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Stadtleben

Sie müssen raus!

Vermieter kündigt Projekten in der Eisenbahnstraße 113b

  Sie müssen raus! | Vermieter kündigt Projekten in der Eisenbahnstraße 113b

Das Japanische Haus, Radsfatz und Trautmann sollen weg: Den Projekten in der Eisenbahnstraße 113b wurden die Räume gekündigt.

»Bei uns ist das Tor offen, dann ist die Werkstatt offen und dann kann jeder reinkommen!« – so simpel beschreibt Rico a lArrache vom Radsfatz-Kollektiv die niedrigschwellige Philosophie der Sozial- und Kulturprojekte in der Eisenbahnstraße 113b. Den Projekten, dem Japanischen Haus, dem Radsfatz-Kollektiv und dem Kulturverein Trautmann, wurde im Frühjahr dieses Jahres überraschend gekündigt.

Das Japanische Haus ist auf die Eisenbahnstraße gezogen, als diese noch verrufen und von großem Leerstand betroffen war (das Kollektivgedächtnis erinnert sich an zahlreiche Medienberichte zur »gefährlichsten Straße Deutschlands«). Seit nun mehr zehn Jahren ist der Verein mit seinen Veranstaltungen zu japanischer Kultur, mit Konzerten, Workshops und Ausstellungen eine feste Institution im Viertel und Raum des friedlichen Austauschs. Hier wird »miteinander geredet, statt übereinander«, erklärt Jens Hendrysiak aus dem Team. Angelockt werden die Menschen auch von der Küche für Alle (KÜFA), bei der meist japanisches Essen gemeinsam gekocht und verspeist wird. Die Größe des eigenen Geldbeutels spielt dabei keine Rolle, das Essen gibt es gegen Spende und sei diese nur ein Lächeln.

Von der plötzlichen Kündigung betroffen ist auch das Radsfatz: Im Hinterhof der 113b versorgt die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt die Nachbarschaft seit neun Jahren kostenlos mit Fachwissen und Unterstützung rund um die Fahrradreparatur. Angetrieben wird das Kollektiv von starken Waden und der Idee der ökologischen Mobilität:  Alte gespendete Räder werden im Sinne der Nachhaltigkeit als Ersatzteile weiterverwertet.

Und dann ist da auch noch der Kulturverein Trautmann. Das Projekt, das abseits einer großen Öffentlichkeit agiert, stellt seine Räume im Hinterhof niedrigschwellig anderen Gruppen für Plenen, Bandproben und Theateraufführungen zu Verfügung.

Die Kündigung im Frühjahr dieses Jahres trifft die Projekte unerwartet, Vorwarnungen soll es keine gegeben haben. Zwar habe bereits im November 2021 das Gerücht kursiert, dass das Objekt auf einem Maklerportal ausgeschrieben sei, zu diesem Zeitpunkt waren die Projekte jedoch damit beschäftigt, einen Weg durch die Pandemie zu finden. Nun soll es neue Mieterinnen und Mieter für die Räume geben.

Mit der Kündigung sollen Radsfatz und Trautmann alternativlos weichen, dem Japanischen Haus wurde unterdessen ein Angebot gemacht: Es könnte die Räume der anderen Gekündigten beziehen. »Das war eine Scheißsituation: Wir vertreiben Freunde von hinten, nur um selbst bleiben zu können«, sagt Hendrysiak. Konflikte gab es deswegen zwischen den Projekten nicht: Die Beteiligten kennen sich teilweise seit zehn Jahren. Die Umzugsoption sei zugleich ein Scheinangebot: Die Räume der Projekte Radsfatz und Trautmann sollen sich in einem desolaten Zustand befinden, ausreichend für den Betrieb der Fahrrad-Werkstatt, nicht jedoch für einen hygienischen Betrieb des Japanischen Haus, in dem gekocht und gegessen werden soll. Die Interessen der Projekte sollen in Gesprächen mit Hausverwaltung und Eigentümer kein Gehör gefunden haben, eine weitere Nutzung der Räume zu höheren Mieten sei ausgeschlossen, trotz der Bereitschaft der Projekte zur Neuaushandlung von Verträgen. Die Miete für die Räume im Vorderhaus soll sich nach Angaben der Vertreter vom Japanischen Haus mit der anstehenden Neuvermietung mehr als verdoppeln.

Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich das Radsfatz und das Japanische Haus weiterhin in den Räumen. Eine letzte Frist seitens der Hausverwaltung zur Schlüsselübergabe wurde von den Projekten übergangen, das Japanische Haus hat sich rechtlich beraten lassen und befindet sich nach eigenem Informationsstand in einem ungekündigten Mietverhältnis. Die Hausverwaltung dementiert und hat die Sache einem Rechtsanwalt übergeben. Ein Rechtsstreit sei jedoch für das Radsfatz, organisiert von Privatpersonen, keine Option und würde zu viel Energie kosten, die man lieber in die Suche nach einem neuen Ort investiere. Als Kompromiss unterbreitete die Fahrradwerkstatt der Hausverwaltung das Angebot, bis Ende Oktober die Räume zu verlassen. Weder die Hausverwaltung noch der Eigentümer, die Merlin Real Estate GmbH in Wien, waren zu einer Stellungnahme zur Situation bereit.

