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»Verrückte Deutsche«

Comic »Madgermanes«: Birgit Weyhe über Ostalgie in Mosambik

Ausschnitt aus »Madgermanes« Größeres Bild

Rund 20.000 Vertragsarbeiter aus Mosambik waren in der DDR beschäftigt. Die Zurückgekehrten fanden ein Land im Bürgerkrieg vor, einen Teil ihres Lohnes sahen sie nie und obendrein wurde ihnen der Name »Madgermanes« verpasst. Die in Uganda und Kenia aufgewachsene, in Hamburg lebende Comicautorin und -zeichnerin Birgit Weyhe hat viele von ihnen getroffen. Ihre Gespräche hat sie im Album »Madgermanes« zur Erzählung von drei Protagonisten verdichtet.

kreuzer: Wie kamen Sie in Berührung mit den Madgermanes?

BIRGIT WEYHE: Mein Bruder ist nach Mosambik gezogen. Als ich ihn dort vor neun Jahren besuchte, habe ich den ersten ehemaligen Vertragsarbeiter getroffen, da wusste ich aber noch gar nicht, dass sie sich Madgermanes nennen. Zuerst dachte ich, das wäre ein vereinzelter Fall, dann merkte ich: Es waren ganz schön viele. Dann habe ich mit immer mehr Gespräche geführt.

kreuzer: Woher kommt der Name Madgermanes?

WEYHE: Der Begriff ist vielschichtig. Er stammt aus dem Dialekt der Indigenen, die um Maputo leben. Und bedeutet eigentlich »Die aus Deutschland Zurückgekehrten«…

kreuzer: … mit dem Englischen »mad« für »verrückt« hat er nichts zutun?

WEYHE: Nein. Neben den vielen Sprachen in Mosambik garantiert nur Portugiesisch als Amtsprache die Verständigung aller. Im Norden zum Beispiel, wo ich mit vielen sprach, haben sie das als »Made in Germany« oder eben »Verrückte Deutsche« interpretiert. Diese Lesart hat sich verselbständigt und für die Aktivisten in Maputo ist es ein Kampfbegriff geworden.

kreuzer: Warum beschlossen Sie, ein Comic über sie zu machen?

WEYHE: Dieser erste Arbeiter, den ich traf, hat mich nie losgelassen, weil er sehr zerrüttet war. Er hat dieses Hin und Her nie so richtig auf die Reihe bekommen. Er kam aus einem sehr ländlichen Gebiet und landete dann in einer Stadt, Karl-Marx-Stadt. Als er zurückkam hatte er nichts mitgebracht, was ihm nutzte. Das Geld, worauf die Familie wartete, war weg. Seine Deutschkenntnisse halfen ihm nicht weiter, die Handgriffe, die er an der Stanzmaschine erlernt hatte, ebenso wenig, weil es keine entsprechende Industrie gab.

kreuzer: Sie bekamen in der DDR entgegen der Versprechen keine zukunftsträchtige Ausbildung und dann wurde noch der Lohn zum Teil einbehalten…

WEYHE: Ja, aber nicht von der DDR. Ein Teil des Lohns wurde tatsächlich nach Mosambik transferiert, um damit die Devisenschulden, die Mosambik bei der DDR hatte, abzuzahlen. Mit der Lieferung von Arbeitskräften hat sich Mosambik devisenmäßig freigekauft. Das wussten die Arbeiter natürlich nicht und eigentlich war abgemacht von DDR-Seite, dass ihnen in Mosambik ein Äquivalent in der Landeswährung ausgezahlt wird. Das ist nie passiert.

kreuzer: Was die Betroffenen bis heute empört?

WEYHE: Ich muss betonen, dass ausnahmslos alle, mit denen ich gesprochen habe, die Zeit in der DDR ganz toll fanden; trotzdem. Da ist eine große Ostalgie da und sie unterstreichen immer wieder, dass es Menschen gab, die gut zu ihnen waren und Freundschaften entstanden. Es ist in ihren Erinnerungen nicht als furchtbare Zeit enthalten, aber es bleibt der bittere Beigeschmack und das Hoffen auf eine Entschädigung durch die mosambikanische Seite.

kreuzer: Sie haben die Ostalgie angesprochen. In Szenen, die im heutigen Mosambik spielen, tauchen Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf etc. Wird da ein DDR-Kult gepflegt?

WEYHE: Sie treffen sich in Maputo jeden Mittwoch in einem Park und tauschen sich aus. Es wird regelmäßig mit der DDR-Fahne für den Erhalt der Gelder demonstriert. Ja, die Zeit wird schon hochgehalten, manche haben die Fahne zu Hause aufgehängt, natürlich Fotos und auch die Amiga-Plattencover.

kreuzer: Neben der Suche nach Identität Ihrer Protagonisten spielen Sie stark mit dem Exotismus-Blick des Lesers. Das scheint Ihnen wichtig.

WEYHE: Auf jeden Fall. Als ich mit 19 nach Deutschland kam, fand ich komisch, dass keine Differenzierung stattfand. Wenn ich sagte: Kenia, dachten alle einfach: Afrika. Da wird ein ganzer Kontinent, dessen Länder in allen Himmelsrichtungen wenig gemein haben, als Ganzes genommen. Das gleiche passiert, wenn man in Sammlungen oder Bibliotheken recherchiert. Man bekommt ganz viel Kunst aus Afrika präsentiert, aber selten eingegrenzt. Deshalb hatte ich das Gefühl: Ich drehe das jetzt um.

kreuzer: Haben sie schon Rückmeldungen von den Madgermanes erhalten?

WEYHE: Noch nicht alle haben das Buch gesehen. Es gab schon Lob. Als ich es den Madgermanes in Maputo zeigte, war ich sehr aufgeregt. Sie waren erst abweisend, weil sie dachten, da ist noch so jemand, der ihre Geschichte ausbeutet. Sie stellten aber fest, dass es nicht wieder so ein übliches Abklopfen ist, sondern das Buch differenzierter ist. Dann war die Resonanz sehr positiv und ich wahnsinnig erleichtert.

Birgit Weyhe: Madgermanes. Avant, Berlin 2016, S. 240 S., 24,95 €.

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