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Bautz’ner Senf

Theatertreffen: Kultur fordert von Politikern klare Kante gegen sächsische Zustände

Stanilslaw Tillich, Foto: Sächsische Staatskanzlei/ Laurence Chaperon Größeres Bild

Zum Glück saß Stanislaw Tillich in der ersten Reihe. So konnte niemand sein Gesicht sehen, als auf dem Sächsischen Theatertreffen in Bautzen die Forderung an die Politik erhoben wurde, endlich klare Kante gegen »Neonazis, Fremdenfeinde, Rassisten und Nationalegoisten« zu zeigen. Das Schweigen und Lavieren könne man nicht mehr hinnehmen, sagten Lutz Hillmann, Intendant des Theaters Bautzen, und Christoph Dittrich, Vorsitzender des Sächsischen Bühnenverbands, als sie die »Bautzener Erklärung« vorstellten. Damit ernteten sie heftigen Applaus im großen Theatersaal der Senf- und Spreestadt – vom halben Publikum. Zahlreiche Vertreter der Politik hielten sich augenscheinlich zurück.

Eigentlich war es ein freudiger Anlass, der Tillich am Mittwochabend nach Bautzen führte. Es galt, das 9. Sächsische Theatertreffen – läuft noch bis Sonntag – zu eröffnen. Dieses fällt in seiner Ausgestaltung bedeutend politischer aus als seine Vorgänger. Flucht und Rassismus thematisierte schon die Auftaktinszenierung am Morgen: Statt Häppchenreichen stößt das Klassenzimmerstück »Krieg – stell dir vor, er wäre hier« (R: Ralph Hensel) ins Zentrum der Diskussion. Das dystopische Setting dreht den Spieß um: In Deutschland herrscht – mal wieder – Faschismus und eine deutsche Flüchtlingsfamilie findet in Ägypten Zuflucht, aber auch eine rassistische Normalgesellschaft vor.

Winken und Lächeln, die Grundtugenden eines sächsischen Landsvaters, verkörperte Tillich gut – bis die kleine Bombe bei der Festivaleröffnung platzte. Nachdem der Ministerpräsident einige Worte zur Bedeutung des Theaters – schon in der Antike habe es Theater gegeben, dieses sei mehr als 1.000 Jahre alt, ein Standortfaktor und sonst besonders in Sachsen wichtig wie gut gelitten – und etwas Sorbisch gesprochen hatte, stellten die Veranstalter die Erklärung vor. Sie forderten die Politiker im Namen aller sächsischen Theater direkt auf, sich endlich entschieden gegen Rassismus auszusprechen.

Im Gespräch mit kreuzer-online erklärte Christoph Dittrich: »Wir wollen zu Sachsen als Hort brauner Unkultur einen Gegenpol bilden. Vielen fehlt der Anreiz, sich dagegen auszusprechen.« Die Theater hätten sich überall deutlich und sofort gegen menschenfeindliches Denken und Handeln ausgesprochen, hätten entsprechend Stoff auf die Bühne gebracht, sich in der Arbeit mit Flüchtlingen engagiert. Das sei selbstverständlich und die Theater machten dies gern, nur vermisse er Unterstützung von der Politik. Diese scheine vielmehr alles auf die Kultur abwälzen zu wollen. »Die Grenze der Rücksichtnahme auf Wählerpotenziale und Stimmungen ist erreicht. Es sind deutliche Worte gefordert, was Humanität und Toleranz betrifft. Wir fordern die Politik zu deutlichen Statements auf!« Ein starkes Stück in einem Bundesland, in dem für nicht wenige Politiker und Behörden eine antifaschistische Einstellung als rotes Tuch gilt.

TOBIAS PRÜWER

Den gesamten Wortlaut der Bautzner Erklärung finden Sie hier.

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