Die Suche nach neuen Räumen für das Japanische Haus und das Radsfatz gestaltet sich schwierig und bisher erfolglos. Sie scheitere auch »an Nutzungsmöglichkeiten im Viertel, in der Stadt für Projekte, welche keinen Profit machen und keine horrenden Mieten zahlen können«, erklärt a lArrache. Soziale Projekte würden aufgrund der hohen Mieten an die Ränder der Stadt verdrängt werden, eine tatsächliche Option wäre das für eine Fahrradwerkstatt nicht: »Leute, die ein Fahrrad reparieren müssen, können das nicht mit in die Tram mitnehmen, um dann fünf Kilometer durch die Stadt zu fahren«, sagt a l‘Arrache.

Von der Stadt Leipzig, die sich gern mit ihrer freien Kulturszene rühmt, gibt es nur bedingt Unterstützung. Keines der Projekte erhält Fördergelder, teils jedoch auch, um sich die Unabhängigkeit zu bewahren. Außerdem stelle das Beantragen für Unerfahrene eine Wochenarbeit dar und den ehrenamtlichen Mitgliedern fehle hierfür die Zeit, so erklärt Hendrysiak. Zwar gibt es Bemühungen des Stadtrats Tobias Peter (Die Grünen) und seitens der Stadtverwaltung, neue Räume für das Japanische Haus zu vermitteln, es fehle aber allgemein »eine rechtliche Grundlage, welche ehrenamtliche Vereine und Projekte vor dem Wahn des Immobilienmarktes schützt«, erklärt a lArrache. Die Stadt sei, in seiner Wahrnehmung, sehr tolerant gegenüber bestehenden Projekten, aber an dem Mehraufwand diese auch zu schützen, daran bestehe kein Interesse.

Auf Nachfrage zeigt sich auch Stadtrat Peter betroffen: »Sollte sich keine Lösung finden, wäre das ein herber Verlust für das Viertel.« Man suche weiter nach einer Lösung, das werde jedoch durch den Eigentümer, der die Kontaktaufnahme der Stadt blockiere, erschwert. Auch Peter bedauert, dass bundesrechtliche Regelungen im Bereich Kultur und Gewerbe fehlen und zitiert das Grundgesetz: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.«

Am Ende verbleibt der Vorwurf an den Eigentümer und an die Stadt, wie er schon auf der Internetseite des Radsfatz geäußert wurde: Das Versprechen schneller Gewinnsteigerungen verdrängt soziale Projekte, Betroffene werden in diesem Prozess übergangen. Das Radsfatz klagt an: »So wird jahrelange ehrenamtliche Arbeit sowohl in den Räumen selbst, aber auch der Beitrag der Projekte zur Entwicklung des Stadtteils gnadenlos ausgenutzt.«

JONAS STREHL

Foto: Japanisches Haus


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2 Kommentar(e)

Eisi-Fan 28.09.2022 | um 19:48 Uhr

Vielleicht geben sich ein paar gesicherte Hausprojekte mal einen Ruck und stellen ihre teils spärlich genutzten Ladenflächen ein paar gut etablierten Projekten zur Verfügung. So fließt die viele ehrenamtliche Arbeit & die aufgewendeten finanziellen Mittel in halbwegs gesicherte Strukturen. Wäre doch eine solide Basis für eine soziale und progressive Infrastruktur sowie zukünftige Kämpfe in der Stadt. So sehr ein politischer Kampf für die bedrohten Räume zu begrüßen wäre, haben doch die vergangenen Beispiele von Auseinandersetzungen im LO, wie um die Brache oder die E109 gezeigt, dass der Kampf um konkrete Räume nicht von besonderer Ausdauer ist. Wenn man unbedingt will, darf die Auseinandersetzung um die Luwi71 als kleine Ausnahme gelten, obwohl die Ausdauer da auch begrenzt und das öffentlich vorgeschlagene Nutzungskonzept ziemlich unrealistisch war. Leider unrealistisch, dass die Merlin Real Estate GmbH von ihrem Vorhaben abrückt. Eventuell gibt es noch eine Gnadenfrist. Das nächste Projekt, was dran glauben muss, ist doch dann auch schon absehbar.

anonym 16.10.2022 | um 15:44 Uhr

Liebes Erythrosin. Für eure Räumlichkeiten gibt es noch Nutz- und Zeitkapazitäten. Würden da nicht eines der 3Projekte unterkommen???