmen sind für mich die Blockierungen, die wir alle zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein können, haben. Seien es Schüchternheit, Angstzustände, Depressionen, gesellschaftliche Zwänge … Um sie zu überwinden, braucht man eine tiefe Freundschaft wie in »The King’s Speech« oder eine grenzenlose Liebe wie in »The Danish Girl«.

kreuzer: Ein bisschen erfunden ist die Liebesgeschichte aber schon, oder? Die Ehe von Gerda und Lili wurde annulliert und als Lili starb, war Gerda in Marokko.

HOOPER: Mein Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von David Ebershoff, der dafür ausführlich recherchiert hatte. Außerdem existiert Lilis Lebensbeichte, die aber als historische Quelle nicht ganz zuverlässig ist. Da hatte wohl der Verleger seine Hände etwas zu sehr im Spiel. Auch bei unseren eigenen Vorbereitungen erwies es sich als schwierig, eine faktische Wahrheit zu finden. Im Internet liest man, dass Gerda bisexuell gewesen sei, konkrete Beweise dafür fanden wir nicht. Ihre Bilder mit Szenen lesbischer Erotik, die übrigens wunderbar sind, sehe ich eher als Indizien. Aus meiner Sicht waren die beiden einfach die großen Lieben ihres Lebens …

kreuzer: … und haben die ultimative Grenze überwunden.

HOOPER: Genau. Bei den Vorbereitungen des Films stellte ich mir ständig die Frage, warum Lili ausgerechnet in den 1920er-Jahren »geboren« werden konnte: in einer Zeit, in der das Wort »transgender« noch nicht existierte, in der es noch keinen Fahrpan für Geschlechtsumwandlungen gab, in der das medizinische Establishment Transgender als Krankheit sah und die Menschen mit Strahlentherapien oder Lobotomie zu heilen versuchte. Ich glaube, Einar konnte nur durch seine Ehefrau Gerda zu Lili werden: Sie verstand ihren Ehemann und erkannte, dass sein wahres Selbst Unterstützung brauchte. Und sie war bereit, diese Unterstützung zu geben, auch wenn es bedeutete, dass Gerda ihren Ehemann verliert.

kreuzer: Gerda und Lili zogen von Kopenhagen nach Paris: War das damals die liberalste Stadt Europas?

HOOPER: Sicher ermöglichte Paris mehr als andere Städte ein freies Ausleben ihrer Sexualität. Aber die Stadt, in der in Bezug auf Sexualforschung Pionierarbeit geleistet wurde, und wo auch die ersten Operationen durchgeführt wurden, war Dresden. Und jetzt bekomme ich mit, dass von liberalem Denken und Toleranz nicht viel übrig geblieben ist, wenn ich mir die Pegida-Aufmärsche ansehe.

kreuzer: Wie schwer ist es eigentlich, gute Storys für Filme zu finden?

HOOPER: Am schwersten ist es, gute Storys zu finden, von denen man überzeugt ist, dass sie beim Kinopublikum ankommen. Es gibt viele gute Geschichten, aber nicht alle sind für die Leinwand gemacht. »The King’s Speech« habe ich über meine Mutter entdeckt, die mich auf das unveröffentlichte Theaterstück aufmerksam machte. »The Danish Girl« empfahl mir mein langjähriger Casting Director. Was mich im Moment am meisten interessiert, sind Storys, die von der Geschichte entmarginalisiert wurden, weil im Laufe der Zeit Vorurteile überwunden wurden. Transgender ist mittlerweile stark im Bewusstsein der Menschen verankert. Ich mag es im Dialog mit der Gesellschaft zu stehen.

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