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Operation Hinkelstein

Zu Menhiren spazieren: Vor Jahrtausenden schon wurde die Spur der Steine gelegt

Monolith im Thümmlitzwald, Foto: Johannes Groth Größeres Bild

Stonehenge, Newgrange, Carnac: Die britisch-irischen Inseln und die Bretagne sind bekannt für ihre Standing Stones – stehende Steine. Menhire kennt man auch von Asterix & Obelix, sie werden dort als Hinkelsteine herumgeschleppt. Doch Menhire gibt es auch in Deutschland, und gar nicht wenige.

Sie sind aber verschieden dicht gestreut. Bayern etwa hat fünf, Rheinland-Pfalz 79, in Niedersachsen stehen 28 Menhire, in Mecklenburg-Vorpommern 13. Von Leipzig aus ist ein ganzes Bündel an Menhiren zu erreichen. Gleich um die Ecke im Thümlitzwald zum Beispiel ruht ein imposanter Menhir, mit fünf Metern einer der größten in ganz Deutschland. Das alte Kulturgut mitten in der Natur liefert gute Gründe, beim nächsten Herbstspaziergang der Spur der Steine zu folgen.

Menhire sind frei stehende, einzeln oder in Kreisen und Reihen angeordnete Steine. Ihr bretonischer Name Menhir (»langer Stein«) ist in die Wissenschaft eingegangen. Seit dem Mittelalter kursiert die deutsche Variante Hinkelstein, eine vermurkste Ableitung von »Hünenstein«. Die vor Pi mal Daumen 5.000 Jahren aufgerichteten Steinmale wurden gezielt gesetzt, allerdings kann über ihre Funktion und Bedeutung nur gemutmaßt werden. Manche gehen von Grenzsteinen aus oder vage von Markierungen, andere deuten sie als Nabel oder Säulen der Welt. Astronomische Ausrichtungen sind bei einigen Exemplaren möglich, etwa bei den Sonnensteinen im sachsen-anhaltischen Derenburg. Kultische und rituell-religiöse Funktionen werden Menhiren auch zugeschrieben. Für christliche Missionare waren sie Zeugnisse von Götzendienst. Der Sage nach hat der Eiferer Bonifatius solch eine Megalith-Kultstätte auf den Lindenauer Wiesen zerstört.

Menhire legen zusammen mit den Großstein-, also Hünengräbern Zeugnis ab von der hoch entwickelten Kultur der Steinzeit. Transport über Rollen, Schienen, Schlitten und das Aufrichten der Kolosse waren komplexe Unternehmungen, für die man neben Kraft und vielen Händen auch Köpfchen und Know-how brauchte. Vielleicht kann man Menhire auch als Ausdruck der sesshaft gewordenen Bauern verstehen, nicht mehr ganz so abhängig von den Launen der Natur zu sein wie Jäger und Sammler.

In Sachsen existieren nur sechs Menhire, die meisten im Landkreis Leipzig. Auf einer Anhöhe bei Bucha eröffnet sich vom rotgranitenen »Spitzen Stein« der Blick in die Peripherie. Im Thümmlitzwald – wie erwähnt – stehen gleich zwei Monolithlein im Walde herum: Ganz still und stumm sollte man beim Besuch sein – immerhin heißt einer »Teufelsstein«. Insgesamt können im »Mitteldeutschland« genannten Raumkonstrukt rund 150 Megalithbauten erwandert werden. In besonders hoher Dichte überziehen Menhire Nordthüringen und Sachsen-Anhalt. Die meterhohe sogenannte »Dölauer Jungfrau« bei Halle soll eine versteinerte Riesin sein: Sie warf Brot weg, die Götter zürnten.

Hünengräber ruhen in großer Zahl südlich von Salzwedel sowie um Haldensleben. Die Himmelswege führen zum jungsteinzeitlichen Steinkammergrab von Langeneichstädt bei Naumburg mit der Replik eines Menhirs, der eine Ritzung in Form einer Dolmengöttin enthält (s. kreuzer 07/2015). Da der Stein an den Stellen der Göttin deutliche Glättspuren besitzt, hatte er vielleicht magische Bedeutung. Von den aufgerichteten Monolithen der Megalithkultur ist das Exemplar von Buttelstedt aus landestypischem Muschelkalk mit seinen 2,50 Metern der größte in Thüringen. In Waldeck steht zwar ein größerer Stein, der aber nicht prähistorisch ist. Im Volksmund wird der Buttelstedter Menhir »Wetzstein« genannt: Ein Hüne aus Ettersburg soll ihm einen anderen zugeworfen haben, damit der seine Sense schärfen konnte. Selbiges erzählt man sich umgekehrt in Ettersberg, wo sich ebenfalls ein Menhir befindet, der heute als Parkbank verbaut ist. Der Menhir von Sangerhausen, der auf der Vorderseite typische Näpfchen aufweist, wurde zum Wegweiser zweckentfremdet. Als Kriegerdenkmal leistet jener in Hackpfüffel seinen Dienst.

Übrigens: Den Stein von Berga hat ein Riese aus seinem Schuh geschüttelt, weil der ihn beim Gehen piekste. Das könnte ein Anlass sein für den Gang aufs Land, um zur Abwechslung statt auf Pilzjagd mal auf Hinkelsteinsuche zu gehen.

> Johannes Groth hat alle Menhire Deutschlands besucht und in faszinierenden Fotografien festgehalten: Menhire in Deutschland. Halle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 2013. 504 S., 49,90 €, online findet sich eine Liste aller Menhire: http://www.menhire.net
> Touren empfiehlt Britta Schulze-Thuli, Großsteingräber und Menhire, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen. Halle: MDV 2007. 132 S., 12,90 €

Dieser Text erschien auch in der Oktober-Ausgabe des kreuzer.

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