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Fototapeten

Das F/Stop-Festival packt die Gegenwart in eine Wandzeitung

Eva Leitolf, Living Room, Solingen 1994, aus der Serie: Deutsche Bilder – eine Spurensuche, 1992–1994 Größeres Bild

Existiert die eine Wahrheit, die uns ein Foto erzählt? Oder verstecken sich unzählige Wahrheiten hinter und um das Foto herum? Das Fotofestival F/stop gibt uns viel zu sehen, noch mehr zu lesen und gleicht damit einer Wandzeitung, die dem Betrachter der Fotos nicht so recht zu trauen scheint. Motto: »the end oft he world as we know it, ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen«.

Ein brauner Wohnzimmerschrank mit Schiebetüren aus Glas: Vor Alltagsstaub geschützt finden hier für den Besitzer besonders wertvolle Dinge ihren Platz. Dazu gehören Schwarzwaldpüppi, Bowletopf und Cognacschwenker. Doch nicht nur das zeigt die Fotografin Eva Leitolf in ihrer Serie »Deutsche Bilder – eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld« (1992–94). Mitten in der Aufreihung fällt ein Teller mit Nazizeichen auf. Den 16 Fotografien steht ein Wandtext zur Seite, der die damaligen Pogrome erklärt. Kombiniert wird die Serie mit auf Tischen liegenden Magazinheften, die den NSU-Prozess protokollieren. Über beidem prangt weiß auf Schwarz Walter Benjamins Zitat »In einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken«, das diesem Kapitel den Namen gibt.

Die Hauptausstellung von der siebenten F/Stop-Ausgabe, die Anne König und Jan Wenzel kuratierten, besteht aus neun Kapiteln. Sie erzählen zum einen, was das Kuratorenteam seit seiner Ernennung vor über einem Jahr hinsichtlich medialer Bilderflut und gesellschaftlichen Ereignissen (von Fotos von Geflüchteten über die Anschläge in Paris zum Brexit) per Fotos, Facebook-Timeline und unter Rückgriff auf Klassiker – wie Brechts „Kriegsfibel“ – bewegte. Andererseits soll unter diesen Umständen die Möglichkeit der Reportage in der Gegenwart diskutiert werden.

Das erklärt die vielen Printprodukte, was der Zeitungsmarkt hergibt, an den Wänden. Vor allem das Foto auf Seite eins muss besonders gut sitzen, um »das« Zeitgefühl zu treffen. In der Werkschauhalle sollen die Motive verhandelt werden, gleichzeitig fallen alle Optionen raus, die erfüllt werden müssen, um es auf die erste Seite zu schaffen. In Vergessenheit geraten dabei der Markt der Bilder und auch die sehr unterschiedlichen Umgangsweisen von Medien mit Fotografien. Diese sollen zu uns sprechen, aber irgendwie wird ihnen gleichzeitig auch nicht vertraut. Denn wenig kommt ohne Text aus. So wirkt die Ausstellung wie eine Wandzeitung in klassischer Bild-Text-Aufteilung und grober, grafischer Schwarz-Weiß-Ausstattung. Inhaltlich werden Serien aus Motiven neu zusammengestellt, um Assoziationen zu wecken. Das hier neu Vorgestellte erinnert an die zu Aufklärungszeiten in Mode gekommenen Enzyklopädien, die die Welt zu sortieren und zu strukturieren versuchten.

Die Publikation erklärt uns die Sicht der Kuratoren. Auffallend hierbei ist der Umstand, dass über Fotografien in der Ausstellung geschrieben wird, deren Macher größtenteils unsichtbar bleiben. Sie tauchen im Fotonachweis auf, werden aber nicht eigens mit Lebenslauf genannt. Für Jan Wenzel ist die Listung von Biografien überholt, denn heute können alle gegooglet werden. Allerdings gilt dies nicht für die Autoren des Bandes: Sie durften einige Zeilen zur eigenen Geschichte hinzufügen.

