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Wer braucht schon Helden

»Sheroes« wuchtet einen fantastischen Kraftakt Weiblichkeit

Foto: Rolf Arnold Größeres Bild

Das wird hoch physisch: Ab Sekunde eins ist den Zuschauern im Schauspiel klar, dass hier eine geballte Kraft Körperlichkeit am Werk ist. Beim Eintreten in die Nebenspielstätte Residenz hackt eine muskulöse Frau schon Holz.

Mehrere Baumstammteile stehen auf der sonst leeren weißen Bühnenfläche. Vor einem ebenfalls weißen Plüschraumteiler lässt die junge Frau die Axt auf- und niedersausen. Unterm knappen roten Top wird ihre Anstrengung sichtbar. Ihre Muskeln spannen sich auch dann, als sie die Baumteile aufeinander wuchtet und zwei Gebläse auf den hölzernen Pfeiler balanciert. Wie mit einem Amazonenkriegsruf reiten fünf weitere junge Frauen ein, lassen im künstlichen Wind ihre Haare fliegen. Mit diesem Bruch in der Geste löst sich die erste Szene auf.

»All Heroines must die« prangt später in der Inszenierung an der Plüschwand. Damit ist das Programm von »Sheroes« beschrieben. Eine Art Revue aus Tanz, Musik und Gesang hat Choreograf Christoph Winkler um das Thema weibliches Heldentum gestaltet. Doch geht er nicht den leichten Weg, den man derzeit im Kino erleben kann: Vermehrt sind Frauen mit Wummen und flatternden Superheldenumhängen auf der Leinwand zu sehen. Winkler möchte den ganzen Heroismusballast an sich über Bord kippen. Das zeigt bereits der Einstiegsmoment mit dem Holzhacken. Eine Alltagsszene wird erhöht, in dem das Rampenlicht darauf fällt. Oft unbemerkt bleibende Frauenarbeit wird kurz sichtbar, bevor das wehende Frauenhaar, das man aus diversen Werbespots kennt, den Anflug von Heldeninszenierung ironisiert.

In vielen seiner Produktionen beschäftigt sich Winkler – der gebürtige Torgauer lebt in Berlin – mit der Inszenierung von Weiblichkeit. In Leipzig war er zuletzt vor vier Jahren mit »Rechtsradikal« im Lofft zu sehen. Allerdings fiel der damalige Ansatz, extremistische Frauenkörper mit Stechschritt und zackigem Gestus vorzuführen, arg plakativ aus. Bei »Sheroes« hingegen agieren die Tänzerinnen viel subtiler, spielt Winkler auf mehreren Ebenen. Dass man bekannte männliche Heldenrollen – Kriegerin metzelt Dorf, Nichtpilotin rettet Flugzeug – auch weiblich besetzen könnte, wird nur erzählt. Es bleibt imaginativ, während die Tänzerinnen mit Holzklötzen die Welt vermessen und aufbauen.

Es folgen beeindruckende Soli, eine Art sich ständig verändernde Gruppenplastik, ein Stimmenchorus. Eleganz und kraftvoller Körpereinsatz wechseln einander nicht ab, sondern fließen vielmehr ineinander, auch erotische Spuren werden natürlich gelegt. Und alles ist von leiser Ironie durchzogen. Sehr intuitiv ist Winklers Choreografie, man muss von modernem Tanz nichts verstehen, um ihr folgen zu können. Es entstehen großartige Bilder, in denen männliche und weibliche Posen beständig gebrochen werden. Diverse Rollenzuschreiben erfassen die Tänzerinnenkörper, entgleiten ihnen wieder. Bis letztlich die Unterscheidung zwischen Männer- und Frauengeste hintergangen wird zugunsten einer Feier des Individuums und individueller Unterschiede. Und doch können die Menschen nur gemeinsam vorankommen, auch das wird ersichtlich. Die Schlussszene steigert sich zu stampfenden Beats und zarter Frauenstimme zu einer solch kraftvollen Feier, dass ihre Intensität die Zuschauer in die Sitze drückt. Dann fällt noch einmal die Axt. Mit großem Wow-Effekt endet der fesselnde Abend.

»Sheroes« von Christoph Winkler: 9.–11.2, 20 Uhr, Schauspiel Leipzig, Residenz

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