Auch im öffentlichen Raum sind Fotos zu finden. Gegenüber des Neuen Rathauses können die Aufnahmen von den US-amerikanischen Reporterinnen Lee Miller und Margret Bourke-White betrachtet werden, die die Selbsttötungen im Rathaus unmittelbar vorm Eintreffen der US-Armee für US-Magazine dokumentierten. Am Capa-Haus an der Angerbrücke findet sich ebenfalls eine Tafel, die die Doppelseite aus dem Life-Magazine Mitte Mai 1945 von der Schlacht um die Zeppelinbrücke zeigt. Damals starb in der dritten Etage ein Soldat – festgehalten von Robert Capa. Wer weiß, ob das Gebäude heute noch existieren würde, wäre da nicht die fotografische Dokumentation im kollektiven Gedächtnis gewesen?

An Gerda Taro erinnert die Installation in der Straße des 18. Oktobers 3–13 nahe der Tarostraße. Hier ist sie im Pariser Exil zu sehen neben Aufnahmen aus dem Spanischen Bürgerkrieg und von Flüchtlingen. Unweit davon schließt sich dann auch der Kreis zwischen Spinnerei und öffentlichem Raum. Vor der ehemaligen Pablo Neruda-Schule, in der Geflüchtete untergebracht sind, steht ein Foto der Familie Khalil, der die Titelgeschichte das Juni-kreuzers gewidmet ist. Ihre fotografisch festgehaltenen Stationen von Syrien nach Leipzig tauchten bereits in der Werkschauhalle auf. Radtouren führen täglich zu den Tafeln. Irme Schaber, die seit langer Zeit zu Gerda Taro forscht, hält am Samstagnachmittag einen Vortrag zu Taro und Capa im Spanischen Bürgerkrieg.

Wie beim F/Stop üblich finden sich auf der Spinnerei die unterschiedlichen Plattformen und Komplizen. In der Galerie Dukan lädt Monica Haller täglich zum Workshop, um über die Aufnahmen von US-Soldaten während ihrer Kriegseinsätze zu sprechen. Die Unsichtbarkeiten in Fotografien – wie etwa die Vergewaltigungen von Frauen in Berlin 1945 – thematisiert Ariella Azoulay im Archiv Massiv. Im Untergeschoss der Halle 14 variieren die Studierenden der Rodchenko Art School Moskau, der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der École Nationale Supérieure de la Photographie Arles das erweiterte Reportageprinzip.

So unterschiedlich all das Gezeigte auch ist, ob wir nun wirklich den Beginn einer bisher unbekannten (Bilder-)Welt erleben, kann bezweifelt werden.

Alle Programminformationen siehe: http://www.f-stop-leipzig.de

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Ein Kommentar

  1. Ute Müller | 4. Juli 2016 | um 00:32 Uhr

    nach dem großen beni-bischof-spaß vor 2 jahren wurde das kuratorische konzept an die spector verleger deligiert, die nun das eigene leseverhalten kuratieren. offensichtlich wird von beiden gern das magazin der süddeutschen gelesen, das in der ausstellung überproportional oft gezeigt wird. wenn man sich die mühe macht in den „heft-installationen“ zu lesen, merkt man recht schnell, dass es kein kritischer journalismus ist, der da für den mainstream schreibt.
    das leseverhalten findet sich auch in den vielsagenden überschriften der ausstellung wieder. der mündige betrachter hätte gern die quellen der zitate gewußt. so sucht er unter den überschriften nach künstlerische arbeiten, die überzeugen und muß in der gesamtkuratorischen schau genau hinsehen um die künstlerischen positionen zu finden. eva leitolf, sven johne, erik van der weijde und das wunderbare foto von margaret bourke-white. auch bei den recherchen zu den bildagenturen hätte eine künstlerische arbeit bestimmt überzeugt.
    und es bleibt die frage: wer da warum schläft und wo der sinn abhanden kommt. warum müssen noch zusätzlich so viele „deutschen“ schlafen, völlig kontext frei.

    später blätterte der aufmerksame betrachter, unter den studentenarbeiten der klasse von armin linke, in einem gebundenen buch mit den farbabbildungen der facebook-seiten des kurators. und findet darin den satz: „so soll es in zukunft weitergehen: nichts mehr zu produzieren, sonder formen zu finden, das eigene lesen aufzuführen“.
    hält das einem kritischen blick stand?